Man lernt immer wieder Neues.

Tom-Michael Hesse debattiert mit Leidenschaft und kann auch andere dafür begeistern.

Tom-Michael Hesse im Interview

Der ehemalige Jugend debattiert Teilnehmer über seine Leidenschaft für Wortgewandtheit und gute Argumente

Tom-Michael Hesse (30) aus Leipzig hat im Debattieren seine Leidenschaft gefunden: Mit 16 Jahren startete er bei Jugend debattiert, stand für das Land Sachsen im Bundesfinale des Wettbewerbs. Als Student besuchte er Debattierclubs in Leipzig und Heidelberg, wurde 2013 Deutschsprachiger Debattiermeister und veranstaltet heute als Business Analyst für seine Kolleginnen und Kollegen Debattierstammtische. In unserem Interview verrät der IT-Experte, warum er so gern argumentiert, worauf es in einem Debattierclub ankommt - und welchen Politiker er für einen brillanten Redner hält. 

Herr Hesse: Haben Sie heute schon eine Debatte geführt? 

Ja tatsächlich, im beruflichen Kontext mit meinen Kollegen. Es ging um die Frage, wie wir eine Software testen wollen. In der Sache habe ich vermutlich überzeugen können, aber die Entscheidung hängt ja nicht immer nur davon ab.

Sie veranstalten bei Ihrem Arbeitgeber monatliche Debattierstammtische, wie kam es dazu?

Mein Chef hatte die Idee, als er hörte, dass ich mich in Debattierclubs engagiert habe. Er regte an, durch einen Stammtisch die Kommunikations- und Argumentationsfähigkeit zu trainieren. Mittlerweile kommt ein harter Kern von sechs bis zehn Leuten zu den Treffen, die viel Spaß an dem Format und der Rede haben. 

Über welche Themen sprechen Sie?

Beim letzten Mal ging es um die Frage, ob in Deutschland ein Emissionshandel für Privathaushalte eingeführt werden soll. 

Keine leichte Kost nach Feierabend ...

Stimmt, aber ein gutes Streitgespräch nach Regeln macht mir persönlich mehr Spaß als jeder Small Talk. Man lernt immer wieder Neues. 

Eine gut geführte Debatte ist mir lieber als jeder Small Talk.

Debattieren Sie nach Regeln?

Wir richten uns nach den Regeln der studentischen Debattierclubs bzw. der sogenannten Offenen Parlamentarischen Debatte, die ja von Ansgar Kemmann, dem Mitbegründer von Jugend debattiert, mitentwickelt wurde. Es gibt also eine Pro- und eine Kontraseite, deren drei Redner jeweils in einer sieben Minuten langen Einzelrede ihre Argumente vortragen. Anders als bei Jugend debattiert sprechen wir nicht dialogisch oder sind auf einen gemeinsamen Diskurs aus. Hier geht es darum, die eigenen Argumente im Sinne der Fraktion strikt vorzutragen.

... und am Ende entscheidet der Chef, wer gewonnen hat?

Nein (lacht), meistens habe ich die Rolle der Jury oder des Präsidenten. Ich achte zum Beispiel darauf, dass die Redezeit eingehalten wird und prüfe, welche Argumente überzeugt haben bzw. inhaltlich richtig waren.  

Was hat Sie so begeistert, dass sie nach der Schulzeit direkt in einen Debattierclub eingetreten sind?

Mir gefällt, dass beim geregelten Debattieren eine Bühne für den bewussten Austausch von Argumenten geschaffen wird, auf der alle Beteiligten die gleichen Startbedingungen haben. Im Privatleben oder im Arbeitsumfeld spürt man ja häufiger mal, dass ein bestimmtes Auftreten wie zum Beispiel lautes Reden oder der Status den Inhalt der Aussagen übersteuern. Das ist beim Debattieren grundlegend anders, hier werden die individuellen Stärken und Schwächen eher deutlich. Das hat mir von Anfang an imponiert, und je länger ich dabei bin, umso bewusster wird mir diese Qualität, wenn sie mir in anderen Situationen fehlt. Aber es gibt noch einen anderen Grund für meine Leidenschaft ...

.... welchen?

Ich rede einfach gern. Schon bei Jugend debattiert hatte ich Spaß an der Auftrittssituation. Und mittlerweile spüre ich ganz bewusst, dass ich in einer Debatte viele Dinge weiß und sagen könnte, aber vieles davon nicht unbedingt gefragt ist, weil es für die meisten Menschen einfach keine Relevanz hat. 

Ein Beispiel bitte ...

