Dr. Michael Endres im Interview

Dr. Michael Endres (ehemals Vorstandsmitglied der Deutsche Bank) war von 2000 bis 2012 Vorstandsvorsitzender der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. In dieser Zeit baute er die Stiftung maßgeblich auf und prägte die Ausrichtung der Stiftungsarbeit. In sein Wirken fällt die Gründung der großen Projekte und Institute der Stiftung wie u.a. die START-Stiftung, die Hertie School of Governance und das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung. Auch für Einzelmaßnahmen am Stiftungssitz Frankfurt hat Endres sich wiederholt eingesetzt, so unter anderem für das neue Städel und den Wiederaufbau der Alten Stadtbibliothek. Seit 2012 ist Endres Vorsitzender des Kuratoriums der Hertie-Stiftung.

Im Bild (v.l.n.r.): Hessens Finanzstaatssekretärin Dr. Bernadette Weyland, Dr. Michael Endres und seine Ehefrau, Ursula Endres-Hettlage. © Hessische Staatskanzlei

Hertie-Stiftung: Herr Dr. Endres, der Bundespräsident hat Ihnen das Verdienstkreuz 1. Klasse für Ihr Engagement verliehen. Ist das für Sie eher Motivation nicht nachzulassen oder eine schöne Anerkennung für das bisher Geschaffene?

Michael Endres: Ich beziehe diesen Orden nicht allzu sehr auf mich. Ich sehe ihn als eine Auszeichnung für die Stiftung, die in den letzten 15 Jahren ganz Erstaunliches geleistet hat. Durch die Großzügigkeit der Stifterfamilie und die gute Vermögensverwaltung wurden vorzügliche finanzielle Voraussetzungen geschaffen, um für die Gemeinschaft tätig zu sein. Das ist aber nur ein Teil. Der Stiftung ist es gelungen, mit ihren Projekten neue Akzente für die Gesellschaft zu setzen. Wir haben fast immer vernünftige Ideen und gute Leute für die Umsetzung gehabt und dabei eine große Wirkung erzielt.

Hertie-Stiftung: Die Auszeichnung erfolgte vor allem für zwei wichtige Projekte, einmal für START und auch für die Hertie School of Governance. Kommen wir zunächst zu START. Wie sehen Sie das Programm vor dem Hintergrund des aktuellen Flüchtlingszustroms?

Michael Endres: Wir haben damals erkannt, dass die Förderung begabter Zuwandererkinder ein wichtiges Thema und eine große Chance ist. Mittlerweile hat START knapp 2000 Alumni. Das sind junge Leute, die unsere Gesellschaft mitgestalten wollen und heute bereits mit ihren Erfahrungen und Fähigkeiten helfen, das Flüchtlingsproblem in die richtigen Bahnen zu lenken. START braucht, wie jeder erfolgreiche Automobiltyp, ab und zu ein Facelift - den machen wir jetzt mit der Schärfung des Profils, von dem auch Flüchtlinge profitieren. Es ist ein Programm, das einer breiten Öffentlichkeit bereits bekannt ist, das eine hohe Bindung an die Hertie-Stiftung schafft und in das sich vor allem viele Helferinnen und Helfer außerhalb der Stiftung einbringen. Die aktuell geplanten Angebote für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge scheinen mir eine sinnvolle Ergänzung.

Hertie-Stiftung: Trotzdem stellt sich die Frage, ob diese Zusatzangebote für unbegleitete Flüchtlinge nicht ein Tropfen auf den heißen Stein sind?

Michael Endres: Die Angebote einer Stiftung können immer nur Tropfen auf den heißen Stein sein, manchmal größere, manchmal kleinere. Stiftungen sind dazu da, Modelle zu schaffen, die übertragbar und skalierbar sind. Bei START haben wir mit 20 Stipendiaten angefangen, aktuell sind 650 in diesem Programm. Auch wenn wir die Probleme nicht im großen Maßstab lösen - wir können Modelle zeigen und der Staat greift eigentlich immer gerne auf uns zurück.

Hertie-Stiftung: Wenn wir zur Hertie School of Governance kommen, sind Sie zufrieden mit der Entwicklung? Ist die School da, wo sie sein soll?

