Mit Menschen im Gespräch

Andreas Heitmann von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft im Interview. 

Wissen, wo man hinwill

Andreas Heitmann, Geschäftsführer Der DMSg Schleswig-Holstein, über sein neues MS-Projekt für sozialpädagogische Betreuung, sein Lebensmotto und Dauerfernweh. 

Herr Heitmann, wann haben Sie die besten Ideen?

Manchmal fällt mir nachts im Bett etwas ein oder bei einer Autofahrt, wenn die Themen nachwirken. Dann mache ich mir nach der Fahrt eine Audionotiz auf dem Handy oder schreibe mir meine Idee auf. 

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen?

Das ist leicht: Ich bin Hobbymusiker und spiele in zwei Bands. Ich freue mich auf die wöchentlichen Proben. Momentan haben wir noch keine Auftritte, aber das kommt wieder – wir haben etwa 10 bis 15 Auftritte im Jahr. Zuhause spiele ich Gitarre und Bass und bastle an Songs herum. Das ist eine gute Art, um abzuschalten, aber natürlich kommen Familie und Kinder zuerst.
 

"Viele Patienten warten zu lange auf einen Termin für sozialpädagogische Betreuung. Doch diese hilft oft ungemein - dafür schaffen wir jetzt ein Angebot." 

Wie motivieren Sie sich? 

Am besten ist es, sich das Ergebnis vorzustellen und dann darauf hinzuarbeiten. Natürlich gibt es Dinge, auf die ich nicht so viel Lust habe – beispielsweise Projektanträge –, aber später kann ich unseren Mitgliedern sagen, dass wir ein zusätzliches Angebot geschaffen haben. Das motiviert mich dann in dem Moment. Gerade haben wir den Zuschlag bekommen für eine akute psychologische Betreuung bei der Erstdiagnose von MS. Da reicht die sozialpädagogische Betreuung nicht aus. Das Projekt startet am 1. Oktober 2020 und wir arbeiten dafür eng mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein zusammen. Uns ist aufgefallen: Da sind Patienten, die können nicht sechs Monate auf einen Termin mit einer Psychologin warten. Das ist zu lang. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass schnelle verhaltenstherapeutische Angebote den Leuten sehr helfen – dann fallen sie nicht ganz so tief in ein Loch. Es reichen zwei bis drei Termine, um sie erstmal aufzufangen. Das fehlte uns im Angebot.

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz? 

Ursprünglich bin ich Bankkaufmann. Mein damaliger Zweigstellenleiter hat immer gesagt: „Es ist wichtig zu wissen, wo man hinwill, sonst landet man da, wo man nicht sein möchte“. Damals habe ich ihn nicht ganz verstanden. Heute ist mir klar, dass man nicht ziellos herumwuseln soll, sondern dass man eine Vorstellung von dem haben sollte, was man nicht will. Ich habe als einziger Realschüler die Bankausbildung gemacht und dann noch einige Zeit am Schalter gestanden. Andere hatten ihr Studium begonnen. Da habe ich mich gefragt: Will ich das die nächsten vierzig Jahre machen? Dann habe ich die Fachhochschulreife nachgeholt und mich für ein Sozialpädagogik-Studium entschieden. Später suchte die DMSG jemanden, der ein Angebot für junge MS-Erkrankte betreut – so habe ich hier 2004 angefangen. 

Was können Sie besonders gut?

Mich fasziniert der Umgang mit unterschiedlichen Menschen und vielfältigen Themen. Es macht mir Spaß, mit Menschen im Gespräch zu sein – das habe ich schon bei meiner Banktätigkeit gemerkt. Gerade bei großen Veranstaltungen fühle ich mich wohl und freue mich, dort Leute zu treffen, die ich lange nicht gesehen habe und mit denen ich mich austauschen kann. 

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Privat bin ich stolz darauf, gemeinsam mit meiner Frau so manche Hürde genommen zu haben. Mit allen Irrungen und Wirrungen, die der Alltag so bringt, haben wir das gemeinsam gut hinkriegt, auch mit unseren beiden Jungs. Beruflich bin ich seit 16 Jahren bei der DMSG und seit 2008 in der Geschäftsführung – auf diese Kontinuität bin ich auch stolz. 

Haben Sie einen Lieblingsort?

Einen Lieblingsort habe ich nicht, ich leide unter Dauerfernweh. Ich fühle mich an viele Orten wohl und finde es spannend, eine neue Stadt und neue Gegend zu erkunden. 2019 war Lissabon dieser besondere Ort. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich diese tolle Stadt an unserem zehnten Hochzeitstag erkundet. Es war einfach klasse! 

Wie tanken Sie Kraft?

Gitarre spielen, gemeinsam etwas am Wochenende unternehmen oder einfach abends am Ostseestrand sitzen – wir leben nur 15 Minuten mit dem Auto vom Meer entfernt –, das alles machen wir gerne. Gerade habe ich mir ein Stand-Up-Paddel gekauft und bin damit viel unterwegs. 

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus?

Wenn es keine Vorgaben gibt, dann würde ich gerne morgens in einer netten, fremden Stadt aufwachen, die mit der Familie erkunden, nachmittags einen Gitarrenladen anschauen und abends mit allen etwas essen gehen. 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Da gibt es so viele Leute, mit denen ich gerne mal einen Kaffee trinken würde. Viele Musiker, das ist klar. Besonders faszinieren mich Musiker und Künstler, die auch politisch aktiv sind. Jemand, der öffentlich nicht so bekannt, aber sehr facettenreich ist, ist der Musiker, Schriftsteller und Aktivist Henry Rollins. Das wäre sicher interessant. Ich glaube, mit Musikern über Musik zu reden, ist uninteressant. Mich würde viel mehr interessieren, wie er die gesellschaftspolitischen Veränderungen in den USA sieht. 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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