Multiple Sklerose aus künstlerischer Sicht

Sabine Marina ist Hertie-Preisträgerin und Regisseurin des Kinodokumentarfilm "Kleine graue Wolke". Ein Interview über ihre Arbeit als Filmemacherin und Multiple Sklerose aus ayurvedischer Sicht.

"Meine Sichtweise auf die MS hat sich fundamental geändert"

Wie kam es zu der Entscheidung, den Film „Kleine graue Wolke“ über Ihr Leben mit MS zu drehen? Ist sie Ihnen schwergefallen?  

Als ich die Diagnose im Jahr 2011 erhielt, war meine erste Anlaufstelle das Internet, um von anderen Betroffenen zu hören, wie es ihnen mit der Erkrankung ergeht. Damals fand ich nur Berichte, die meine Stimmung sehr ins Negative gezogen haben. Als dann an meiner Hochschule drei Monate nach der Diagnose ein Drehbuch-Wettbewerb ausgeschrieben wurde, hatte ich plötzlich den Impuls, meine Geschichte dort einzureichen und einen Film über mein Erleben zu drehen. Trotz allem, was ich bisher gelesen hatte, war ich tief in mir sicher, dass es möglich ist, etwas Gutes aus dieser Situation mitzunehmen. Der Entschluss ist mir also überhaupt nicht schwergefallen, sondern es fühlte sich für mich nach einem Befreiungsschlag von allen Vorurteilen der Erkrankung gegenüber an. 

Momentan arbeiten Sie an Ihrem neuen Film „Vom Entschluss zu leben“. Worum geht es diesmal?  

Nachdem ich mit „Kleine graue Wolke“ mein Studium abgeschlossen hatte, begann eine turbulente, wenn auch wunderschöne Zeit als Unternehmerin. Während der Filmproduktion von „Kleine graue Wolke“ hat sich die MS nur selten bemerkbar gemacht, im beruflichen Alltag änderte sich dies jedoch und ich bekam wieder Schübe. Als ich dann massiv mit kognitiven Einschränkungen konfrontiert war, bin ich durch Zufall mit dem Heilpraktiker für Ayurveda-Medizin Michael Rohrschneider in Kontakt gekommen. Er erklärte mir die MS aus ayurvedischer Sicht so klar, natürlich und unmissverständlich, dass ich im positivsten Sinne erschüttert wurde und mit mir mein gesamtes Weltbild.  

Als ich Michael Rohrschneider begegnete, begann ich nicht nur, mich zum ersten Mal seit der Diagnose überhaupt in therapeutische Hände zu begeben, sondern beschäftigte mich mit Ayurveda, sprich mit den Naturgesetzen und natürlichen Rhythmen. Ich begriff und erfuhr im täglichen Leben, dass wir als Menschen und als Teil der Natur auch ihren Kräften unterliegen und dass eine Erkrankung ein Ungleichgewicht ist, das darauf beruht, dass wir gegen diese Kräfte leben. 

Der enorme Wandel an körperlicher, mentaler und emotionaler Gesundheit, den ich seither erlebe, so dass die MS überhaupt kein Thema mehr in meinem Leben ist, bildet den roten Faden für das neue Filmprojekt. Es setzt sich intensiv damit auseinander, was Gesundheit und Krankheit eigentlich sind, was Leben ist und was das Mensch-Sein in seiner Tiefe bedeutet. 

Das neue Filmprojekt ist vor allem entstanden, weil so viele Menschen meine Veränderung mitverfolgt und sich daraufhin die Fortführung meiner Geschichte gewünscht haben. 

"Jeder ist einzigartig und in diesem Sinne etwas Besonderes, daher war es für mich jedes Mal eine Freude, die vielen verschiedenen Menschen zu treffen. Es war eine gegenseitige Dankbarkeit präsent, etwas sehr Kostbares." 

 

Hat sich Ihre Sichtweise auf MS im Laufe der Zeit und Ihrer künstlerischen Auseinandersetzung damit geändert? 

Meine Sichtweise auf die MS hat sich fundamental geändert – und ja, dabei spielt auch die künstlerische Arbeit ihre Rolle.  

Bei der Arbeit an „Kleine graue Wolke“ hat die künstlerische Auseinandersetzung insofern eine große Rolle gespielt, dass ich mir in dieser Art der Auseinandersetzung einen freien Raum geschaffen habe. Darin durfte erst einmal alles so sein, wie es war, und ich konnte dem, was ich in mir an Gefühlen und Gedanken wahrgenommen habe, volle Aufmerksamkeit schenken. So habe ich durch die künstlerische Arbeit nichts verdrängt, sondern die einzelnen Aspekte anschauen und annehmen können. 

