„Ich bin Mama mit MS, na und!“

Britta Haas erfuhr vor fünf Jahren von ihrer Krankheit Multiple Sklerose - und ist heute Mutter von zwei süßen Jungs.


Die meisten Frauen, die an Multipler Sklerose (MS) erkranken, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt – eine Lebensphase, in der Kinderwunsch und Familienplanung häufig an erster Stelle stehen. Fällt dann die Diagnose, tauchen plötzlich viele Fragen auf, und die Verunsicherung ist groß. Dass MS-Patientinnen keineswegs auf ihr Familienglück verzichten müssen, zeigt die Geschichte von Britta Haas aus Hamm (33). Die Verkäuferin erfuhr vor fünf Jahren von ihrer Krankheit - und ist heute Mutter von zwei süßen Jungs. 

Wenn Britta Haas ihrem dreijährigen Sohn Elias im Garten beim Spiel zusieht, fühlt sich das einfach nur wie Glück an. Sein Staunen über die Butterblumen, die freche Amsel, die an den Kirschen knabbert. Die 33-Jährige hält Baby Jonas auf dem Arm – und es ist wieder einer dieser Momente, der alles vergessen lässt, was sie und ihren Mann Peter so lange umtrieb: die Unsicherheit, die vielen Fragen und die Sorge, dass alles gut gehen würde, als sie planten, eine eigene Familie zu gründen. 

Britta Haas war 28 Jahre alt, als sie die Diagnose Multiple Sklerose (MS) bekam. Es begann mit einem grauen Schleier auf den Augen, schon zwei Jahre zuvor, aber damals schickte sie der Arzt mit ein paar Tropfen zur Pupillenerweiterung wieder nach Hause und alles war gut. „Irgendwann hatte ich wieder diesen Schleier über den Augen, konnte kaum sehen“, erzählt Britta Haas, „zum Glück überwies mich ein anderer Augenarzt diesmal gleich zum Neurologen.“ Nach vielen Untersuchungen stand die Diagnose fest: Multiple Sklerose. Die chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems wird auch die „Krankheit mit den vielen Gesichtern genannt“, weil ihre Symptome so unterschiedlich sind, oft treten Lähmungen, ein Kribbeln in Händen und Füßen oder Sehstörungen auf. Der Verlauf ist meist schubförmig, die Ursachen sind bisher kaum bekannt. Eine Heilung gibt es nicht, aber durch Medikamente lässt sich MS gut behandeln. Zu 72 Prozent sind Frauen von der Krankheit betroffen, meist sind sie zwischen 20 und 40 Jahre alt, wenn die Symptome erstmals auftreten. 

„Für mich war die Diagnose zunächst ein Schock“, sagt sie, „plötzlich stellt sich das Leben ganz anders dar.“ Damals arbeitet Britta Haas als Verkäuferin in einem Motorradgeschäft, war mit ihrem späteren Ehemann Peter, einem Lehrer, glücklich. „Dass ich einmal Kinder haben wollte, war für mich immer klar“, erzählt Britta Haas, „die MS konnte mich nicht davon abbringen.“ Auch als irgendwann der erste Schub kam, die Finger und der Fuß kribbelten, blieb die junge Frau dabei, nahm weiter ihre Medikamente. Nur ihr Lebensgefährte Peter war anfangs skeptisch. Würde seine Frau die Schwangerschaft gut überstehen? Würde das Kind im Bauch Schaden nehmen? Ihre vielen Fragen stellten sie ihrer Neurologin. „Die Ärztin sagte mir, dass ich durchaus Mutter werden könnte, mich nur regelmäßig untersuchen lassen müsste. Also versuchten wir es.“ Und es klappte. „Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen, nur manchmal bekam ich Kopfschmerzen, wenn ich zu lange in der Hitze war, typisch für MS-Patienten.“ Am 14.2.2015 kam Elias zur Welt, ihr Wunschkind. 

