Themenforum: Migration und Integration

„Was haben wir in 60 Jahren Zuwanderungsgesellschaft für die aktuellen Herausforderungen gelernt?“

Anne-Marie Kortas

Am Abend des 20. Aprils kamen 25 Akteure rund um das Themenfeld Migration und Integration im Zagreus Projekt in Berlin zusammen, um 60 Jahre Zuwanderungsgesellschaft BRD in der Themenreihe „Nach dem ‚langen Sommer der Migration‘: Die Nachhaltigkeit der ‚Willkommenskultur‘“ zu diskutieren. Die Reihe ist eine Kooperation zwischen dem Hertie-Innovationskolleg der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Dem Wunsch von Michael Knoll, Leiter des Berliner Büros und des Hertie-Innovationskollegs, diese Themenreihe möge ein freier Denkraum sein, in dem Praxis und Theorie zusammen kommen, wurde an diesem Abend entsprochen, da Wissenschaftler, Praktiker aus der Politik sowie Vertreter der Zivilgesellschaft intensiv über die Rolle der Migrationswissenschaft, die Spaltung der Gesellschaft und die Verwendung des Integrationsbegriffs diskutierten.

Den fachlichen Einstieg machte Frau Prof. Dr. Regine Römhild, Anthropologin an der Humboldt Universität zu Berlin, indem sie am Beispiel der „Global City“ Frankfurt am Main erläuterte, wie wichtig das Betrachten der bereits aktiven Gruppen im Migrationsbereich für das Finden von aktuellen Handlungsansätzen ist. Sie betonte, dass hier die klassischen Verhältnisse von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften lokal nicht mehr gelten. Dennoch habe Frankfurt, eine Stadt, welche zu den multikulturellsten und internationalsten Deutschlands gehört, auf lokaler Ebene viele erfolgreiche Ansätze gefunden, um eine Internationalisierung umzusetzen. Städte, welche per se Orte der sozialen, kulturellen sowie konfessionellen Vielfalt darstellen, werden laut Römhild aufgrund ihres Wachstums in Zukunft eine noch wichtigere Rolle bei dem Verhandeln vom gesellschaftlichen Zusammensein spielen. Römhild zählt dabei auf die „inklusive Kraft aus der Gesellschaft selbst“. Im Rahmen der aktuellen ankommenden Flüchtlinge müsse auf die Erfahrungen Frankfurts zurückgegriffen werden. Sie mahnte in ihrem Input aber auch, dass selbst diese Stadt eine Zweiteilung der Migranten erlaubt, in der die einen (vor allem die türkischen Gastarbeiter) aufgefordert werden sich anzupassen während die anderen (z.B. internationale Mitarbeiter der Banken) nicht einmal Deutsch lernen müssen. Diese Situation müsse man beheben und bei den Neuankömmlingen vermeiden.

Paradigmenwechsel erfolgt?

In den folgenden Diskussionsrunden wurde intensiv die neue Realität in Deutschland seit dem Sommer 2015 besprochen. Die Teilnehmer waren sich einig, dass ein Paradigmenwechsel mit vielen Facetten eingetreten ist. So sei aktuell ein Zwiespalt der Gesellschaft zu spüren, der durch eine sehr aktive Zivilgesellschaft aber auch durch das Aufflammen offener Anfeindungen gegenüber Migranten geprägt ist. Mit Sorge wurde betrachtet, wie diese Angriffe durch Medien und Politik zugelassen und nicht scharf genug verurteilt wurden. Heute werde Migration anders als noch zu Nachkriegszeiten nicht mehr als Lösung, sondern als Teil des Problems gesehen, was sich in dem Begriff „Flüchtlingskrise“ manifestiere.

Wie hilft Migrationsforschung bei der Meinungsbildung?

Aus diesem Grund stellte sich an dem Abend häufig die Frage, welche Rolle die Wissenschaft bei der Meinungsbildung einnehmen kann. Ohne endgültige Antworten über die Art der Vorgehensweise finden zu können, wurde deutlich, dass MigrationswissenschaftlerInnen aktiver an das Thema herantreten müssen. Es müssen Wege gefunden werden, trotz oder gerade wegen der sich wandelnden Realitäten, die Menschen mit Fakten zu erreichen und den oberflächlichen Parolen ein Gegengewicht zu bieten. In diesem Rahmen wurde ebenfalls betont, dass Informationen auch über untypische, aber dem Bürger vertraute Ansprechpartner kanalisiert werden müssen, wie z.B. lokale Vereine.

Letztlich wurde an dem Abend umfassend die Verwendung des Begriffes Integration debattiert, mit dem Ergebnis, man dürfe den Begriff nicht aufgeben, sondern müsse ihm die richtige Konnotation auferlegen und für die Allgemeinheit „zurückerobern“. Der Begriff dürfe nicht mehr mit Anpassung und Eingliederung einer Gruppe in eine andere behaftet sein, sondern solle die gegenseitigen Anstrengungen für ein gemeinsames Zusammenleben widerspiegeln. Bei all den medialen sowie diskursiv-kulturellen Debatten des Abends wurde aber auch auf die Wichtigkeit der Betrachtung des Alltags verwiesen, welcher bereits viele gute Beispiele für den Umgang mit großen Gruppen von Neuankömmlingen bringe. Diese Betrachtung sowie das Schaffen von Räumen für das Thema „Sicherheit und Migration“ in der Debatte erlaube es, die Fehler früherer Einwanderungsperioden zu vermeiden und den Paradigmenwechsel in Deutschland gemeinsam mit den Bürgern positiv zu gestalten.

Persönliches Fazit des Abends

Für mich waren vor allem die Einblicke in die Bedürfnisse der Migrationsforscher eine große Bereicherung. Mit großem Interesse beobachtete ich, wie die häufigen ad hoc Anfragen der Medien den WissenschaftlerInnen keine Zeit für untermauerte Aussagen gegen die politisierte Stimmung in Deutschland lassen. Ein Dilemma, da diese Medien wichtige Meinungsträger sind und die positiven und fachlichen Angaben an eine breite Masse bringen könnten. Den Abend rekapitulierend, ist dies ein Spannungsfeld, welches mein Projekt im „Hertie-Innovationskolleg – Center for Advanced Practitioners“ nicht vernachlässigen darf.