Die entscheidende Begegnung, was die Veränderung meiner Sichtweise auf die MS angeht, war jedoch die oben genannte mit Michael Rohrschneider und das Kennenlernen des Ayurveda. Dadurch habe ich mich mit den natürlichen Rhythmen und Wirkprinzipien in der Natur auseinandergesetzt. Das Ayurveda betrachtet außerdem jeden Menschen individuell in seinen körperlichen und geistigen Bedürfnissen, was sich mir in seiner Logik auch in der individuellen Symptomatik der MS widerspiegelte. 

Durch diese Auseinandersetzung und Umsetzung habe ich für mich erkannt und erlebt, dass meine eigene Erkrankung als eine Folge falscher Gewohnheiten entstanden ist, sei es meine Lebensweise, meine Ernährung, meine Denkmuster, meine Art, mit Emotionen umzugehen. Auf verschiedenen Ebenen habe ich gegen meine eigentliche Natur gehandelt. Als ich dies änderte, veränderte sich nicht nur sehr schnell meine körperliche Verfassung, sondern auch die Sicht auf Krankheit und MS als solche. 

Was waren besondere Momente im Rahmen Ihrer Arbeit? 

Neben den beiden genannten Langfilmprojekten habe ich an einer Reihe Kurzdokumentation über Menschen, die mit MS leben, gearbeitet. Das, was ich damals als besonders empfunden habe, war immer diese spontane Tiefe und Herzlichkeit der menschlichen Begegnung, die ich mit meinem Team und den Protagonisten hatte. Das war immer geprägt von Vertrauen und Offenheit, und mit vielen stehe ich bis heute in Kontakt. Jeder ist einzigartig und in diesem Sinne etwas Besonderes, daher war es für mich jedes Mal eine Freude, die vielen verschiedenen Menschen zu treffen. Es war eine gegenseitige Dankbarkeit präsent, etwas sehr Kostbares. 

Wie sind die Reaktionen auf Ihre filmischen Arbeiten zu MS? 

Die Reaktionen sind unterschiedlich, je nachdem, wie die eigene Haltung dem Leben gegenüber ist. Zu mir gelangen hauptsächlich positive Rückmeldungen, viel Dankbarkeit, viele fühlen sich bekräftigt und inspiriert durch die Filme. Sie nehmen sie gern, um ihrem eigenen Inneren Ausdruck vor anderen zu verleihen und ihren Angehörigen zu zeigen, welche Gefühle und Fragen da sind. 

Mit Sicherheit gibt es auch Menschen, die sich konfrontiert fühlen. Vor allem in dem neuen Langfilmprojekt „Vom Entschluss zu leben“ wird der Zuschauer noch mehr als in „Kleine graue Wolke“ herausgefordert sein, mit sich selbst in Beziehung zu treten – und das ist etwas, was nicht immer angenehm ist. 

"Die Sicht auf den Begriff „Krankheit“ ganz allgemein hat sich für mich sehr geändert und damit auch die Sicht auf die Erkrankung MS. Ich habe verstanden, dass eine Erkrankung nichts Feststehendes ist. Sie hat keine definierten Grenzen, auch wenn wir es mit einem Begriff wie „Multiple Sklerose“ benennen." 

 

Wie sehen Sie persönlich die Erkrankung MS? 

Die Sicht auf den Begriff „Krankheit“ ganz allgemein hat sich für mich sehr geändert und damit auch die Sicht auf die Erkrankung MS. Ich habe verstanden, dass eine Erkrankung nichts Feststehendes ist. Sie hat keine definierten Grenzen, auch wenn wir es mit einem Begriff wie „Multiple Sklerose“ benennen. Es ist in Vergessenheit geraten, dass dieser Begriff der Kommunikation dient, jedoch keine existentielle Grundlage als solche hat. So entsteht im Denken ein schwarz oder weiß, gesund oder krank, MS oder nicht-MS. Gesund und krank sind jedoch Lebensprozesse mit fließenden Übergängen.  

Manche Menschen empfinden es vielleicht als Provokation, wenn ich dies so ausdrücke, aber ich möchte es dennoch tun: Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht, die MS als Ungleichgewicht zu erkennen, dessen Ursprung die eigenen Handlungen sind. Leider wird dies selten als Chance und Empowerment von eigenverantwortlichem Handeln verstanden, sondern als Schuldfrage missbraucht. „Möchtest du etwa damit sagen, dass ich schuld bin an meiner MS?“ – oft wird mir diese Frage dann entgegengebracht. Wer sich jedoch die Schuldfrage stellt, verlässt die Gegenwart und bildet sich ein Gedankenkonstrukt aus Handlungen der Vergangenheit. Das ist problemorientiert.  