Dass ich Kinder haben wollte, war für mich immer klar

Britta Haas stillte ihren Sohn, genoss diese Zeit. Medikamente nahm sie nicht, während der Stillzeit würden kaum Schübe auftreten, hatte man ihr gesagt. Doch es kam anders. Vier Monate nach Elias‘ Geburt hatte sie plötzlich dieses Kribbeln in den Händen, sie konnte die Zahnbürste nicht mehr halten, die Sprache versagte – und das alles im Sommerurlaub auf dem Campingplatz. „Ich gehörte zu den 30 Prozent der Mütter, die nach drei bis vier Monaten Stillzeit einen Schub bekommen“, sagt Britta Haas, „nur die Zahl kannte ich damals nicht, sonst hätte ich früher abgestillt.“ In der Klinik durfte sie Elias ein letztes Mal die Brust geben, dann musste sie wieder ihre Medikamente nehmen. „Ich habe damals eine Woche lang nur geweint“, sagt Britta Haas, „plötzlich sein Baby nicht mehr stillen zu dürfen, war schlimm.“ Schlimm waren auch die Unsicherheit, die unterschiedlichen Auskünfte, die Angst des jungen Vaters um Frau und Kind. 

Damals in der Klinik bekam Britta Haas Hilfe. Ein Arzt stellt ihr „Plan Baby bei MS“ vor, ein Projekt der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), das MS-Erkrankten mit Fragen zu Kinderwunsch, Schwangerschaft und Elternschaft eine unabhängige Telefonberatung anbietet. 

„Eine MS-Diagnose bedeutet für eine Frau in der Regel nicht, dass sie auf  eigene Kinder verzichten muss“, sagt PD Dr. Kerstin Hellwig, medizinische Beraterin von „Plan Baby bei MS“ und Projektleiterin des ersten bundesweiten Registers für Schwangere mit Multipler Sklerose, „wichtig ist allerdings eine kompetente medizinische und psychosoziale Beratung, um der Patientin mit all ihren Fragen und Ängsten zur Seite zu stehen. ‚Plan Baby bei MS’ deckt all diese Beratungs-Bereiche ab, das macht dieses Angebot so wertvoll und einzigartig.“  

Es tut gut, mit jemandem über die Krankheit reden und alle Fragen stellen zu können

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung ist von „Plan Baby bei MS“ ebenso überzeugt und unterstützt die Beratungseinrichtung im Rahmen ihres Projektes mitMiSsion erneut für zwei Jahre mit 98.000 Euro. Als größter privater Förderer der Hirnforschung in Deutschland engagiert sich die Hertie-Stiftung seit ihrer Gründung für die Bekämpfung von Multipler Sklerose durch Forschungsförderung, Unterstützung von Betroffenen und den Abbau von Vorurteilen. Mit dem Projekt mitMiSson fördert die Hertie-Stiftung Selbsthilfe-Angebote, die MS-Betroffenen eine Unterstützung im Alltag bieten, wie „Plan Baby bei MS“. „Familienplanung ist für junge Menschen ein so wichtiges Thema, dass es nicht an falscher oder fehlender Beratung scheitern darf“, sagt Dr. Eva Koch, Leiterin der MS-Projekte bei der Hertie-Stiftung, „wir sind froh, die Betroffenen hier unterstützen zu können.“ 

Auch Britta Haas meldete sich bei „Plan Baby bei MS“ an und wird bis heute regelmäßig telefonisch betreut. „Es tut gut, mit jemandem über die Krankheit reden und alle Fragen stellen zu können“, sagt sie, „gerade beim ersten Kind ist man manchmal noch unsicher.“

Dann kamen wieder ruhigere Zeiten. Britta Haas kümmerte sich um Söhnchen Elias, die Schübe blieben aus – und der Wunsch nach einem zweiten Kind wuchs. Im Mai 2017 wurde sie schwanger, am 14. Februar diesen Jahres kam Jonas zur Welt. „Die Schwangerschaft verlief viel entspannter“, erzählt die junge Mutter, „ich weiß heute sehr gut über meine Krankheit Bescheid und kann Situationen besser einschätzen“, sagt sie. „Anderen erkrankten Frauen mit Kinderwunsch kann ich nur raten, sich frühzeitig kompetente Beratung zu holen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir MS-Patientinnen sind nicht allein, dieses Gefühl stärkt mich als Mutter jeden Tag.“

Weiterführende Informationen

Die Hertie-Stiftung engagiert sich in vielfältiger Weise rund um die Nervenerkrankung Multiple Sklerose. Einerseits fördern wir die Neurowissenschaftliche Forschung zu MS, etwa mit dem medMS-Programm, das sich an forschende Ärzte und Doktoranden richtet. Aber wir unterstützen mit dem Hertie-Preis oder dem Förderprogramm mitMiSsion auch Betroffene, Initiativen und Unterstützer rund um MS. Die DMSG-Initiative "Plan Baby bei MS" bekam die Hertie mitMiSsion-Förderung im Jahr 2016.

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