Nehmen Sie das scheinbar „dröge“ Thema des Emissionshandels für Privathaushalte. Darüber könnte ich jetzt ewig reden und erklären, was Emissionshandel ist. Aber man könnte auch fragen, was ein Privathaushalt ist, und welche Bedeutung die Einführung des Emissionshandels für ihn hätte. Man fragt sich also zunächst, für wen das Thema die größte Relevanz hätte, bevor gleich losgeredet wird. Heute ist es so, dass ich versuche, mich in einer Debatte viel stärker in diejenigen hineinzuversetzen, die vom Thema betroffen sind.

Haben Sie das in den Debattierclubs in Leipzig und Heidelberg gelernt?

Die Frage der Relevanz war bei Jugend debattiert schon sehr stark angelegt, in den Clubs wurde das Thema für mich nochmal gestärkt.

Würden Sie Debattierclubs als geeignetes Anschlussformat für Jugend debattiert-Alumni empfehlen?

Ich würde Debattierclubs immer empfehlen, aber ich weiß auch aus meinem Jugend debattiert-Alumni-Kreis, dass sich nicht jede Person mit dem Club-Format wohlfühlt. Jugend debattiert ist sehr stark auf gegenseitiges Verstehen und Einvernehmen ausgerichtet, die Offene Parlamentarische Debatte ist genau das Gegenteil. Pro und Kontra sind hier genau vorgegeben, nennen sich Regierung und Opposition, und die schenken sich auch nichts. Bei denen geht es am Ende nie gut aus, Konsens und Kompromisse gibt es so gut wie gar nicht. Manchen, der das Jugend debattiert-Format mit seinem Gesprächscharakter schätzt, mag diese konfrontative Form abschrecken, aber einen Versuch wäre ein Debattierclub auf jeden Fall wert. Man lernt dort eine riesige Bandbreite an Rednertypen kennen, schon allein das ist bereichernd.  

Jugend debattiert ist sehr stark auf gegenseitiges Verstehen und Einvernehmen ausgerichtet

Üben Sie Ihre Debattenauftritte vor dem Spiegel?

Spannende Frage ... tatsächlich ist es so, dass ich manchmal laut für mich debattiere, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie etwas wirkt, wenn es ausgesprochen wird. Ob ich es dann wirklich sagen werde, kann ich dann erst später je nach Situation entscheiden. 

Welchen Politiker schätzen Sie als guten Redner?

Ich bin ein großer Fan von Gregor Gysi; nicht so sehr, was seine politischen Überzeugungen angeht, aber ich kann ihn als Redner sehr akzeptieren, weil er es schafft, sprachlich so pointiert zu sein, dass er in kurzer Zeit das Richtige sagt. Das ist eine große Kunst, vor allem, wenn man komplexe Zusammenhänge und Probleme einfach, aber dennoch richtig darstellen will.

Sie kommen aus Sachsen, das hört man aber nicht. Haben Sie sich den Dialekt abtrainiert oder spielt der bei der Bewertung der Debatte keine Rolle?

Das war keine bewusste Entscheidung, ich habe den Dialekt von meinen Eltern einfach nicht so stark übernommen. Aber aus meiner Sicht wäre Mundart bei einer Debatte auch kein Nachteil, es sei denn, man versteht den anderen wirklich nicht.

Kann man Debattieren eigentlich lernen oder geht es ohne Talent nicht?

Ich würde sagen, jeder kann es lernen. Es ist nicht so wie beim Klavierspielen, bei dem man ohne ein Talent nichts wird. In den Debattierclubs habe ich viele Leute kennengelernt, die das Debattieren gelernt haben; obwohl auf den Turnieren im Spitzenfeld schon viele dabei sind, die eine gewisse Begabung mitbringen.

Werden Sie in Ihrem privaten Umfeld als Gesprächspartner gefürchtet oder geschätzt? Es will ja nicht jeder Mensch gleich eine Debatte führen.

Teils, teils. Grundsätzlich hoffe ich, ein angenehmer Gesprächspartner zu sein, aber es kommt natürlich auch darauf an, worüber man spricht. Themen im beruflichen Kontext oder polarisierende Themen laden nun mal eher dazu ein, eine Debatte zu führen. Da ist es für mich selbst dann manchmal etwas anstrengend, wenn das Gegenüber einfach nur seine Meinung sagen oder etwas loswerden will, ohne zu argumentieren oder überzeugen zu wollen. 

Welche Pläne haben Sie noch als Debatten-Liebhaber?

Ich werde auf jeden Fall den Stammtisch weiterführen, außerdem bin ich Mitglied in der Deutschen Debattiergesellschaft, einem Alumniverein für Debattierende im Berufsleben. Dort  gibt es auch Turniere, aber gewinnen muss ich die nicht mehr.  


Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung

 

Jugend debattiert

Jugend debattiert ist eine Initiative des Bundespräsidenten und steht unter seiner Schirmherrschaft. Partner sind die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die Heinz Nixdorf Stiftung, das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Kultusministerkonferenz, die Kultusministerien und die Parlamente der Länder.

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