Forschen für die Yeah-Momente

Dr. Carine Nguemeni will MS-Erkrankten helfen, ihren Gang zu stabilisieren.

Miteinander stark

Dr. Carine Nguemeni, Postdoktorandin an der Neurologischen Klinik der Universität Würzburg, über ihr Forschungsprojekt, den Gang von MS-Patienten mit Elektrostimulation zu verbessern. 

Menschen, die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sind, haben oft mit motorischen Einschränkungen zu kämpfen. Sie leiden unter Gangunsicherheit, wodurch die Sturzgefahr steigt. Hier setzt das Forschungsprojekt von Dr. Carine Nguemeni (34) an, das seit 2018 von der Hertie-Stiftung mit einer zweijährigen Förderung in Höhe von insgesamt 100.000 Euro unterstützt wird. Die Postdoktorandin an der Neurologischen Klinik der Universität Würzburg untersucht die Möglichkeit, durch Elektrostimulation des Gehirns den Gang von MS-Patienten zu stabilisieren. Welche Ergebnisse diese Studie bisher zeigt, und welche Erfahrungen die aus Kamerun stammende Biologin auf ihren internationalen Stationen sammelte, lesen Sie in unserem Interview.

Sie wollen durch Elektrostimulation des Gehirns die Gangstabilität von MS-Patienten verbessern und dadurch gefährliche Stürze verhindern. Wie muss man sich das vorstellen?

Die Grundidee ist, eine Kombination aus zwei Therapieverfahren zu nutzen, um den Gang der MS-Patienten zu stabilisieren. Eines der Verfahren ist ein spezielles Training auf einem geteilten Laufband, das aus zwei Bändern besteht, so dass die Patienten mit jedem Bein in minimal unterschiedlicher Geschwindigkeit gehen können. Auf diese Weise wird die Gangstabilität trainiert. Man kennt dieses asymmetrische Training auch aus der Behandlung von Schlaganfallpatienten. Dieses Laufbandtraining kombinieren wir mit der so genannten transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS), einer Elektrostimulation des Gehirns. Durch die tDCS, mit der die Patienten direkt vor dem Laufbandtraining therapiert werden, wird die Anpassungsfähigkeit des Gehirns für motorisches Lernen moduliert und ideal vorbereitet, so dass sich der positive Effekt des Gangtrainings verstärken kann. 

Ist eine Hirnstimulation mit Strom schmerzhaft und mit Nebenwirkungen verbunden?

Das tDCS-Verfahren ist eine nicht-invasive Hirnstimulation. Das bedeutet,dass die Hirnaktivität von der Oberfläche des Kopfes moduliert wird um kognitive, emotionale und motorisches Veränderungen zu provozieren. Haut oder Körper werden weder durchdrungen noch verletzt. Der Strom wird über sehr feine Elektroden zugeführt, die auf der Schädeldecke befestigt werden. Das Verfahren ist absolut schmerzfrei und sicher. Nebenwirkungen gibt es so gut wie keine. Gelegentlich fühlen die Patienten nach der 15-minütigen Anwendung ein leichtes Kribbeln bis Stechen an der Stimulationsstelle, das aber wenige Minuten nach der Stimulation Anwendung schon wieder verschwindet.

Welche Erfolge konnten Sie bisher bei den Patienten Ihrer Studie beobachten?

Es handelt sich um eine randomisierte Doppelblind-Studie. Das bedeutet, dass weder Patient noch Behandler wissen, welche Art der Hirnstimulation der Patient bekommt; also ob überhaupt und wenn ja, wie stark das Hirn stimuliert wurde. Diese Art von Studie minimiert die Voreingenommenheit von Behandler und Patient gegenüber der Therapie und maximiert die Gültigkeit der Ergebnisse. Deshalb ist es nicht möglich, solange die Studie noch läuft (bis Ende des Jahres), genaue Details zu den Effekten des tDCS-Verfahrens zu nennen. Dennoch kann ich sagen, dass die Ergebnisse bisher sehr vielversprechend aussehen, und dass wir insgesamt Veränderungen bei bestimmten Parametern des Ganges feststellen konnten, die mit dem Sturzrisiko zusammenhängen. So haben Patienten berichtet, dass sich ihre Gangstabilität noch bis zu einem Monat nach Ende ihrer letzten Therapieeinheit verbessert hat. Wir sind sehr begeistert über diese Berichte und voller Freude über eine mögliche Perspektive, diese Beobachtungen in einer noch größeren Gruppe von MS-Patienten bestätigen zu können.

Wann werden MS-Patienten mit diesem neuen Verfahren rechnen können?

Es ist im Moment noch nicht absehbar, wann diese Therapie zur Gangstabilisierung bei MS in der Klinik zum Einsatz kommt. Es fehlen noch zu viele Schritte, die zu klären sind. Vor allem der Beweis der Sicherheit und Reproduzierbarkeit unserer Ergebnisse unter unterschiedlichen Voraussetzungen. Daran arbeiten wir zurzeit.

Warum haben Sie sich gerade dieses Forschungsprojekt ausgesucht?

