Hertie-Senior-Forschungsprofessur Neurowissenschaften

Das Modell der Stiftungsprofessur

Die Hertie-Senior-Forschungsprofessur Neurowissenschaften richtet sich an herausragende Neurowissenschaftler ab 60 Jahren, welche die abschließenden Jahre ihrer beruflichen Laufbahn ausschließlich der Forschung widmen wollen. Sie versteht sich zugleich als Auszeichnung für langjährige Spitzenleistung von erfahrenen Neurowissenschaftlern. Sie hat einen Förderumfang von insgesamt 1 Mio. Euro über eine Laufzeit von max. acht Jahren und ist entsprechend den jetzigen Bezügen des  Kandidaten dotiert (einschließlich der Leistungen für Pensionsansprüche, Krankenversicherung etc.).

Der Inhaber/die Inhaberin der Stiftungsprofessur verpflichtet sich, alle Managementaufgaben (Leitung einer Klinik, eines SFB u.a.) mit Antritt der Forschungsprofessur abzugeben und er bekommt Arbeitsmöglichkeiten (Laborräume, Forschungsbudget etc.) nach dessen Vorstellungen und in Absprache mit der Universität über die Laufzeit zur Verfügung  gestellt. Weiterhin ist ein Zuschlag für außergewöhnliche Forschungsleistungen möglich, der als Leistungsvereinbarung zwischen Stiftungsprofessor/in und Hertie-Stiftung festgelegt wird. Der Standort für die Ansiedlung der Stiftungsprofessur ist frei wählbar.

Motivation: Potential erfahrener Forscher erhalten

Ziel der Stiftungsprofessur ist es, das sehr große Forschungspotenzial älterer Wissenschaftler zu erhalten, zu fördern und bekannt zu machen: Immer noch selten erhalten Wissenschaftler im Alter von über 50 Jahren eine Berufung auf eine Lebenszeitprofessur. Europa und Deutschland sind aber allein schon aufgrund der demographischen Entwicklung zunehmend auf das Leistungspotenzial älterer Forscher angewiesen. Gerade sie besitzen spezifische Kompetenzen und Erfahrungen – etwa bei, der Begutachtung von Anträgen inwieweit deren Forschungsziele realisierbar sind.

Es gibt eine Reihe hochkarätiger Wissenschaftler, die jenseits der Pensionsgrenze hervorragende Forschungsleistungen erbringen. Als Beispiel sei nur der mittlerweile 82-jährige und noch immer in seinem Labor tätige amerikanische Nobelpreisträger Prof. Dr. Eric Kandel genannt. Folgerichtig holen US-Forschungseinrichtungen immer häufiger herausragende europäische und deutsche Wissenschaftler nach ihrer Pensionierung an ihre Institute – hoch motivierte Wissenschaftler, die es zu schätzen wissen, sich endlich ausschließlich und umfassend ihrer Forschung widmen zu können.

Alle Preisträger im Überblick

2017: Prof. Dr. Dr. h.c. Arthur Konnerth

Prof. Dr. Dr. h.c. Arthur Konnerth (geb. 1953) studierte Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), promovierte 1983 am MPI für Psychiatrie in München und habilitierte sich 1987 an der Technischen Universität München (TUM). Nach wissenschaftlichen Aufenthalten in den USA und am MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen war er Ordinarius für Physiologie an der Universität des Saarlandes, der TUM und der LMU. Seit 2005 ist er Friedrich-Schiedel-Professor und Direktor des Instituts für Neurowissenschaften der TUM.

Mit der Vergabe der Stiftungsprofessur an Prof. Dr. Dr. h.c. Arthur Konnerth ehrt die Stiftung das Lebenswerk eines herausragenden Neurowissenschaftlers und seine Beiträge zur Erforschung auf dem Gebiet der Visualisierung und funktionellen Charakterisierung einzelner Neuronen und Synapsen im Säugergehirn. Die Stiftung will ihm mit der Professur ermöglichen, die hochkarätige und Erfolg versprechende Forschung auf dem Gebiet der Neurophysiologie und dabei insbesondere seine Untersuchungen zu den Grundlagen der Alzheimer’schen Erkrankung fortzusetzen und zu intensivieren.

2015: Prof. Dr. Peter Hegemann

Prof. Dr. Peter Hegemann, geboren 1954 in Münster (Westfalen), studierte Chemie an der Universität Münster und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er promovierte am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried und forschte daraufhin zwei Jahre am Physics Department der Syracuse University (USA). Hierauf leitete er eine eigene Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut in Martinsried und habilitierte sich 1992 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1993 bis 2004 war er Professor für Biochemie an der Universität Regensburg und ist seit 2005 Inhaber der Professur für Experimentelle Biophysik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er zudem Visiting scientist am Howard Hughes Medical Institute, Janelia Research Campus (Ashburn), Virginia USA.

