Zwischenmenschliche Momente

Dr. phil. Tino Zähle ist Neuropsychologe am Universitätsklinikum Magdeburg. Ein Interview über seine aktuellen Forschungsschwerpunkte und vielversprechende Forschungsansätze zur MS-bedingten Fatigue.

"Besondere Momente entstehen immer zwischenmenschlich"

Wie sind Sie zur MS-Forschung gekommen?

Durch meine tägliche Arbeit als Neuropsychologe in einer Klinik für Neurologie. Hier sehen wir oft Patienten, die an einer MS erkrankt sind, aber neben der „eigentlichen“ MS-Symptomatik zusätzlich an Erschöpfung leiden. Häufig berichten diese Patienten sogar, dass diese „Fatigue“ ihre Lebensqualität am stärksten beeinträchtigt. Als Neuropsychologe ist es dann zusätzlich unbefriedigend, wenn wir diese Symptome nicht genau quantifizieren, also messen können, sondern nur auf die Empfindungen der Patienten zurückgreifen können. Auch für die Patienten ist es unbefriedigend, da dies häufig zu Akzeptanzproblemen bei den behandelnden Ärzten führt. Zusätzlich kommt hinzu, dass es aktuell keine wirklich effektive Behandlungsmöglichkeit für Fatigue bei MS, aber auch bei anderen neurologischen Erkrankungen, gibt. 

Können Sie Ihr aktuelles Forschungsprojekt für Laien kurz erklären?

In unserem aktuellen durch die Hertie-Stiftung finanzierten Forschungsprojekt suchen wir nach Lösungen für genau diese Probleme: Wie lässt sich die von den Patienten empfundene Erschöpfung messen und was können wir gegen diese Erschöpfungszustände tun?

Um Fatigue zu messen, messen wir die Reaktionszeit von Menschen – etwa, indem sie auf einen Reiz hin schnellstmöglich eine Taste drücken. Diese Maße sind erstaunlich aussagekräftig bei der Beurteilung einer physischen Erschöpfung, etwa wenn Probanden eine Aufgabe über einen längeren Zeitraum ausführen müssen. 

Um die dauerhaft bestehende Fatigue bei Patienten zu beurteilen, untersuchen wir mithilfe einer Elektroenzephalografie (EEG) die elektrische Aktivität des Gehirns. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die EEG-Parameter mit der bestehenden Erschöpfung verändern. So können wir also einen möglichen Therapieerfolg dokumentieren und aufzeigen. 

Eine Therapiemöglichkeit ist die sogenannte transkranielle Gleichstromsimulation. Es handelt sich dabei um ein noch junges Verfahren, bei dem mit schwachen elektrischen Strömen das Gehirn stimuliert wird. Hier untersuchen wir, wie sich diese auf die Fatigue auswirken. Das Gute dabei ist, dass die Methode sehr sicher ist, bei korrekter Anwendung keine Nebenwirkungen verursacht und die eigenständige Verwendung zu Hause durchaus möglich ist. 

Was treibt Sie in Ihrer Arbeit an? 

Als Grundlagenwissenschaftler interessiert mich vor allem, einer Sache auf den Grund zu gehen und zu verstehen, wie und warum etwas funktioniert. Als Kliniker bin ich daran interessiert, dieses Grundlagenwissen so effektiv wie möglich umzusetzen, um die klinische Versorgung von Patienten zu verbessern. 

Was waren besondere Momente im Rahmen Ihres MS-Engagements?

Besondere Momente entstehen immer zwischenmenschlich, wenn wir einem Patienten das Gefühl geben konnten, seine Symptomatik verstehen und messen zu können. Und vor allem, wenn Patienten dann tatsächlich eine Verbesserung ihrer Fatigue verspüren. 
Wenn die abschließende Betrachtung der von uns erhobenen Daten zeigt, dass wir bei der Auswahl der Untersuchungsparameter richtig entschieden haben – das kann ebenfalls ein besonderer Moment für das ganze Team sein. 

"BESONDERE mOMENTE ENTSTEHEN IMMER ZWISCHENMENSCHLICH, WENN WIR EINEM PATIENTEN DAS GEFÜHL GEBEN KONNTEN, SEINE SYMPTOMATIK VERSTEHEN UND MESSEN ZU KÖNNEN."

"UNSERE AKTUELLEN UNTERSUCHUNGEN ZUR FATIGUE BEI MS SIND NUR EIN ERSTER, WENN AUCH VIELVERSPRECHENDER ANSATZ." 

 

Was wollen Sie in Zukunft erreichen? Gibt es spannende Forschungsansätze, neue Projekte…?

Unsere aktuellen Untersuchungen zur Fatigue bei MS sind nur ein erster, wenn auch vielversprechender Ansatz. Wir wollen die systematische Untersuchung dieser möglichen Therapieoption bei MS, aber auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie etwa bei Morbus Parkinson weiter fortsetzen. 

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz? 

Nein, aber wenn ich mir spontan einen Vorsatz ausdenken müsste, dann würde ich das nennen, was ich meinen Studierenden häufig sage: „Gehen Sie mit offen Augen durchs Leben und bleiben Sie neugierig“. 
 

Was können Sie besonders gut?

Meine Doktoranden sagen mir, sie immer wieder für neue Projekte zu begeistern und zum Weitermachen zu motivieren, gelinge mir ganz gut. 

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Auf meine Kinder.

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Richard Feynman, Richard Dawkins, Alexander Romanowitsch Lurija. 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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