Mein genereller Forschungsschwerpunkt ist die motorische Adaptationsfähigkeit des Gehirns im Rahmen neurologischer Erkrankungen. Das bedeutet: Ich versuche herauszufinden, wie man dem Gehirn helfen kann, seine Plastizität und Kompensationsfähigkeit zu verbessern, damit Patienten mit neurologischen Erkrankungen ihre motorischen Fähigkeiten verbessern können. Denn wie gut Menschen mit einer Krankheit klarkommen, hängt immer auch davon ab, wie schnell ihr Hirn reagieren kann. In Kanada habe ich mich mit dem Thema Neuroplastizität und funktionelle Wiederherstellung nach Schlaganfall sehr beschäftigt. Seitdem ich 2016 nach Deutschland kam, arbeite ich nun auch an dem Thema Verbesserung der motorischen Adaptation bei MS-Patienten und war sehr glücklich, als ich 2018 eine Studie dazu beginnen konnte.

MS gilt als nicht heilbar - ist das für Sie als Wissenschaftlerin nicht manchmal frustrierend?

Nein, mich frustriert die Arbeit an der MS zu keiner Zeit, im Gegenteil. Es ist eine Herausforderung, sich mit der Unvorhersehbarkeit dieser Erkrankung zu befassen. Gerade in den vergangenen Jahrzehnten hat es eine beeindruckende Entwicklung in der MS-Forschung gegeben, mit neuen Erkenntnissen und neuen Technologien. Ich bin jedes Mal dankbar und ermutigt, wenn mir ein Patient erzählt, dass er seit unserem letzten Training nicht gestürzt ist, und dass sich sein Gang stetig verbessert. Das ist einer dieser „Yeah!“-Momente.

Haben Sie sich als junges Mädchen auch schon für Neurologie interessiert?

Nicht direkt für Neurologie, aber für Biologie. Wie es bei vielen Familien in Afrika üblich ist, hat auch meine Mutter einen Garten mit medizinischen Heilpflanzen. Sie verschrieb uns immer eine Mixtur gegen alle möglichen Beschwerden über Kopfschmerzen, Erkältungen bis hin zu Malaria. Sie heilte uns mit ihren Pflanzen, konnte aber nie erklären, welches Kraut warum und wie wirkte. Also begann ich schon in meiner frühen Kindheit, die Mechanismen biologischer Vorgänge zu hinterfragen. Später studierte ich in Kamerun Biochemie und in Frankreich Neurophysiologie.  

Sie haben auch in Kanada gearbeitet. Welche Erfahrungen konnten Sie als Wissenschaftlerin an Ihren internationalen Stationen sammeln? Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zu Deutschland?

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich auf wissenschaftlicher Ebene sehr weiterentwickelt habe. War meine Herangehensweise zu Beginn in Kamerun und Frankreich noch sehr von der molekularen Forschung an Zellen und Tieren als Forschungsobjekte geprägt, ist es heute die Arbeit mit und am Menschen, für die ich nun einen systemischen Ansatz im klinischen Kontext verfolge. Meine Denkprozesse haben sich auf diesem Weg sehr verändert, und meine internationale Reise hat mich flexibler werden lassen. Im Großen und Ganzen konnte ich auf meinen Stationen einige strukturelle Unterschiede im Hinblick auf die einzelnen Forschungssysteme feststellen. Deutschland gehört zu den führenden Forschungsnationen weltweit. Besonders, habe ich hier eine exzellente Forschung kennengelernt, die so viele Möglichkeiten bietet, multidisziplinäre Projekte zwischen Universitäten und Instituten zu entwickeln. Ich fühle mich privilegiert, in einer so stimulierenden Umgebung zu arbeiten, umgeben von enthusiastischen und großartigen Köpfen. Wenn ich noch etwas Humorvolles zu internationalen Arbeitsgewohnheiten anmerken darf: Die deutsche Pünktlichkeit ist auf jeden Fall kein Mythos …  

Zum Welt-MS-Tag - wie schätzen Sie die Bedeutung solcher Motto-Tage ein?

Der Welt-MS-Tag ist sehr wichtig für die Patienten, ihre Angehörigen, Ärzte und Wissenschaftler aber auch für die Öffentlichkeit. Es ist eine Möglichkeit, sich auszutauschen, zu ermutigen und zu vernetzen. Das Motto in diesem Jahr ist „Miteinander Stark“. In Zeiten einer weltweiten Pandemie gilt es sicher mehr denn je zusammenzuhalten.

Was ist Ihre Vision? Welche Ziele möchten Sie noch erreichen?

Wangari Muta Maathai, die erste afrikanische Nobelpreisträgerin, sagte: „Jeder Mensch, der jemals etwas erreicht hat, ist viele Male zu Boden gegangen. Aber sie alle richteten sich selbst wieder auf und machten weiter, das ist es, was ich immer versucht habe zu tun.“ Diese Worte fassen meine Vision zusammen: In der Lage zu sein, eine Karriere und ein Leben zu verfolgen, das ständiges Lernen und Weiterentwickeln beinhaltet. Trotz Hürden mit dem ultimativen Ziel, alles, was ich auf meinem Weg erreichen werde, zugunsten anderer zu teilen.

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung