Zufrieden in die Zukunft schauen

Prof. Dr. Judith Haas, die Bundesvorsitzende der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft, im Interview.

MenSchlich-Interview mit Prof. Dr. Judith Haas

Die Neurologin Prof. Dr. Judith Haas über ihre Karriere, ihren Umgang mit Hindernissen und ihren liebsten Rückzugsort. 

Für die eigene Überzeugung einzustehen und sich von Hindernissen nicht vom Weg abbringen zu lassen – dies ist Professor Dr. Judith Haas in ihrem beruflichen Leben besonders wichtig: Als junge Neurologin setzte sie auf die damals umstrittene Immuntherapie von Multiple Sklerose und war eine der ersten Frauen in Deutschland, die im diesem Fachbereich habilitiert wurden. Heute ist sie Ärztliche Leiterin des Zentrums für MS am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Zufriedenheit und eine besonnene Einschätzung auch herausfordernder Situationen sind Eigenschaften, die sie als Medizinerin, als Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und als Bundesvorsitzende der DMSG auszeichnen.

Frau Professor Haas, wann haben Sie die besten Ideen? 

Morgens in der U-Bahn, denn die Menschen um mich herum nehme ich dann gar nicht wahr. Ich kann mich super entspannen, Handy geht nicht, denn es gibt keinen sicheren Empfang. Es ist eine Phase, wo ich die Gedanken baumeln lasse. Eine Zeit, in der ich nicht abgelenkt bin. Da habe ich 45 Minuten, um Anfragen oder Aktionen zu überdenken. Wenn ich dann in der Klinik angekommen bin, schreibe ich es mir auf und setze es gleich um.  

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen? 

Nichtstun im Garten. Dort haben wir ganz viele hohe Bäume und wunderschöne Hortensien, über die ich meinen Blick schweifen lassen kann. Am liebsten setze ich mich in die hinterste Ecke. Alles, was grün ist, ist für mich was Schönes. Im Herbst oder im Winter betrachte ich das bunte Ahornlaub oder den schneebedeckten Rasen von unserem Wintergarten aus.  

Wie motivieren Sie sich? 

Mich motiviert es, wenn ich ein Ziel vor Augen habe, das ich erreichen will. Dann sehe ich die Chancen und schaue nicht gleich auf die Hindernisse. Aus meiner Erfahrung ist es wichtig, nicht primär die Hindernisse zu sehen, sondern einen Versuch zu machen, das Ziel zu erreichen. Die Hindernisse tauchen dann ohnehin auf. Beruflich hat mir diese Einstellung sehr geholfen: Anfang der 70er Jahre war die Immuntherapie zur Behandlung der Multiple Sklerose noch nicht zugelassen, denn man ist damals davon ausgegangen, dass MS nicht behandelbar ist. Aber an der Medizinischen Hochschule in Hannover waren wir überzeugt, dass wir Immuntherapien, insbesondere damals aus der Transplantationschirurgietherapie, auch auf eine Autoimmunerkrankung wie die Multiple Sklerose übertragen können, um MS-Erkrankten zu helfen. Es gab viele Bedenken, Vorbehalte und Anfeindungen, mit denen wir konfrontiert wurden, manchmal ist das auch heute noch so. Ich habe mich nicht abbringen lassen, denn ich war und bin überzeugt davon, dass das der Weg ist. Erst Anfang der 2000er Jahre hat sich die Einstellung langsam verändert. Rückblickend waren diese 30 Jahre ein wichtiges Erlebnis für mich.  

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz?  

Zufrieden sein, dieser Vorsatz ist mir besonders wichtig. Wenn man stets mit allem hadert und denkt, es könnte noch besser gehen, dann strahlt man auch nach außen hin keine Zuversicht aus. Ich sehe das Leben als Bilanz: In Momenten, in denen man das Gefühl hat, das etwas schlecht oder gar katastrophal gelaufen ist, sollte man überlegen, was gut war und was hätte schlimmer kommen können. So wird man hinunterreguliert und kann gelassener auf die Situation schauen. Das habe ich auch versucht, meinen Töchtern zu vermitteln: Negative Ereignisse im Leben akzeptieren und in die Zukunft schauen. Dann findet man wieder eine wohltemperierte Ebene der Zufriedenheit.  

Haben Sie einen Lieblingsort? 

Unser historisches Bauernhaus in der Lüneburger Heide ist mein Lieblingsort. Schon als kleines Kind habe ich dort mit meinen Eltern viele Urlaube verbracht. Später haben wir das Haus erworben. Dort sind meine allerschönsten Erinnerungen. Ich kenne alle Menschen im Dorf seit meiner Kindheit. Das ist ein wunderbares Glück, dort Momente zu verbringen.  

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus? 

Das Haus in der Lüneburger Heide ist noch immer der Mittelpunkt unserer Familie. Dort, im großen Garten unter den uralten Obstbäumen einen Sommertag mit allen zu verbringen, das ist wunderbar.  

Wie tanken Sie Kraft? 

Ich sehe jeden Morgen als einen neuen Anfang. Gerade, wenn ein Tag schwierig war, dann versuche ich, die Probleme am nächsten Tag anzugehen und zu lösen. Diese Eigenschaft hilft mir auch bei meinem ehrenamtlichen Engagement als Bundesvorsitzende der DMSG: Täglich erhalte ich viele, manchmal irritierende Informationen. Aber wenn ich das dann nochmals anschaue, relativiert sich vieles. Es lohnt sich, abzuwarten, die Angelegenheit nochmals mit Abstand anzuschauen und nicht gleich hektisch auf Botschaften zu reagieren. Vieles löst sich auch von allein. 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten? 

Klaus von Dohnanyi. Ich finde es faszinierend, wie sich seine politische Einstellung immer wieder ändert und er sich neu justiert. Für mich ist er ein so wunderbarer Demokrat und ein ehrenwerter politischer Mensch, dass ich jedes Gespräch mit ihm wertvoll finde. Mich würde seine Einschätzung der aktuellen Situation interessieren, wie er momentan die Bereitschaft der Deutschen einschätzt, für die Demokratie einzutreten. Für mich ist es ein großes Problem unserer Gesellschaft, dass auch junge Menschen sich politisch nicht interessieren. Viele konzentrieren sich früh auf ihren eigenen Lebensweg, ihre Karriere und die Familie. Da würde ich Klaus von Dohnanyi gerne fragen, ob er eine Gefahr in unserer Gesellschaft für den Erhalt der Demokratie sieht. 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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Rückblickend, was ist ihnen in ihrem beruflichen und privaten Leben besonders wichtig?  

Ich fand es immer wichtig, dass der berufliche Weg von mir und meinem Mann sehr im Vordergrund stehen durfte. Das ist, neben ganz großer Toleranz und gegenseitiger Unterstützung eine Grundlage für ein harmonisches Zusammenleben über all die Jahre. Meinen Mann habe ich am ersten Tag des Studiums kennengelernt. Es war in der Anatomie-Vorlesung in Tübingen. Wir sind beide unseren Weg gegangen, der uns Anfang der 90er Jahre nach Berlin geführt hat. Mein Mann war Unfallchirurg und Orthopäde an der Charité, während ich das Zentrum für Multiple Sklerose am Jüdischen Krankenhaus aufgebaut habe. Beruflich wurden mir nie wirklich Steine in den Weg gelegt. Ich war mit eine der ersten habilitierten Neurologinnen in Deutschland und hatte immer eine sehr motivierende Unterstützung von meinen Klinikchefs. Obwohl wir eine Familie gründeten, wurde mir die Kompetenz als Medizinerin nie abgesprochen. Meine beiden Töchter sind heute erwachsen, eine arbeitet als Medizinerin, die andere als Biochemikerin. Vielleicht bin ich ihnen ein Vorbild, wie man Beruf und Familie vereinbaren kann. Ich habe das Glück, meine ärztliche Tätigkeit nie wirklich als Arbeit empfunden zu haben. Vielmehr konnte ich das tun, was ich mir als Medizinstudentin schon gewünscht hatte. Das habe ich in meinem Leben als ganz besonderes Geschenk erlebt. Auch die Geschicke der DMSG aktuell als Bundesvorsitzende mit gestalten zu dürfen, ist mir stets ein ganz besonderes Anliegen.