Hertie Energy und Environment Network

Dr. Andreas Schröder, Ökonom und Energie-Analyst aus Düsseldorf, ist einer der Koordinatoren des Hertie Energy und Environment Networks (HEEN). Dieses ist angesiedelt bei dem Ehemaligennetzwerk fellows & friends der Hertie-Stiftung. 

„Unabhängige Energieversorgung ist Teil einer wehrhaften Demokratie“

Die Themen Energie und Klima haben in jüngster Zeit auf fast schon dramatische Weise an Bedeutung gewonnen: Wie wird sich der Gasmarkt entwickeln? Welche klimafreundlichen Strategien braucht es für den Sektor Mobilität? Hochaktuelle Fragen, mit denen sich auch das Hertie Energy und Environment Network (HEEN) beschäftigt. Dr. Andreas Schröder, Ökonom und Energie-Analyst aus Düsseldorf, ist einer der Koordinatoren dieses Berufsnetzwerkes. Angesiedelt ist es bei dem Ehemaligennetzwerk fellows & friends der Hertie-Stiftung. Welche Ziele das HEEN bisher erreichen konnte, was das alles mit Demokratie zu tun hat, und mit wem Energie-Experte Schröder, der ehrenamtlich für den Fahrgastverband Pro Bahn im Einsatz ist, gern mal einen Kaffee trinken würde, lesen Sie in diesem Interview.

Sie sind Koordinator des Hertie Energy und Environment Network (HEEN) – was wollen Sie mit dem Netzwerk erreichen?

Das HEEN ist ein internationales Berufsnetzwerk, das die Studenten und Studentinnen der Hertie School sowie die jungen Berufstätigen aus diesem Umfeld an die Zukunftsfragen aus dem Bereich Energie, Umwelt und Klima heranführen möchte. Die jungen Leute haben die Möglichkeit, sich genau zu diesen Schlüsselthemen untereinander zu vernetzen, aber auch mit interessanten Expertinnen und Experten in Kontakt zu treten, die wir für Vorträge oder Workshops einladen. Das Energy und Environment Network ist Teil der programmübergreifenden Alumni-Initiative fellows & friends der Hertie-Stiftung. Es wurde 2014 gegründet und hat mehr als 150 Mitglieder, die in ganz Europa im öffentlichen, privaten oder akademischen Sektor, aber auch bei Nichtregierungsorganisationen aktiv sind.

Worum geht es bei den Netzwerk-Veranstaltungen konkret?

Da gibt es viele Themen: In diesem Jahr ging es auf unserem Workshop, der im Rahmen des Hertie Summits in Berlin stattfand, um das Thema Wasserstoff-Technologien. Aber auch zur Dekarbonisierung, also der Reduzierung von Kohlenstoffen, gab es schon einen Workshop, den ich bei der Internationalen Energieagentur in Paris organisiert habe.  Beliebt sind aber auch unsere Netzwerkveranstaltungen, auf denen Repräsentanten aus dem Energiesektor aber auch HEEN-Mitglieder die Unternehmen oder Organisationen vorstellen, für die sie arbeiten. 

Warum ist es so wichtig, ein Berufsnetzwerk zu haben, das sich mit diesen Fragen beschäftigt? 

Die Motivation dahinter ist, dass es bei den Fragen zu Energie, Umwelt und Klima um Schlüsselthemen unserer Zukunft geht, die auch eine große Rolle für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen. Die Energiekrise 2022 zeigt wie Energiepolitik als Querschnittsthema Verflechtungen in alle Lebensbereiche hat. Damit berührt es auch den sozialen Frieden hierzulande. Ganz zu schweigen vom Klimawandel, der über allen Entwicklungen steht und an den Grundfesten unserer Gesellschaft rüttelt. Auch das Thema Demokratieförderung, für das die Hertie-Stiftung seit langem eintritt, gehört in diesen Kontext. Denn Demokratien müssen nach außen wie nach innen wehrhaft sein.Eine unabhängige Energieversorgung ist Teil einer nach außen wehrhaften Demokratie. Der einseitige Energiebezug aus autokratisch geprägten Ländern bringt unsere westlichen Demokratien in unheilvolle Abhängigkeiten. Davon müssen wir uns lösen. 

