Interview mit John-Philip Hammersen

Herr Hammersen, die Hertie-Stiftung finanziert das Projekt „Angekommen – und willkommen?!“. Was war die Motivation, gerade dieses Projekt zu unterstützen?
Die Hertie-Stiftung beobachtet das Flüchtlingsthema ohnehin seit jeher und engagiert sich auch in diesem Zusammenhang in mehreren Projekten. Außerdem ist unser Vorstandsvorsitzender Frank Jürgen Weise in seiner Funktion als Bamf-Chef oberster deutscher Flüchtlingsmanager. Auf lokaler Ebene und in Privatinitiativen wird schon viel getan. Mit diesem Projekt wollen wir auch unserem Stiftungszweck, zur Demokratie zu erziehen, gerecht werden. Wir stellen fest, dass junge Menschen sich sehr einseitig und selektiv  über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter informieren. Das halten wir für problematisch und wollen gerne gegensteuern. Schülerinnen und Schüler sollen sich über das Projekt intensiver und auch unter journalistischen Gesichtspunkten mit den Themen Flüchtlinge und Integration auseinandersetzen.

Haben Sie deshalb zehn Regionalzeitungen ausgewählt?
Die bundesweite Verbreitung ist uns wichtig und die beteiligten Tageszeitungen decken, wenn Sie so wollen, die Deutschlandkarte ab.

Und warum haben Sie sich für Tageszeitungen als Medienpartner entschieden?
Als gelernter Tageszeitungsreporter sehe ich selbst bei meinen eigenen Kindern mit Sorge, dass Tageszeitungen bei Jugendlichen kaum noch eine Rolle spielen. Uns ist aber wichtig, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass die Tageszeitung eine wichtige Informationsquelle bei dem demokratischen Meinungsbildungsprozess ist. Es wäre bedauerlich, wenn sie verschwindet.

Wer kam eigentlich auf die Idee des Projektes?
Wir haben gemeinsam mit dem IZOP-Institut das Projekt entwickelt. Ich kenne das Institut aus meiner Zeit als Pressesprecher der Bundesagentur für Arbeit und weiß, dass es eine besondere Expertise in der pädagogischen Betreuung bei Kooperationen mit Zeitungen hat.

Welche Wirkung versprechen Sie sich von dem Projekt und ist die Aktion mit der Veröffentlichung der Artikel aus den Gymnasien beendet?
Vorerst ist das ein einmaliges Projekt. Ich schließe aber eine Fortsetzung nicht aus, wenn die Reaktionen darauf positiv sind.

Wie müssen denn die Reaktionen ausfallen, damit es weitergeht?
Wir hoffen, dass es einen Multiplikator-Effekt gibt, etwa eine Diskussion auf den Leserbrief-Seiten der Zeitungen oder online. Ideal wäre, wenn sich das Projekt und die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Situation der Flüchtlinge auch in den sozialen Netzwerken verbreitet. Die Motivation an den Schulen ist ja sehr hoch, weil es derzeit kaum ein aktuelleres Thema gibt.

Wie steht die Hertie-Stiftung zu provokanten, möglicherweise problematischen oder einseitigen Schülerbeiträgen?
Wir sind da absolut offen. Wir wollen genau das, dass auch Jugendliche zu Wort kommen, die Ängste haben. Sie sollen auch die Konflikte benennen und Probleme kritisch hinterfragen, aber nicht mit Schaum vor dem Mund. Ganz im Sinn von Rudolf Augstein: Sagen, was ist. Guter Journalismus hat die Aufgabe, so zu informieren und Sachverhalte einzuordnen, dass sich die Leserinnen und Leser ein eigenes Bild machen können.

Inwiefern spielen die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderen Städten eine Rolle?
Wir wissen jetzt, dass nicht nur freundliche Menschen nach Deutschland gekommen sind. Eine gewisse Zeit gab es eine Euphorie, in der man diese Problematik nicht sehen wollte. Wir müssen uns auch fragen, mit welcher vorauseilenden Toleranz wir mit zu uns Fliehenden umgehen. Die Debatte, um die Unterdrückung von Informationen durch die Polizei und die Medien hat viele Menschen misstrauisch gemacht. Sie zweifeln daran, ob sie über die Medien noch objektiv auf dem Laufenden gehalten werden.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu dem Thema?
Meine Lebensgefährtin ist katholische Gemeindereferentin. In dieser Funktion und auch als Religionslehrerin trifft sie jeden Tag Flüchtlingskinder. Und wir beide überlegen uns gerade, wie wir uns persönlich noch mehr engagieren können.

Das Interview führten:
Dr. Sabine Puhlfürst, Martina Jahn, Elisabeth Schilling, Bettina Bäumlisberger, Rebecca Kaldenbach