Ich habe meine Verantwortung erkannt, im Hier und Jetzt eine für die Situation zuträgliche Entscheidung zu treffen und so stets einen lösungsorientierten Alltag zu gestalten. Genau da liegt in meiner Erfahrung das Empowerment, das wir zum Beispiel durch das Wissen des Ayurveda bekommen, wobei der entscheidende Punkt das Erkennen der Eigenverantwortung ist und dann erst das Anwenden des Wissens. Und so habe ich gelernt, die Zeichen meines Körpers und meiner Psyche zu lesen und dann entsprechend zu handeln, um wieder in mein angeborenes Gleichgewicht zu kommen.

Diese Sicht wird nicht nur im Ayurveda so formuliert - sie hat sich mir aus meiner eigenen Erfahrung heraus eröffnet, da ich sehr eindrucksvoll erlebe, wie es sich in einem in seinem individuellen Gleichgewicht befindlichen Körper und Geist lebt. Statt der früheren MS-Symptomatik erlebe ich große Kraft und Lebensfreude, inneren Frieden, Mitgefühl und Einklang mit allem. Das geht sogar so weit, dass es mir jetzt auf allen Ebenen noch besser geht als vor der MS-Diagnose vor fast zehn Jahren. Insofern kann ich diesem Lebensabschnitt mit der Erkrankung gar nicht dankbar genug sein.

Was würden Sie sich von Politik und Öffentlichkeit in Bezug auf MS wünschen? 

Ehrlich gesagt habe ich keine Wünsche an Politik und Öffentlichkeit in Bezug auf MS. Ich finde es wichtig, dass wir Menschen damit beginnen, uns in einem größeren Kontext zu begreifen, anstatt in unseren eigenen kleinen Welten zu verharren, doch dazu braucht es Raum für innere Auseinandersetzung. Momentan sind wir sehr damit beschäftigt, unsere kleinen Welten zu verteidigen, was häufig unter dem Deckmantel „Aufklärung“ geschieht. Wir wünschen uns von anderen Rücksicht und Akzeptanz, doch sind nicht einmal selbst in der Lage, sie uns selbst gegenüber zu praktizieren. Das ist es das erste, was geschehen muss – und dann erübrigen sich Erwartungen an die Öffentlichkeit von allein. 

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz?  

Das Leben selbst sehe ich als das größte Geschenk, was wir Menschen bekommen haben. Und damit meine ich nicht die ganzen Aktivitäten, die daraus entspringen, wie Karriere, Hobbys, Freunde, Familie, nein. Ich meine das Leben, das Bewusstsein, was den Körper und Geist be-lebt, und was ein Erleben der Aktivitäten erst möglich macht. 

Meine innere Haltung ist ausgerichtet an Selbsterkenntnis, an der Kraft und Weisheit, die jedem Menschen mitgegeben wurde. Ich schöpfe aus einem tiefen Vertrauen, das keine Unterschiede macht, das keine Trennung erzeugt. Alles, was mir dadurch an Erkenntnis geschenkt wird, lebe ich jeden Tag so gut ich kann. „Be the change you wish to see in the world“, sagte einst Mahatma Gandhi. Das ist unter anderem eine Inspiration für mich.  

"Ich finde es wichtig, dass wir Menschen damit beginnen, uns in einem größeren Kontext zu begreifen, anstatt in unseren eigenen kleinen Welten zu verharren, doch dazu braucht es Raum für innere Auseinandersetzung. " 

 

Was können Sie besonders gut? 

Das können andere wohl besser definieren als ich. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich jeden Tag für alle Aufgaben und Herausforderungen mein Bestes gebe, egal, ob ich sie gut oder nicht so gut kann. Aber natürlich gibt es da immer angenehme und eher unangenehme Dinge. Was mir Freude bereitet, ist zum Beispiel anderen Menschen einen Anstoß zur Auseinandersetzung mit sich selbst zu geben. Und ich sorge dabei unheimlich gerne für Nahrung voller Lebenskraft – sei es auf stofflicher Ebene mit Essen und Trinken oder geistiger Ebene mit Film und Text. Was ich für dieses Miteinander an Rückmeldung entgegengebracht bekomme, dafür empfinde ich so eine Dankbarkeit und Demut, dass es mir gar nicht so recht möglich ist, es in Worte zu fassen. Es ist einfach das Schönste, ein anderes Leben so nah und direkt zu berühren. 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten? 

Den indischen Arzt und Vaidya Dr. Vasant Lad. Neben Michael Rohrschneider ist er ein großer Lehrer auf dem Gebiet des Ayurveda für mich.  

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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