Somit passt das HEEN in die Vision der Hertie-Stiftung, wir begreifen uns als einen Teil davon. Auch dass wir mit dem HEEN zu der Alumni-Initiative fellows & friends der Hertie-Stiftung gehören, stärkt uns. Es ist toll, dass es so ein übergeordnetes Netzwerk gibt, gerade auch, weil es thematisch orientierte Gruppen bündelt, in denen Externe willkommen sind.   

Welche Aufgabe haben Sie als Koordinator des HEEN?

Meine Aufgabe ist die Organisation der Veranstaltungen, die bis zu zweimal im Jahr stattfinden. Ich muss aber dazu sagen, dass ich nicht zum Gründungsteam gehöre, sondern erst 2016 dazugestoßen bin. Mir ist wichtig zu betonen, dass das Netzwerk eine Gemeinschaftsleistung ist, und dass es auch andere Personen gegeben hat, die das HEEN über die Jahre vorangebracht haben. 

Sie haben nicht an der Hertie School studiert, wie sind Sie in das Netzwerk gekommen?

Ich habe an der TU Berlin und am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung studiert, aber Frau Prof. Claudia Kemfert, die damals an der Hertie School gelehrt hat, war während meiner Doktorarbeit meine Betreuerin. Zudem habe ich genau im Nachbargebäude gesessen und wurde eines Tages als Referent für eine HEEN-Veranstaltung eingeladen. Ich kannte die Organisatorinnen, und so hat es sich ergeben, dass ich selbst Mitglied des Netzwerkes wurde. Mittlerweile bin ich etwa 10 Jahre im Energiesektor tätig und arbeite nach Stationen in Hamburg, Stockholm und Paris nun in Düsseldorf bei dem Preis-Informationsdienst ICIS und analysiere Energiemärkte. Ich bin übrigens nicht der einzige Externe im HEEN, es gibt viele Aktive, die über die Jahre von außen hinzukamen und unserem Netzwerk treu geblieben sind.

"Der einseitige Energiebezug aus autokratisch geprägten Ländern bringt unsere westlichen Demokratien in unheilvolle Abhängigkeiten. Davon müssen wir uns lösen."

Was konnten Sie mit dem HEEN bisher erreichen?

Wir sind mittlerweile sehr gut in der Energiebranche vernetzt, man kennt uns. Hinzu kommt, dass sich einige vielversprechende Talente in unserem Netzwerk tummeln, die eine beeindruckende berufliche Karriere durchlaufen. Dadurch haben wir eine sehr gute Vernetzung in die Energiepolitik und die Wirtschaft hin, das ist unsere Stärke. Wobei ich klar sagen will, dass wir keine Aktivistengruppe sind, die Lobbyarbeit betreibt, sondern wir sind ein Berufsnetzwerk von Interessierten. Wir veranstalten Fachkreise, aus denen sich Berufsmöglichkeiten anbahnen, und so trifft man sich auch immer wieder auf HEEN-Veranstaltungen oder Messen mit einem gemeinsamen Bezugspunkt. Eine enge persönliche Verbindung gibt es auch zum Centre for Sustainability der Hertie School. Allein dadurch, dass wir die Professoren gut kennen und auch Doktoranden von dort in unserem Netzwerk haben, ist eine wertvoller Austausch entstanden. Wobei wir nicht zwischen der Hertie School, an der wir auch manchmal unsere Seminare veranstalten, und dem Centre unterscheiden, das sind alles interessante Partner für uns.   

Wie konnte das Netzwerk Ihren persönlichen Werdegang unterstützen?

Ganz pragmatisch gesehen, kann ich durch das Netzwerkt den Kontakt in meine ehemalige Studienstadt Berlin halten. Und ich habe ein riesiges Netz an Kontakten, das sich aus dem Hertie-Netzwerk begründet. Außerdem finde ich unsere Veranstaltungen einfach sehr interessant, sie erlauben mir viele inhaltliche Einblicke, die sich sonst womöglich nicht hätte. Zudem sind die Veranstaltungen gerade für junge Berufstätige eine gute Möglichkeit, um bestimmte Dinge zu üben, zum Beispiel das Moderieren. Für mich war es damals eine super Plattform, um mal auf dem Podium zu sitzen, Vorträge zu halten oder eine Veranstaltung von A bis Z zu organisieren.