Herr Prof. Hegemann gilt als Mitbegründer der Optogenetik, ein noch junger Forschungszweig, welcher sich mit der Kontrolle von genetisch veränderten Zellen durch Licht auseinandersetzt. Prof. Hegemanns Arbeitsschwerpunkt liegt dabei auf dem Gebiet der experimentellen Biophysik, vor allem der Entdeckung und Charakterisierung lichtgeschalteter Ionenkanäle (Channelrhodopsine) und deren Einsatz zur Charakterisierung neuronaler Systeme (Optogenetik). Mit der Auswahl von Prof. Hegemann ehrt die Gemeinnützige Hertie-Stiftung sein Lebenswerk und ermöglicht ihm seine Erfolg versprechende Erforschung der Multi-Komponenten-Optogenetik fortzusetzen und zu intensivieren.

Für seine bisherigen wissenschaftlichen Verdienste wurde Peter Hegemann u. a. bereits mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Brain Prize der Grete Lundbeck European Brain Research Prize Foundation ausgezeichnet.

2013: Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Oertel

Prof. Dr. Wolfgang Oertel (geb. 1951) studierte Humanmedizin an der Freien Universität Berlin. Dort wurde er 1978 mit einer tierexperimentellen Arbeit promoviert, bevor er einen dreijährigen Forschungsaufenthalt am Laboratory of Clinical Science, National Institute of Mental Health (Bethesda, USA) absolvierte. Bis 1986 folgte seine Zeit als Assistenzarzt an der Neurologischen Klinik und Poliklinik der Technischen Universität München mit dem Ziel des Facharztes für Neurologie. In seiner währenddessen verfassten Habilitationsschrift legte er Zeugnis ab über seine Arbeiten zu GABAergen Neuronen im ZNS der Ratte. Bis 1990 war Prof. Oertel Heisenbergstipendiat mit dem Schwerpunkt auf Grundlagenforschung und klinische Forschung über Neurodegenerative Erkrankungen. Nach seiner Zeit als Oberarzt an der Neurologischen Klinik und Poloklinik der Ludwigs-Maximilians-Universität München, ist Prof. Oertel seit 1996 Direktor der Klinik für Neurologie der Philipps-Universität Marburg.

Mit der Vergabe der Stiftungsprofessur an Herrn Prof. Oertel ehrt die Stiftung das Lebenswerk eines herausragenden Neurowissenschaftlers und seine Beiträge zur Erforschung der Parkinson-Krankheit. Prof. Oertel erforschte unter anderem die frühe Phase der Erkrankung durch die Untersuchung von Schlafverhaltensstörungen. Darüber hinaus entwickelte er ein therapeutisches Forschungskonzept, das von der präklinischen Diagnostik bis hin zur krankheits-modifizierenden Therapieentwicklung reicht.

2011: Prof. Dr. Hartmut Wekerle

Prof. Dr. Hartmut Wekerle (geb. 1944) studierte Medizin an der Universität Freiburg, wo er 1971 promoviert wurde. Anschließend arbeitete er am Weizmann Institute of Science in Rehovot, Israel. Ab 1973 forschte Hartmut Wekerle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg und ab 1982 als Leiter der Klinischen Forschungsgruppe für Multiple Sklerose der Max-Planck-Gesellschaft in Würzburg. 1980 wurde er zum Professor für Immunologie an die Universität Freiburg berufen. Seit 1988 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried.

Das Forschungsgebiet von Prof. Wekerle sind die Ursachen und Mechanismen von Krankheiten, die aus einem Konflikt zwischen Immun- und Nervensystem entstehen. Er legt einen klaren Fokus auf die Erforschung der Multiplen Sklerose und verfolgt das Ziel, neue Therapieansätze zu entwickeln. In seiner Forschung konnte er erstmals nachweisen, dass sich bestimmte Immunzellen auch gegen Zellen des eigenen Körpers richten können. Zudem konnte er zeigen, dass es den Zellen möglich war, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und in der Folge auch Nervengewebe anzugreifen.

2009: Prof. Dr. Adriano Fontana

Prof. Fontana (geb. 1946) war Direktor der Klinik für Immunologie des Universitätsspitals der Universität Zürich. Er befasst sich insbesondere mit der Erforschung und Behandlung von entzündlichen Erkrankungen des Gehirns bzw. Zusammenhänge zwischen dem Immun- und Nervensystem. Ein Großteil seiner wissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigt sich mit körpereigenen, entzündungsmodulierenden Botenstoffen, den sogenannten Zytokinen. Bei chronischen Erkrankungen, wie z. B. der Multiplen Sklerose, werden Zytokine ausgeschüttet und beeinflussen die Aktivität der Zellen des Immunsystems.

Prof. Fontana gehört als internationaler Experte im Bereich der Neuro- und Infektionsimmunologie zu den 100 weltweit am häufigsten zitierten Immunologen. Er ist Mitglied zahlreicher neurowissenschaftlicher Gremien und Beiräte, u. a. seit 2004 wissenschaftliches Beiratsmitglied der Fondation Leenaards und seit 2008 Stiftungsratsmitglied der Stiftung Prof. Dr. Max Cloëtta.

Zu den zahlreichen Ehrungen, die Prof. Fontana in der Vergangenheit erhielt, gehörten im Jahre 1999 der Deutsche AIDS-Forschungspreis, den er sich mit drei weiteren Kollegen teilt, sowie im Jahre 1997 der Hoechst Marion Roussel-Multiple-Sklerose-Forschungspreis, den er gemeinsam mit zwei weiteren Fachkollegen erhielt. Im Juni 2017 lief seine Hertie-Senior-Forschungsprofessur aus.

2008: Prof. Dr. Dr. h. c. Frank Lehmann-Horn

Prof. Lehmann-Horn (geb. 1948 bei Nürnberg) war Direktor des Instituts für Angewandte Physiologie der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm und befasste sich mit den verschiedenen Aspekten von Ionenkanälen. Mutationen in Ionenkanalgenen können die Ursache von Erkrankungen wie Epilepsien oder Herzrhythmusstörungen sein. Aber auch der plötzliche Herztod von Berufssportlern oder tödliche Narkosezwischenfälle gehören zu den Krankheitsbildern. Prof. Lehmann-Horn war Sprecher des Neuromuskulären Zentrums der Universität Ulm und hatte zahlreiche Leitungsfunktionen inne. So war er Leiter des von DFG und DAAD geförderten Internationalen Promotionsprogramms und Koordinator des EU-Netzwerkes „ECC and Ca signaling in health and disease". Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Darunter waren der Jahrespreis der Periodic Paralysis Association und der Art of Listening Award der Genetic Alliance in Washington, D.C., der erstmals außerhalb der Vereinigten Staaten vergeben wurde.

Die Hertie-Senior-Forschungsprofessur wurde ihm am 25. Juni 2008 an der Universität Ulm durch Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan verliehen und lief im September 2016 aus.

2007: Prof. Dr. Michael Frotscher

Prof. Dr. med. Michael Frotscher (geb. 1947 in Dresden) war Direktor des Instituts für Strukturelle Neurobiologie am Zentrum für Molekulare Neurobiologie Hamburg (ZMNH), wohin er im Mai 2011 von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg wechselte. Seit Beginn seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat ihn die Frage interessiert, welche Strukturen ausgebildet werden, um die komplexen Leistungen des Nervensystems zu vollbringen. Er hat zahlreiche Forschungspreise erhalten, zu denen der Förderpreis für deutsche Wissenschaftler im Gottfried Wilhelm Leibniz-Programm der DFG, der Landesforschungspreis Baden-Württemberg und der Ernst Jung-Preis für Medizin zählen. Prof. Frotscher hat darüber hinaus unterschiedliche Aufgaben der Lehre und der Forschungsorganisation erfolgreich übernommen, unter anderem als Sprecher von Sonderforschungsbereichen. Im Rahmen der Hertie-Senior-Forschungsprofessur hat er sich vor allem der Frage nach der funktionellen Bedeutung von anatomischen Ordnungsprinzipien in höheren Hirnarealen, wie dem Hippokampus, widmen. Die Seniorprofessur wurde in einer Feierstunde in Freiburg am 31. Januar 2008 durch den Vorstandsvorsitzenden der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, Herrn Dr. Michael Endres, verliehen.

Prof. Frotscher verstarb unerwartet im Juni 2017. Mit ihm haben wir nicht nur einen herausragenden Forscher verloren, sondern auch einen offenen, engagierten und geschätzten Menschen. Unser Mitgefühl gilt allen, die ihm nahestanden.

2006: Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas Brandt

Die erste Seniorprofessur wurde im Juli 2005 ausgeschrieben.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Thomas Brandt (geb. 1943 in Dessau) ist seit 1984 Ordinarius für Neurologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat in dieser Zeit 40 Mitarbeiter habilitiert, acht erhielten wiederum Rufe als Ordinarien. Er war Sprecher eines Sonderforschungsbereichs der DFG, hat eine Reihe von wissenschaftlichen Preisen erhalten, die Barany Gold Medal 2000 in Schweden, und ist Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Zeitschriften wie dem Journal of Neurology. Im Rahmen der Hertie-Senior-Forschungsprofessur will er vor allem seine Arbeiten zum vestibulären und okulomotorischen System sowie zur visuell-vestibulären Interaktion für Wahrnehmung, Gleichgewichtsregulation und Blicksteuerung intensivieren und deren Störung bei der Schwindelsymptomatik untersuchen.

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