Interdisziplinärer Austausch

Der Neurocampus Tübingen vernetzt neurologische Forschung. Ein Blick hinter die Kulissen. 

Im Netz der klugen Köpfe

Der Neuro Campus Tübingen vernetzt wissenschaftliche Arbeitsgruppen und Initiativen, um die Ideen kluger Köpfe in die Praxis umzusetzen. 

Längst weiß man, wie wichtig interdisziplinäre Forschung für den Erfolg der Wissenschaft ist, aber wie lassen sich Ergebnisse und Engagement vieler kluger Köpfe nachhaltig in die Praxis umsetzen? Mit dem Tübingen Neuro Campus (TNC) versucht der Standort Tübingen für die Neurowissenschaften darauf eine Antwort zu geben: Seit zwei Jahren vernetzt und verbindet der TNC vor Ort sehr erfolgreich über 100 neurowissenschaftliche Arbeitsgruppen und Initiativen. Ein Neuro-Kosmos, dessen Partner, Mitglieder und Förderer zu den Top-Adressen der Tübinger Neurowissenschaften gehören: Insgesamt 12 Partner aus verschiedenen Fachbereichen der Universität Tübingen, dem Universitätsklinikum (UKT) und außer-universitären Forschungsinstituten bilden den Kern des TNC, darunter das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik, das Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH). Sprecher und Gründungsmitglied des TNC ist Prof. Thomas Gasser, Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neurodegenerative Erkrankungen am HIH.

Prof. Gasser, was war die Motivation, den TNC zu gründen?

„Tübingen ist seit Jahrzehnten einer der führenden Standorte in den Neurowissenschaften. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfolgen theoretische, systemneurowissenschaftliche, molekulare und klinische Forschungsansätze in ihrer gesamten Breite mit einer Vielzahl von Methoden. Nur hatte ich den Eindruck, dass wir die Synergien dieser herausragenden Arbeit nicht ausreichend nutzen, da sie im Alltag oft untergehen. Der TNC will dazu beitragen, den interdisziplinären Austausch zu beleben, und Netzwerke und Kooperationen zu bilden, um das Potenzial des Standorts in Forschung, Anwendung und auch Ausbildung optimal zu nutzen. Ganz nach dem Motto: Exzellenz zieht Exzellenz an.“ 

Ein Modell, das zukunftsweisend ist, denn die Gründung des TNC gilt längst nicht allein den Synergien, sondern ist in erster Linie ein strategischer Schritt. Prof. Gasser: „Wir möchten 2025 im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern in Tübingen einen Exzellenzcluster für die Neurowissenschaften bekommen. Ich bin überzeugt davon, dass wir als Forschungsstandort das Potenzial mitbringen, das haben wir in zwei früheren Runden der Exzellenzinitiative bereits beweisen. Der Tübingen Neuro Campus ist ein wichtiger Teil dieser Strategie, um unser Wissen und unsere Ideen durch Synergien und Kooperationen noch gezielter einsetzen und ausbauen zu können. Dazu gehört, dass sich zum Beispiel neue Forschergruppen und Initiativen bilden werden.“   

In der Praxis sieht das so aus: Auf unterschiedlichen Veranstaltungen treffen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit neurowissenschaftlichem Background aufeinander und tauschen sich aus, wie zum Beispiel Forscher aus der Augenklinik auf Neurobiologen, Psychologen oder Parkinson-Experten oder Genetiker auf Datenanalysten. Geboten werden Einzelvorträge, Neurokolloquien, Online-Talks oder sogenannte TNC Initiativen, die von den Wissenschaftlern selbst geründet und geführt werden. Bereits jetzt finden in den drei TNC Initiativen zu den Schwerpunkten Gehirnentwicklung, Data Science und Neuroimaging regelmäßig Vorträge und Treffen statt. Prof. Gasser: „Es macht große Freude zu beobachten, was dort für Ideen entstehen. Vor allem bei den jungen Leuten. Darauf achten wir sehr. Es ist uns ein besonderes Anliegen, dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei uns ihre eigenen Initiativen und Ideen entwickeln können, und nicht glauben, das sei nur etwas für die Alteingesessenen.“ 

Ein besonderes Veranstaltungs-Highlight war auch der 1. TNC Research Day:  Mehr als 140 Teilnehmer erlebten 2019 einen schönen Sommertag prall gefüllt mit Vorträgen, Workshops, Postersessions und einem Umtrunk zum Abschluss. „Der TNC ist eine wunderbare Plattform, um Wissenschaftler zusammen zu bringen, die sonst vermutlich nicht zusammenkommen würden“, sagt auch TNC-Gründungsmitglied Prof. Andreas J. Fallgatter, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Gerade für seinen Fachbereich sehe er interessante Kooperationsmöglichkeiten: „Die Psychiatrie war, was die neurowissenschaftliche Forschung angeht, jahrelang eher ein Randgebiet hier in Tübingen, dabei wissen wir, dass auch die psychischen Erkrankungen zu einem nicht geringen Teil Hirnerkrankungen sind. Und obwohl wir in der Forschung relativ gut geworden sind, brauchen wir Methoden, die in anderen Gebieten der Neurowissenschaften verankert sind, wie zum Beispiel modernste Hochdurchsatz-Genetik oder die Datenanalyse mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und Maschinenlernen.“ 

