"Ich helfe Künstlern, ihre eigenen Stärken zu sehen."

Hertie-Fellow Annette Gentz hat aus ihren Interessen und Hobbies einen Beruf entwickelt, der Mut und strategische Vorstellungskraft voraussetzt: in ihrer Berliner Künstleragentur vertritt sie Komponisten für Film- und Bühnenmusik.

Annette Gentz, Foto: Natalia Irina Roman

Annette ist, wie sie es nennt, »im Schatten der ehemaligen Mauer« aufgewachsen – in Kleinmachnow. Ein Ort, an dem viele Künstlerinnen und Künstler lebten, zum Beispiel Christa Wolf oder Kurt Weill. Annette wohnte nicht weit entfernt von den Babelsberger Filmstudios – vielleicht ein Zufall oder ein Fingerzeig auf jenen Weg, den sie später einschlagen würde. Direkt nach dem Fall der Mauer arbeitete sie für ein Filmfestival, in dessen Rahmen sie Film- und Open-Air-Vorführungen organisierte, unter anderem Filme wie »La moindre des choses« von Nicolas Philibert. Die Luft war geladen mit einem nahezu greifbaren Gefühl des Umbruchs, einem Gefühl, Dinge zu schaffen: »Es fühlte sich an, als würden wir wirklich was bewegen, wir zeigten einige außergewöhnliche Filme. Die Atmosphäre war großartig«, erzählt Annette.

Mittlerweile hat sie eine eigene Künstleragentur gegenüber des Pergamon Museums, eine Agentur, die sich auf Filmmusik konzentriert. Sie vertritt Komponistinnen und Komponisten auf dem Gebiet der Film- und Bühnenmusik und gelegentlich auch im Rahmen von Ausstellungen. »Die Agentur ist mehr ein Impresariat als ein Unternehmen«, erklärt Annette und betont damit ihr Mitwirken und die enge Zusammenarbeit mit den Künstlern. Ihr Portfolio beinhaltet Komponisten wie Karsten Fundal, der die Musik zu Ai Weiweis Film »Human Flow« zur sogenannten »Flüchtlingskrise« komponierte, oder Michael Nyman, Hauschka und Selma Mutal.

Berlin war früher homogener

Annette besuchte das Gymnasium in Potsdam. »Mein Politiklehrer, der ursprünglich aus Hamburg kam, behandelte im Unterricht moralische und ethische Fragen«, berichtet Annette über den Anfang ihres Bildungsweges. Sie erinnert sich gerne von Zeit zu Zeit an die Menschen, die sie inspiriert haben. Das Studienkolleg zu Berlin (SKB), ein Exzellenzprogramm für europäischen Führungsnachwuchs, war Annettes erster Kontakt zur Hertie-Stiftung und brachte für sie anregende Erfahrungen mit alltäglicher Migration und Interkulturalität mit sich. Berlin war früher »homogener«, beschreibt Annette die Zeit direkt nach der Wiedervereinigung, als Berlin mit einer steigenden Zahl an Migranten zu tun hatte.

Ich habe eine Karriere aus meinen Interessen und meinem Hobby gemacht.

Büro mit Blick auf das Pergamonmuseum. Foto: Natalia Irina Roman

Stimmen hörbar zu machen, die nicht gehört werden, treibt mich.

Ihr Projekt im SKB zielte darauf ab, die Homogenität innerhalb der Migranten aufzubrechen und die Vorurteile einzureißen, mit denen diese konfrontiert waren. Im Rahmen ihres Projektes hielten Annette und ihre Kollegen in den Gruppen der Migranten und Nicht-Migranten nach Künstlern Ausschau, drückten ihnen Einwegkameras in die Hand und baten sie, (überwiegend muslimische) Einwanderungskulturen zu porträtieren. Annette und ihre Fellows vom SKB teilten so etwa 200 Kameras aus. Mit den gesammelten Fotos organisierten sie eine Ausstellung im Kulturamt Neukölln. Die eigene Umwelt gemäß den eigenen Möglichkeiten zu gestalten, stand im Mittelpunkt ihres SKB-Projektes und dieser Fokus begleitet sie in ihrer Arbeit noch bis zum heutigen Tag.

Sie entdeckt unbeachtete Potentiale in Künstlern 

Annette studierte Kulturwissenschaften an der Viadrina Universität in Frankfurt (Oder). »Es war wichtig, raus aus Berlin zu kommen«, sagt sie über die Stadt, die ihr bereits sehr vertraut war. Der Studiengang an der Viadrina war damals ein ganz neu entwickelter. Für Annette war es genau die richtige Entscheidung, da sie nach einer Gelegenheit wasuchter, sich aktiv an der Entwicklung des Studiengangs zu beteiligen. Trotz dieses Engagements arbeitete sie weiterhin für TV-Unternehmen und Produktionsfirmen.

Nach ihrem Bachelorabschluss zog es Annette für einen Master Phil. nach Amsterdam, der durch ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes finanziert wurde, das genau zur richtigen Zeit kam. Inspiriert durch ein Fotosujet nahm sie an einem Graduiertenkurs der Humboldt Universität Berlin teil, der sich mit der Kodierung von Gewalt in Medien beschäftigte. Jedoch eröffnete Annette bald ihr »eigenes Büro«, ihre eigene Agentur für Komponistinnen und Komponisten. Mit einem guten Gespür brachte sie die richtigen Leute mit den passenden Kontexten zusammen: Unter anderem arbeitete sie mit dem Österreichischen Filmmuseum und mit MaerzMusik in Berlin. Ihre Arbeit kam in die Gänge.

»Ich habe eine Karriere aus meinen Interessen und meinem Hobby gemacht«, sagt Annette. Sie ist eine Botschafterin der Künste: »Ich helfe Künstlern, ihre eigenen Stärken zu sehen«, erklärt sie. Was sie antreibt ist, »Stimmen hörbar zu machen, die nicht gehört werden.« Annette entdeckt unbeachtete Potentiale in Künstlern und verstärkt ihre Stimmen. Aber eigentlich ist das keine Geschichte über Vergrößerungsgläser und Verstärker. Es ist eine Arbeit von filigraner sozialer Art, die Mut und strategische Vorstellungskraft braucht und bei der es darum geht, das Innere von Menschen zu lesen.

Foto: Natalia Irina Roman

Annette Gentz und fellows & friends

Annette Gentz ist Mitglied bei fellows & friends, dem Alumni-Netzwerk der Hertie-Stiftung. Das Netzwerk umfasst etwa 4.000 Mitglieder aus den verschiedenen Bereichen und Programmen der Hertie-Stiftung. fellows & friends bietet neben den Möglichkeiten der Vernetzung und des Austauschs innerhalb von Expertenkreisen auch Mentoringprogramme und Events. Weitere Informationen finden Sie unter

www.fellows-ghst.de