Das sind alles Erfahrungen, die wir als Berufsneulinge in dem  Hertie-Netzwerk gemacht haben, und die Möglichkeit gibt es auch heute noch. Aber auch unsere internationalen Workshops in Brüssel und Paris haben mich persönlich bereichert. Das war ein bisschen wie eine Klassenfahrt. Wir konnten ein spannendes Programm mit hochkarätigen Referierenden auflegen, aber gleichzeitig war der Aspekt der Geselligkeit sehr zentral. Dadurch sind sogar Freundschaften entstanden.    

Sie gelten über das HEEN hinaus als Netzwerk-Experte, was ist wichtig, um ein gutes Netzwerk aufzubauen und zu pflegen?

Ein Netzwerk muss lebendig sein, was unter Corona sicher nicht so einfach ist. Dann sollte es sich immer aus Nachwuchs speisen, sonst verkommt es zu einem Alumni-Treffen. Außerdem braucht ein funktionierendes Netzwerk Köpfe in der Führung, die es vorantreiben, es hängt also an Einzelpersonen. Und es sollte eine gewisse Breite und ein gewisses Maß an Vielfalt haben. Wichtig ist natürlich auch, dass es einen inhaltlichen Punkt gibt, den man voranbringen will. Nur allein ein Berufsnetzwerk zu gründen ohne einheitliches Thema, wäre zu karrieristisch und zu einseitig, das kann man auf LinkedIn oder Xing haben. Bei uns gibt es gemeinsame Interessen, die uns verbinden.  

Gas, Strom und Benzin werden teurer, vielen Menschen macht die Energiekrise Angst. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Ich will die Frage auf der emotionalen Ebene beantworten: Für mich selbst ist das gerade eine unheimlich spannende Zeit, weil vieles von dem, was wir derzeit erleben, so noch nie geschehen ist, vor allem in dieser Extremität. Das haut uns gerade alle um, wenn man das so sagen darf. Und ich bin selbst überwältigt davon, wie stark plötzlich das Interesse an Energiemarktdetails ist. 

Die Tiefen des Gasmarktes, die ich vorher als Analyst kannte, sind plötzlich in aller Munde, und ich bekomme Anfragen von Kunden und Journalisten zu Detailfragen, wie man es nicht erwartet hätte. Das zeigt, wie brenzlich die Situation ist.

HEEN

Das Hertie Energy & Environment Network ist ein internationales Netzwerk aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zum Thema nachhaltiger Energieversorgung. Es ist angesiedelt im Ehemaligennetzwerk fellows & friends der Hertie-Stiftung:

MEHR ERFAHREN

Haben Sie eine Idee, wie man damit umgehen kann?

Wir alle sind aufgefordert, Energie zu sparen, und den Appell wiederhole ich gern auch an dieser Stelle: Wir können alle einen Beitrag leisten, unnötigen Energieverbrauch zu vermeiden, zum Beispiel beim Heizen oder Autofahren.

Sie engagieren sich ehrenamtlich als stellv. Bundesvorsitzender für den Fahrgastverband Pro Bahn. Warum machen Sie das?

Ich bin auch noch als Stadtrat von Düsseldorf und ein bisschen kirchlich aktiv, ein Ehrenamt kommt selten allein. Nein, im Ernst: Ich liebe es, mich mit mehreren Dingen gleichzeitig zu beschäftigen. Das brauche ich, um aufzublühen. Ich habe einfach vielfältige Interessen, und eines davon ist die Bahn. Als Vielfahrer haben mich gewisse Dinge wie Komfort oder Pünktlichkeit gestört, und das wollte ich ändern, so bin ich da reingeschlittert.  

Mit wem würden Sie gern mal im Speisewagen einen Kaffee trinken und warum?

Mit Claus Weselsky, dem Bundesvorsitzeden der Lokführergewerkschaft GDL. Ich würde ihn gern als Persönlichkeit noch besser kennenlernen, und das geht nur im Gespräch. Ich würde gern verstehen, wie sein Verhältnis zur Deuten Bahn ist und ergründen, was ihn antreibt. Dann kann ich vielleicht besser verstehen, warum er uns Fahrgäste durch Streiks immer wieder in Geiselhaft nimmt. Ich weiß auch schon, was ich im Speisewagen essen würde.  

Was denn? 

Die Tomatensuppe. Die kann ich wirklich empfehlen. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung