„Ein Blick von außen kann nie schaden“

L ucas Schirmer lebt seit über drei Jahren an der Westküste der USA und beschäftigt sich mit den neurobiologischen Grundlagen der Multiplen Sklerose. Im Rahmen des Programms medMS MyLab 2018 hat der Mediziner und Neurowissenschaftler eine umfassende Forschungsförderung durch die Hertie-Stiftung erhalten. Lucas Schirmer hat in Göttingen Humanmedizin studiert und an der Technischen Universität München seine neurologische Facharztausbildung absolviert, bevor er für einen Auslandsaufenthalt an die University of California nach San Francisco gegangen ist. Er wird ab Oktober 2018 als Oberarzt der Neurologischen Universitätsklinik der Universitätsmedizin Mannheim eine eigene Arbeitsgruppe aufbauen und sich um die Betreuung von Patienten mit Multipler Sklerose kümmern. Wissenschaftlich wird er sich mit neurobiologischen und klinischen Fragestellungen auseinandersetzen, um damit einen wichtigen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Krankheit zu leisten.

Lucas Schirmer im Labor der UCSF am Mikroskop, Foto: Lucas Schirmer
Die Golden Gate Bridge, Wahrzeichen der Bay Area, Foto: Lucas Schirmer

Wir Forscher müssen oft nach dem Motto 'Thinking outside the box!' arbeiten.

Lieber Herr Schirmer, wann haben Sie die besten Ideen?

Sportlicher Ausgleich ist für mich sehr wichtig und hilft mir neue Ideen zu entwickeln. Ich gehe gerne joggen und mache Yoga, um den Kopf freizubekommen. Wir laufen regelmäßig mit Freunden durch den Golden Gate Park bis zur Pazifikküste und wieder zurück. Beim Laufen und dem Blick über den Pazifik ist in meinem Kopf Platz für neue Ideen und andere Sichtweisen. Mit meiner Partnerin jogge ich am Wochenende meist zusammen die San Francisco Bay entlang und wir genießen es sportlich die Stadt zu erkunden. Den für die Stadt typischen Wind versuchen wir dann mit in den Alltag zu nehmen, um neue Herausforderungen anzugehen und den ebenso für die Stadt typischen Nebel hinter uns zu lassen.

Was tun Sie, um sich etwas Gutes zu tun?

Neben meinem regelmäßigen Sportprogramm genieße ich kleine Kurztrips und gehe gerne auf Reisen. Zusammen mit meiner Partnerin haben wir schon viele Orte entlang der Westküste und im Landesinneren der USA entdeckt. San Francisco und das Umland bieten viele Möglichkeiten, um zu entspannen und sich inspirieren zu lassen. Mit dem Auto lässt sich die Küste gut erkunden, und uns gefällt sowohl der raue kalifornische Norden aber auch die sonnenverwöhnten Strände im Süden. Generell jedoch fliegt man in den USA mehr als man es in Europa gewohnt ist wie etwa zum Skilaufen in den Rocky Mountains oder um Orte an der Ostküste zu besuchen.

Die Golden Gate Bridge bei Sonnenuntergang, Foto: Lucas Schirmer

Wie motivieren Sie sich, wenn es bei Ihrer Forschung mal nicht weitergeht?

Wenn ich bei einem wissenschaftlichen Problem nicht weiterkomme, versuche ich mich abzulenken, um auf neue Gedanken zu kommen. So finde ich beispielsweise Zerstreuung und gewinne neue Einblicke beim Wandern in der nahen Sierra Nevada, einem guten Jazz-Konzert oder beim Lesen eines spannenden Buches. Aber auch die Unterhaltung mit Freunden, die nicht unbedingt vom Fach sind, wirkt oft stimulierend und hilft mir einen unkonventionellen Blick auf den Sachverhalt zu entwickeln. Ein Blick von außen kann nie schaden und wir Forscher müssen oft nach dem Motto „Thinking outside the box!“ arbeiten. Während meiner Reisen zu diversen Konferenzen lerne ich immer wieder neue Orte und Sichtweisen kennen, die mich bei meinen Projekten weiterbringen und meinen Horizont erweitern.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Ich denke, dass das typisch amerikanische Sprichwort „Go for opportunities!“ mein Lebensmotto ganz gut beschreibt. Es besagt, dass man jeder Möglichkeit, die einem angeboten wird, offen und neugierig begegnen sollte. Man weiß vorher nie genau, was passieren wird. Deshalb gelobe ich mir Offenheit für alles Neue, was mir begegnet und freue mich auf die nächste Herausforderung.

Lucas Schirmer beim Bay to Breakers Run 2018, Foto: Lucas Schirmer

Ich bin sehr glücklich, dass ich immer Mentoren und Förderer an meiner Seite hatte.

Der Blick auf San Francisco von den berühmten Twin Peaks aus betrachtet, Foto: Lucas Schirmer

Sind Sie für etwas besonders dankbar, was Ihnen in Ihrem Leben passiert ist?

Ich bin vor allem dankbar, dass ich die Möglichkeit habe die klinische Tätigkeit mit Patienten mit der Forschung zu verbinden. Dieses Wechselspiel ist extrem spannend, und Erkenntnisse aus der klinischen Praxis lassen sich oft in wissenschaftliche Projekte übertragen oder bilden das Fundament für ein neues Projekt. Neben der Unterstützung durch meine Eltern, Freunde und meine Partnerin bin ich sehr glücklich, dass ich immer Mentoren und Förderer an meiner Seite hatte, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Aber am meisten dankbar bin ich für jene Verkettung von Zufällen, die mein Leben zu dem gemacht haben, was es jetzt ist.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Es gibt viele Lieblingsorte, an denen ich mich wohl fühle und Kraft schöpfen kann. Ich stehe hier in San Francisco gerne am Strand und lasse dabei den Blick in die Ferne schweifen oder genieße den herrlichen Sonnenuntergang über dem Ozean vom Dach unseres Institutsgebäudes. Daneben vermisse ich aber auch die gewohnte Kultur, die Familie und Freunde in der Heimat. Deshalb freue ich mich umso mehr auf meine kommende Zeit in Mannheim ab Ende dieses Jahres.

Wen würden Sie gerne mal auf einen Kaffee treffen?

Ach, da fallen mir auf Anhieb viele aufregende Menschen ein. Vielleicht wäre ein runder Tisch mit mehreren interessanten Personen am spannendsten. Mir fallen hier zum Beispiel Unternehmer aus dem nahen Silicon Valley wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg ein, die sich auf vielen Geschäftsfeldern betätigen und Innovationen fördern, womit stets auch immer wieder Impulse für neue wissenschaftliche Technologien gegeben werden. Aber auch Wissenschaftler wie Stephen Hawking oder Ben Barres wären sicher spannende Gesprächspartner in einer solchen Runde. Beide waren zum einen herausragende Forscher, aber zum anderen auch Vorbilder als Menschen, die neue und unorthodoxe Ideen und Konzepte entwickelt und diese konsequent verfolgt und verteidigt haben.

Zur Person

Dr. Lucas Schirmer forscht aktuell noch in San Francisco und wird ab Oktober 2018 als Oberarzt der Neurologischen Universitätsklinik der Universitätsmedizin Mannheim eine eigene Arbeitsgruppe aufbauen. 2018 hat er im Rahmen des medMS MyLab Programms eine Forschungsförderung durch die Gemeinnützige Hertie-Stiftung erhalten.

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