So könne zum Beispiel die Therapie eines Depressionspatienten vorab präziser bestimmt werden, wenn zuvor möglichst viele Datensätze zu seiner Person und zu möglichen Therapieoptionen verarbeitet wurden. „Viele Untersuchungen können wir selbst vornehmen“, berichtet Prof. Fallgatter, „aber gerade für große Datensätze fehlt uns die technische Ausstattung. Im TNC gibt es Gruppen, die zum Beispiel auf dem Gebiet der Datenanalyse eine große Expertise haben, da ist es leichter, wenn man in Kooperationen Projekte gemeinsam umsetzen kann.“ Im Gegenzug habe die Psychiatrie natürlich auch etwas zu bieten: „Wir können mit Methoden aufwarten, die es in anderen Fachbereichen nicht gibt“, so Prof. Fallgatter, „zum Beispiel mit der Nah-Infrarot-Spektroskopie, die etwa bei der Untersuchung von Bewegungsstörungen bei Parkinsonpatienten verwendet werden könnte. Das ist zwar noch ein bisschen Zukunftsmusik, aber Ideen müssen reifen und gepflegt werden, um sie später umsetzen zu können.“

In nächster Zeit werden viele der Begegnungen allerdings weiterhin virtuell stattfinden müssen. „Corona hat uns ziemlich ausgebremst“, sagt Silke Dutz, Koordinatorin des TNC, „das ist sehr schade, denn gerade die persönliche Begegnung macht den Charme der Veranstaltungen aus.“ So wird in diesem Jahr auch der Beitrag zum World Brain Day per Video in die Welt gestreamt. „Wir haben unter anderem die Vortragsreihe „Neuro Talks“ entwickelt, die auch auf YouTube läuft und mittlerweile weltweit großen Zuspruch findet“, so Silke Dutz. Weitere Ideen hat die Koordinatorin bereits im Köcher, denn die Ansage von Prof. Gasser steht: „Spätestens im Herbst soll der TNC virtuell genauso erlebbar sein wie analog.“ 

Wenn nur nicht die beliebten Elevator Pitches schon jetzt so schmerzlich vermisst würden. Bei diesem Format stellen Wissenschaftler ihr Projekt oder ihre Idee innerhalb von drei Minuten vor – eben so lange, wie eine Fahrstuhlfahrt dauert. „Das ist eine richtig tolle Veranstaltung, weil man sich nicht jedes Mal für 45 Minuten einen Vortrag anhören muss, was ja gelegentlich zur Ermüdung führen kann“, berichtet Prof. Gasser, „der Zuhörer erfährt in wenigen Minuten auf den Punkt, worum es geht.“ Auch sein Kollege Fallgatter, der bereits als Moderator eines Elevator Pitches im Einsatz war, ist begeistert: „Hier werden Kurzvorträge zu Themen geboten, mit denen man im eigenen Fachbereich vermutlich nicht viel zu tun hätte, aber dennoch gibt es die gemeinsame Klammer der Neurowissenschaften. Das ist sehr bereichernd. Nach dem Pitchen gehört natürlich der Austausch bei einem Snack dazu, so entstehen Kontakte, die später zu Kooperationen werden können.“     

So viel Austausch, Wissen und Begeisterung - was steht für den Tübingen Neuro Campus als nächstes an? 

Prof. Gasser: „Ich gehe davon aus, dass sich in den nächsten zwei bis drei Jahren auf dem TNC viele neue Initiativen entwickeln werden, so dass wir eine reiche Auswahl haben, um ein Exzellenzcluster zusammenzustellen und den entsprechenden Antrag zu stellen. Ich sehe, dass es bereits erste Anläufe gibt, und das freut mich. Nun muss noch die Kultur wachsen und gedeihen, dass man über die eigenen Abteilungs- und Institutsgrenzen hinaus miteinander redet und Ideen entwickelt.  Das ist etwas, wozu der Tübingen Neuro Campus beitragen kann.“  

Text: Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. 

Zur Website des Neuro Campus:   https://tuebingenresearchcampus.com/research-in-tuebingen-de-de/tnc-de-de/

EXPERTEN-VORTRAG

Peter Dayan, Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, Humboldt-Professor an der Uni TÜ an der Schnittstelle von Neurowissenschaft, Medizin und Maschinellem Lernen + Mitglied im TNC Steering Board, hielt am World Brain Day 2020 einen Vortrag bei der „Machine Learning in Science“ Cluster-Konferenz.

Der Vortrag mit dem Titel: “Modelling and Manipulating Behaviour Using Recurrent Networks” ist abrufbar.

Vortrag auf YouTube anschauen