Michael Endres: Wir haben damals mit der Hertie School und ihren Studiengängen einen völlig neuen, bis dato nicht vorhandenen Markt bearbeitet. Mit den stetig wachsenden Studierendenzahlen konnten wir den Nachweis erbringen, dass eine spezielle Ausbildung für modernes Regieren sinnvoll ist. Unser Ehrgeiz war und ist, Spitzennachwuchs für die Ministerien wie für die europäischen Behörden auszubilden. Unsere Absolventen sind aber genauso in den Non-Profit-Organisationen, dem Beratungsgewerbe und in den Behörden der Europäischen Union tätig. Die Schule  hat einen hervorragenden Ruf. In Berlin sagt man, sie hätte die besten und internationalsten Studierenden.

Hertie-Stiftung: Herr Dr. Endres, das Motto der Hertie-Stiftung lautet: „Anstoßen. Bewegen. Wirken. Sollte sie besser kurze Impulse geben oder einen langen Atem haben?

Michael Endres: Ich denke, dass es auf das Projekt ankommt. Wenn ein Projekt, und das ist der Normalfall, eine gewisse Zeit braucht, um wirklich zur Wirkung zu kommen, wie z.B. die Hertie School, müssen wir schon 10 Jahre rechnen. Ein kurzer Anlauf bringt hier nichts. Aber bei Projekten wie dem Neubau des Städels, wo eigentlich nur Geld und Mut gefragt waren, da reicht ein kurzer Impuls. Wir waren die Ersten, die eine Unterstützung für dieses Projekt erklärt haben. Wären wir „allein geblieben“, wäre die Förderung sehr gefährdet gewesen.

Hertie-Stiftung: Welche Herausforderung sehen Sie für die Hertie-Stiftung in Zukunft?

Michael Endres: Die Stiftung hat einige namhafte Großprojekte. Vorhaben wie die Hertie School bleiben nicht stehen, sie stellen sich immer neuen Aufgaben und reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen. So haben wir jetzt einen neuen Studiengang Master of International Affairs und ein neues Zentrum für internationale Sicherheitspolitik. Die Schule stellt sich immer neue Aufgaben. Solche Einrichtungen wachsen im Wandel. Die Stiftung hat in ihren Kernbereichen Bildung, Erziehung zur Demokratie und Neurowissenschaften eine hohe Kompetenz entwickelt. Das hat sich als richtig erwiesen. Es kommt zwar auf die Mittel an, aber die Kompetenz in diesen Feldern ist genauso wichtig und erfordert immer wieder neue Kreativität.

Hertie-Stiftung: Wenn Sie den Mitarbeitenden der Hertie-Stiftung etwas mitgeben wollen, was würden Sie sagen, was dürfen wir nie vergessen?

Michael Endres: Ich glaube, wir alle in der Stiftung müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir als Stiftung einen Beitrag zum bonum commune leisten sollen. Wir sind gefordert, zu helfen und zwar so, dass die Begünstigten es auch spüren und unsere Mitarbeitenden müssen Spaß dran haben.

Ein Motto über sein ganzes Leben zu stellen, ist immer eine zweifelhafte Sache. Aber wenn, dann würde ich es mit Shakespeare halten: "Dies über alles, sei Dir selber treu."

Hertie-Stiftung: Eine Frage noch zum Schluss: Sie bringen sich auch besonders hier in Frankfurt ein. Was schätzen Sie als Bayer an Frankfurt?

Michael Endres: Frankfurt ist eine faszinierende Stadt. Sie kommt dem Fremden offen entgegen und setzt sich mit neuen Herausforderungen auseinander. Sie hat eine Bürgerschaft, die durch die freie Reichsstadt geprägt ist und ein Portfolio an Aktivitäten, das nur ganz wenige haben. Ich denke etwa an die Universität, die nichtuniversitären Forschungseinrichtungen, wie die Max Planck Gesellschaften, aber auch an das ungeheuer aktive kulturelle Leben. Und sie ist eine Stadt, die immer im Wandel begriffen ist. Der Wandel ist gewissermaßen ihr Elexier. Das mit zu erleben und ein bisschen mitzugestalten, ist eine faszinierende Angelegenheit.

Wir bedanken uns sehr für das Gespräch.