Dr. Eveniya Sayko moderiert eine Podiumssitzung

"Es sind ganz oft Frauen, die die Welt verbessern."

demoslam-Gründerin Dr. Evgeniya Sayko über 100 Jahre Frauenwahlrecht, Gleichberechtigung unter den Geschlechtern und das russische Frauenbild.

Interview mit Dr. Evgeniya Sayko

'demoslam'-Gründerin Dr. Evgeniya Sayko über 100 Jahre Frauenwahlrecht, Gleichberechtigung unter den Geschlechtern und das russische Frauenbild.

100 Jahre Frauenwahlrecht sind ein Grund für uns zu feiern! Aus diesem Anlass stellen wir in diesem Jahr Frauen aus der Hertie-Welt mit ihren Errungenschaften in den unterschiedlichsten Feldern vor. Freuen Sie sich mit uns auf beeindruckende Persönlichkeiten von der Schülerin über die exzellente Wissenschaftlerin bis hin zur Bundestagsvizepräsidentin.

Wir feiern in diesem Jahr 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland, einen der wichtigsten Meilensteine zur Gleichberechtigung. Frau Dr. Sayko, was verbinden Sie mit diesem Jubiläum?

Meiner Generation ist es gar nicht so bewusst, welch eine Errungenschaft das vor 100 Jahren war. Für uns ist das heute etwas ganz Selbstverständliches. Andere Gesetzesänderungen, die Auswirkungen auf unseren Alltag haben, sind aber noch gar nicht so lange her. Mich hat es z.B. überrascht zu erfahren, dass Frauen in Deutschland noch in den 50er-Jahren die Erlaubnis ihrer Ehemänner benötigten, um arbeiten gehen zu können. Deswegen freue ich mich, dass das Jubiläum „100 Jahre Frauenwahlrecht“ so groß gefeiert wird und wir dafür sensibilisiert werden, dass demokratische Rechte nicht selbstverständlich sind, sondern oft hart erkämpft wurden. Über die Rechte, mit denen man aufwächst, denkt man meist nicht viel nach. Wir sollten uns das aber häufiger bewusst machen. Das gilt übrigens für alle Rechte und Freiheiten, z.B. auch für die Meinungsfreiheit.

Wie modern sind Deutschland und Europa in Bezug auf Gleichberechtigung heute? Gibt es Aspekte, bei denen Sie Nachholbedarf sehen?

In Deutschland und Europa wurde natürlich schon sehr viel erreicht! Aus meiner Sicht ist der nächste Schritt, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken. Dabei sind die Frauen selbst gefordert: Wir müssen selbstbewusster auftreten und unsere Position auch in Bereichen einfordern, die momentan noch männlich dominiert sind. Dabei geht es nicht darum, männliches Kommunikations- oder Führungsverhalten einfach zu kopieren. Aber man muss diese Muster kennen, um etwas ändern zu können. Frauen treten häufig zu bescheiden auf oder zweifeln an ihrer Qualifikation. Männer haben diese Scheu meist nicht. Ein sehr interessantes Buch ist in diesem Zusammenhang übrigens „Das Arroganzprinzip“ von Peter Modler, das kann ich zur Lektüre sehr empfehlen.

Zweifelt weniger an euch selbst und traut euch auf die grosse Bühne!

Wenn Sie an Ihr Arbeitsumfeld denken: Wie erleben Sie dort das Thema Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern?

Gerade im zivilgesellschaftlichen Sektor sind es ganz oft Frauen, die die Welt verbessern. Leider sind sie aber in der öffentlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert. Schauen Sie sich z.B. die Münchner Sicherheitskonferenz an, dort sitzen fast ausschließlich Männer auf dem Podium! Auch bei den Science Slams in Deutschland nehmen deutlich mehr Männer als Frauen teil. Interessanterweise ist das in Russland, wo ich das seit sechs Jahren organisiere, anders, dort liegt die Frauenquote bei über 50%.

In Ihrem neuen Projekt „demoSlam“ kümmern Sie sich um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Wertvorstellungen von Deutschen und Russen. Bezogen auf Gleichberechtigung, sehen Sie hier eher Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?

Einerseits sind Russen geprägt von den Bestrebungen aus der Sowjetischen Zeit, Gleichberechtigung zu schaffen. In der Sowjetunion brauchte keine Frau eine Erlaubnis von ihrem Mann, um z.B. arbeiten zu gehen. Andererseits wird in Russland ein traditionelles Rollenbild mit der Frau am Herd und als Mutter gepflegt und gelebt. Die Frage nach männlichen und weiblichen Rollen wird beim „demoSlam“ sehr häufig thematisiert. Eine russische Teilnehmerin hat neulich gesagt, dass für sie eine Frau eine „zarte Blume“ sei und sie war sehr überrascht, dass in Deutschland und anderen europäischen Ländern Frauen als Verteidigungsministerinnen tätig sind. Das wäre in Russland schwer vorstellbar.  

Sind Sie auf etwas in Ihrem Leben besonders stolz?

Da sind wir wieder bei der Frage der Bescheidenheit der Frauen (lacht)! Ja, es gibt einige Dinge, über die ich mich freue, dass das geklappt hat, z.B. die Etablierung des Science Slam-Formats in Russland. Da habe ich als Gründungsmitglied mitgewirkt, mittlerweile reicht das Netz der beteiligten Städte von St. Petersburg bis Wladiwostok. 

Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?

Ich bin ja selbst erst 36 Jahre alt (lacht). Aber ich würde sagen: Zweifelt weniger an euch selbst und traut euch auch auf die große Bühne!

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Evgeniya Sayko, 36, war 2017/18 Kollegiatin am Hertie-Innovationskolleg. Aus dem dort geförderten Projekt „Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln“ hat die promovierte Kulturwissenschaftlerin das neue Format „demoSlam“ entwickelt. Bei dem alltagsnahen, persönlichen und unterhaltsamen Format steht die Verständigung über Werte und Streitthemen im Fokus. Außerdem ist sie Gründungs- und Vorstandsmitglied der „Association Science Slam Russia“ sowie Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums e.V.

Der demoSlam feiert am 25. Februar 2019 um 19:30 Uhr seine Frankfurt-Premiere im Tumult im Frankfurter Bahnhofsviertel. Beim demoSlam werden deutsch-russische Wertvorstellungen humorvoll diskutiert und offen zur Debatte gestellt.

Anmeldung und mehr Informationen unter: www.ghst.de/demoslam