Interdisziplinäre Kooperationen

Prof. Matthias Endres und Prof. Sarah Shoichet, Sprecher des Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience am Standort Berlin, über die Förderung und Vernetzung von Neurowissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern.

"Interdisziplinäre Kooperationen sind ein unbedingter und integraler Bestandteil des wissenschaftlichen Fortschritts"

Wie wichtig ist die Vernetzung in der Wissenschaft?

Vernetzung und wissenschaftliche Zusammenarbeit sind ein wesentlicher Aspekt sowohl der Grundlagenforschung als auch der klinischen Forschung. Gerade in den Neurowissenschaften stehen heute immer mehr Diagnose-, Forschungs- und Analysetechnologien zur Verfügung. Um in einem bestimmten Bereich an der Spitze zu stehen, ist deshalb ein enormes Maß an Spezialisierung erforderlich. Interdisziplinäre Kooperationen sind deshalb ein unbedingter und integraler Bestandteil des wissenschaftlichen Fortschritts. Die Einreichung von Förderanträgen in Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Standorten ist heute ein wichtiger Schwerpunkt für viele Fördereinrichtungen, und die erfolgreiche Einwerbung von Fördermitteln erfordert oft die Integration verschiedener Fachkenntnisse in ein interdisziplinäres Forschungsprogramm.

Was hat Sie am Hertie Network überzeugt und warum machen Sie mit?

Das Hertie Network bietet einen einzigartigen Rahmen für den deutschlandweiten Austausch von biomedizinischem Wissen und Ressourcen. Innerhalb des Hertie Networks und der Hertie Academy wurden bereits eine Reihe von Kooperationsplattformen eingerichtet, um die enge Interaktion zwischen den Fellows zu fördern. Auf diese Weise haben das Hertie-Team und die Koordinatoren der Zentren erfolgreich eine unterstützende und kooperative Atmosphäre geschaffen, die ein großes Potential hat, neue Kooperationsprojekte auf den Weg zu bringen. Besonders gefallen hat uns der Fokus auf die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, deren Karriere durch das Hertie-Netzwerk gefördert und begleitet werden kann. Zuletzt denken wir, dass das Hertie-Netzwerk dazu beitragen kann, insbesondere durch die Kooperation der verschiedenen Standorte miteinander, Deutschland im Bereich der klinischen Neurowissenschaften weiter an die Spitze der internationalen Forschung zu bringen. 

"Vernetzung und wissenschaftliche Zusammenarbeit sind ein wesentlicher Aspekt sowohl der Grundlagenforschung als auch der klinischen Forschung." 

Mit welchem Schwerpunkt bringt sich Ihr Standort in das Netzwerk ein?

Die Berliner Neurowissenschaften verfügen über eine große thematische Breite sowohl im Bereich der Grundlagen als auch der klinischen Neurowissenschaften. Es besteht hier eine enge Kooperation, insbesondere zwischen dem Neurowissenschaftlichen Forschungszentrum und der Klinik für Neurologie, u. a. im Exzellenzcluster NeuroCure. Für die Beteiligung am Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience hat der Standort Berlin vier translationale Schwerpunktthemen formuliert: Schlaganfall und zerebrovaskuläre Erkrankungen; Neuroimmunologie; Demenz und zugrundeliegende Synapsen-Pathologie; Bewegungsstörungen. Für jedes dieser Themen sind in der aktuellen Förderung auch jeweils ein Fellow als Medical oder Clinical Scientist ausgewählt worden.

Auf was freuen Sie sich bei der Kooperation am meisten?

Besonders schön ist der regelmäßige persönliche Austausch. Wir persönlich freuen uns deshalb besonders auf die halbjährlichen Netzwerktreffen. Zu Zeiten der Corona-Pandemie sind nun viele von virtuellen Meetings etwas ermüdet, und deshalb hoffen wir sehr, dass das in Kürze bevorstehende Treffen nun wieder mit persönlicher Teilnahme hier vor Ort in Berlin stattfinden kann.

Wo sehen Sie die deutsche Forschung im internationalen Vergleich? Wo ist Verbesserungsbedarf?

Insgesamt hat die deutsche Forschung international einen guten Stand, im Vergleich zum Potential und den Ressourcen könnte Deutschland aber hier auch im Vergleich noch erfolgreicher sein. Eine detaillierte Analyse des Problems sprengt sicherlich die Möglichkeiten eines solchen Interviews. Im Bereich der klinischen Medizin besteht ein Manko insbesondere bei multizentrischen Studien, die industrieunabhängig durchgeführt werden. Hier sind uns andere Länder wie z. B. Großbritannien deutlich voraus. Auch in der klinischen Epidemiologie und Public Health gibt es noch ein großes Potential.


Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?

Wir sind immer wieder begeistert, wie viele talentierte junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den unterschiedlichsten Stadien ihrer Karriere hier am Standort tätig sind. Insofern sehen wir auch nicht, dass der aktuelle Nachwuchs hinter den vorangehenden Generationen zurückstehen würde. Wichtig ist es, karrieregerechte Fördermodelle zu finden und Karrieren in flexiblen Programmen fördern zu können. 
 

"Das Hertie-Netzwerk bietet einen einzigartigen Rahmen für den deutschlandweiten Austausch von biomedizinischem Wissen und Ressourcen."

Wie bringt man naturwissenschaftliche Grundlagenforschung und behandelnde Medizin zusammen?

Aus unserer Sicht geht dies insbesondere durch persönlichen Austausch, regelmäßige Treffen und ein gemeinsames Ziel. Am Standort Berlin haben wir gerade durch den Exzellenzcluster NeuroCure klar ein translationales Ziel vorgegeben, was letztlich eine Verbesserung der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit neurologischen und psychischen Erkrankungen zum Ziel hat. Dies eint dann den Neurowissenschaftler an der Bench und die Assistenzärztin auf der neurologischen Intensivstation.

Welche Projekte bearbeiten Sie und Ihr Team momentan? Welche wollen Sie in Angriff nehmen?

Wie eingangs erwähnt, haben wir durch die aktuelle Fellow-Generation jedes unserer vier Schwerpunktthemen besetzt: So geht es im Bereich der Neuroimmunologie und Demenz-Erkrankungen um zwei mechanistische Grundlagenprojekte, im Bereich Parkinson und Schlaganfall mehr um die klinische Anwendung. Zukünftig wollen wir mit den nächsten Hertie-Projekten gezielt die Kooperation zwischen den Standorten fördern. Eine Möglichkeit bietet die Zusammenarbeit im Schlaganfall-Bereich, u. a. mit gemeinsamen Daten- und Bildgebungsbanken. 

Was würden Sie den Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern mit auf den Weg geben wollen?

Finde heraus, was Dich inspiriert, und mache genau da weiter.