„Am Mainufer merke ich, wie der Akku hochgefahren wird.“

Dr. Uwe Ernsberger

Für den Neurowissenschaftler Dr. Uwe Ernsberger war lange Zeit der Arbeitsweg entlang dem Main das, was für andere ein toller Urlaubstag ist. In unserem Gespräch erklärt Dr. Ernsberger wie er Kraft tankt und wen er gerne auf einen Kaffee treffen würde.

Der Mittfünfziger Dr. Uwe Ernsberger erhielt die Diagnose Multiple Sklerose während er seine Doktorarbeit an der Universität schrieb. In seinem Interview mit uns berichtet er über seinen Alltag und wie ein gutes Konzert die Symptome der MS lindern kann.

HERTIE-STIFTUNG: Herr Dr. Ernsberger, wann haben Sie die besten Ideen?

DR. UWE ERNSBERGER: Wenn ich es an einer Tageszeit festmachen müsste würde ich behaupten, dass ich zwischen 8:30 und 10:30 Uhr am effektivsten arbeiten kann, wenn der Kopf noch frisch ist. Aber wenn ich ehrlich bin, kann mir eine Idee zu jeder Zeit in den Kopf kommen. Ich kann mich beispielsweise an eine Situation vor zwei Jahren erinnern, bei der sich der Nebel über einem komplizierteren Datensatz während einer Fahrt am Main in der Sonne langsam gelichtet hat.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen?

Es kommt darauf an, was es an Gutem sein soll. Und es hat sich über die Jahre, eben auch mit meiner sich verändernden gesundheitlichen Situation, geändert. Lange Zeit war für mich die Fahrt mit dem Rollstuhl am Main entlang zum Institut das, was für andere ein toller Urlaubstag an einem Wunschort ist. Da habe ich mir auch immer ein bisschen mehr Zeit genommen als nötig gewesen wäre. Aber auch Besuche in Museen, Konzerte oder Theaterbesuche sind immer etwas Gutes, dass ich mir so oft wie möglich einrichte.

Wie motivieren Sie sich?

Meist muss ich mich eigentlich nicht motivieren. Wenn ich morgens wach werde gibt es ein Grundinteresse, das mich in den Tag hineinführt. Früher, als ich das Experimentier-Besteck noch selbst führen konnte, haben mich die Experimente am Institut besonders motiviert, die Neurowissenschaften habe ich immer als etwas ungeheuer Faszinierendes empfunden. Der genaue Blick auf die Experimente und auf die Ergebnisse waren für mich ein großer Kraftspender.

Was können Sie besonders gut?

Wenn ich zurückschaue, kann ich folgendes sagen: Gerne betrachte ich aufmerksam Dinge um, wenn ich Ruhe und Zeit dazu habe, darin verborgene Kleinigkeiten in Beziehung zueinander setzen.

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Ich würde lieber über Dinge reden, die mir viel Freude gemacht haben und für die ich dankbar bin. Ich freue mich darüber, dass ich mit meinen Studenten an der Uni in der Regel eine ziemlich gute Zeit hatte. In der Vorbereitung für die Kurse gab es immer Platz für fachlich Neues und im Kurs Platz für spannende Fragen. In diesen Tagen freue ich mich auch sehr, dass ich mit meinem Doktorvater und langjährigen Chef und Kollegen eine Arbeit abschließen konnte, die unsere eigenen Ergebnisse in die Forschungsgeschichte der uns betreffenden Sparte der Neurowissenschaften einordnet. Es ist ein sehr gutes Gefühl, diesen Kreis geschlossen zu haben.

»Bei Konzerten manifestiert sich das Krafttanken physisch derart, dass die Beweglichkeit des Körpers und die des Geistes über mehrere Tage erheblich verbessert ist.«

»Der genaue Blick auf die Experimente und auf die Ergebnisse waren für mich ein grosser Kraftspender.«

Haben Sie einen Lieblingsort?

Lieblingsorte sind mir lebenswichtig. Sie gehören zu den Orten, an denen sich meine Batterien aufladen können. In Frankfurt sind es bestimmte Orte am Mainufer und in Museen, lange Zeit war es auch ein Fleck im Grüneburgpark. In den warmen Sommermonaten habe ich mein Büro oft auch an diese Orte verlegt. Die Wohnung, der Schreibtisch, die Bücherregale sind auch solche Orte. Es fällt mir jetzt allerdings recht schwer, diese Orte aufgrund meiner Einschränkungen durch die MS zu bewahren.

Wie tanken Sie Kraft?

Am Mainufer, im Besonderen an sonnigen Tagen mit blauem Himmel merke ich, wie der Akku hochgefahren wird. Bei Konzerten manifestiert sich das Krafttanken physisch derart, dass die Beweglichkeit des Körpers und die des Geistes, je nach Konzert, über mehrere Tage erheblich verbessert ist. Das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. Ich hatte das Gefühl, dass gute Konzerte eine bessere Wirkung als eine Woche Reha hatten.

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus?

Durch die Veränderlichkeit der Tagesform bei meinem Krankheitsbild lässt sich das immer schwer für die Tage im Voraus planen. Es gab perfekte Ausschlaftage und perfekte Um-5:00-Uhr-Aufstehtage. Da gibt es große Tage am Schreibtisch oder am Mikroskop, Tage in der Zellkultur die eigentlich gar nicht aufzuhören brauchen. Oder Tage mit einem Frühstück im Garten und einem großartigen Jazzkonzert in der Brotfabrik. Aufgrund meiner Erkrankung ist es wichtig, dass ich mich an einen sicheren, kraftspendenden Ort zurückziehen kann. Es ist jetzt so, obwohl es für mich einige Zeit undenkbar war, dass ich mir auch einen perfekten Tag im Krankenbett vorstellen kann. Mit einer funktionierenden Arbeitsumgebung, einem Radio und einem Besuch am Nachmittag oder Abend, der mir Freude bereitet.

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Ein Kaffee außer Haus ist für mich mittlerweile eine logistische und pflegerische Herausforderung. Da sich dies nur noch relativ selten bewerkstelligen lässt, freue ich mich über jeden meiner Freunde, Kollegen und Bekannten, mit denen ein Treffen zustande kommt. Außerdem wünsche ich mir ein Treffen auf ein oder mehrere ausgedehnte Kaffees mit einer Person, mit der ich konstruktiv über die Themen „Hygiene“ und „Würde“ in der Pflege diskutieren könnte.

Alle Fotos auf dieser Seite: Dr. Uwe Ernsberger, privat

medMS-Förderprogramm

Die Hertie-Stiftung möchte die zunehmende Ausdünnung der forschenden Ärzte angehen und den medizinischen Nachwuchs in der Multiple-Sklerose-Forschung stärken. Das Programm medMS richtet sich an wissenschaftlich tätige Ärzte und Medizinstudierende. Es besteht aus zwei voneinander getrennten Förderverfahren für Ärzte und Doktoranden.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt "medMS"