Schutz für Selbsthilfe

Herbert Temmes von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft über Motivation, Entspannung und Forderungen an die EU.

Nur Theorie reicht nicht

Herbert Temmes, Geschäftsführer der Bundesgeschäftsstelle der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, redet mit uns über Motivation, den Ausgleich beim Joggen und Entwicklung und Schutz der Selbsthilfe. 

Wann haben Sie die besten Ideen? 

Da gibt es seit langer Zeit mein bevorzugtes Medium: das Laufengehen. Ich setze mich gedanklich beim Joggen mit vielem auseinander und oft fällt mir etwas ein, an das ich vorher nicht gedacht habe. Es ist produktiv und ein guter Ausgleich zum Alltag.  

Vor kurzem bin ich innerhalb von Hannover umgezogen und habe eine gute Strecke von acht Kilometern gefunden. Die führt von meinem Stadtteil durch den Wald und am Friedhof vorbei – mit Ruhe, das passt gut.  

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen? 

Wenn ich mir selbst etwas Gutes tun möchte, dann plane ich mir selber Zeit ein: morgens in Ruhe mit einer Tasse Kaffee die Zeitung lesen, das ist ein guter Start in den Tag. Wenn es irgendwie geht, lese ich am Wochenende ein Buch. Das bringt mich oft in andere Welten.

Wie motivieren Sie sich? 

Da habe ich lange drüber nachgedacht. Herausforderungen motivieren mich. Nochmal etwas Neues anzufangen, etwas ausprobieren zu können, sich neue Projekte zu überlegen – das sind Punkte, die motivieren mich sehr.  

Auch schiebe ich gerne etwas an: Die Idee, einen Achtsamkeits-Coach als digitales Tool zu kreieren, fiel mir auch beim Joggen ein. Ich habe dann Partner gefunden, die das finanziert und mit umgesetzt haben. Das Achtsamkeitsprogramm läuft auf MS-Connect – einer Online-Kennenlernplattform für MS-Erkrankte und Angehörige. Ich finde es spannend, Menschen zuzuhören und in diesen Gesprächen Hinweise und neue Aspekte aufzugreifen. Dann mache ich mich an die Arbeit, um sie umzusetzen.  

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz?  

Ich bin jemand, der die Dinge verstehen und selbst mal durchführen möchte. Nur Theorie reicht nicht, ich möchte sie auch praktisch können. Deswegen habe ich früher einmal ein Moped, eine Simson Schwalbe, selbst auseinander- und wieder zusammengebaut. Auch bei digitalen Dingen möchte ich sehr genau wissen, wie sie funktionieren, und schaue daher gerne aufs Detail.  

Selbst machen, selbst ausprobieren, selbst testen – das gehört zu meinem Leben.  

Was können Sie besonders gut? 

Ich habe mal jemanden verblüfft, indem ich in einer sehr amtlichen Situation bei einer Befragung ein polizeiliches Protokoll redigiert habe. Aufgrund meines Studiums habe ich ein Sensorium für sprachliche Dinge und teile dies gerne mit anderen. Zudem bin ich ein guter Zuhörer. Es ist nicht immer ganz einfach mit der Geschäftsführer-Tätigkeit, denn da muss man viel und meist schnell entscheiden, Dinge vorwärtsbringen und andere befähigen, Dinge anzugehen. Ich hoffe, dass ich im Arbeitsalltag noch immer ein offenes Ohr habe und das auch so bleibt.   

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben? 

Ich nehme einfach einmal eines aus dem beruflichen Leben, eines, was noch immer aktuell ist: 2009 kam ein Sportwissenschaftler wegen eines Projektes mit MS-Erkrankten auf mich zu. Daraus ist mit SPOKS eine lange Kooperation mit zwei Universitäten und der DMSG erwachsen. Es ist ein Online-Trainings-Konzept, das in vielen Landesverbänden der DMSG umgesetzt wird.  

Daraus ist ein schönes und tragfähiges Projekt geworden, das noch weiterlaufen wird, da bin ich sicher.  

Haben Sie einen Lieblingsort? 

Seit drei Jahren habe ich einen Garten in einer Kleingartenkolonie, den ich mit meiner Lebensgefährtin betreue. Ein Rückzugsort, in dem ich recht schnell entspannen kann. Mit Vogelgezwitscher und vielen bunten Blumen – von der Stimmung her ein unglaublicher Ruhepunkt. Ein Ort zum Krafttanken.  

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus? 

Am Wochenende: Kaffee und Zeitung, Sport und Zeit zum Bücherlesen. Und selbst kochen. 

Oft habe ich einen durchgetakteten Tag mit vielen Video- oder Telefonkonferenzen. Der perfekte Tag wäre dann für mich einer, an dem ich das vorgenommene Arbeitspensum hinkriege. Dann bin ich zufrieden. Es kommt immer mal wieder etwas dazwischen, aber es ist schön, wenn man einige Dinge wirklich zu Ende bringen kann.  

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten? 

Es gibt viele historische Persönlichkeiten, wie Hans Blumenberg, Michel Foucault, Uwe Johnson oder Walter Kempowski, mit denen ich mich über deren Forschung oder ihre Geschichten austauschen würde.  

Aktuell würde ich gerne einen Kaffee trinken mit Frau von der Leyen, um über die Auswirkungen und Möglichkeiten zu sprechen, die man heute im Rahmen der Gesundheitshilfe in Europa hat. Ein wichtiges Anliegen wäre es mir, ihr mitzuteilen, dass man auf europäischer Ebene besser für den Schutz der Selbsthilfe sorgen sollte. Alle möchten unabhängige Organisationen, sorgen aber nicht dafür, dass sie auch finanziell unabhängig agieren können. Hier gäbe es auch auf EU-Ebene viel zu tun! 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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