Das Unmögliche möglich machen

Nach einem Schlaganfall den Weg zurück ins Leben finden: Das HIH geht neue Wege.

Neue Therapiemöglichkeiten bei Schlaganfall

Nach einem Schlaganfall ist oft nichts mehr so, wie es vorher war. Die Transkranielle Magnetstimulation hilft Patienten mittels Gehirn-Stimulation auf dem Weg zurück in den Alltag. 

Jedes Jahr erleiden 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall, und noch immer ist der plötzliche Hirnschlag der häufigste Grund für Behinderungen im Erwachsenenalter. Trotz verbesserter Therapien liegt die Erkrankung auf Platz drei der häufigsten Todesursachen. Um das öffentliche Bewusstsein für den Schlaganfall zu schärfen und über Prävention und Therapien aufzuklären, wurde 2006 der Welt-Schlaganfalltag ins Leben gerufen. Im Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen, das von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gefördert wird, widmet sich die Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen und Neuroonkologie unter der Leitung von Prof. Dr. Ulf Ziemann der Forschung und Therapie rund um den Schlaganfall. So gibt es seit 2018 am HIH eine Ambulanz für Transkranielle Magnetstimulation (TMS), an der Patienten und Patientinnen nach einem Schlaganfall durch gezielte Stimulation des Gehirns behandelt werden.

Sandra Friesch sitzt auf einem bequemen weißen Stuhl, auf ihrem Kopf ist eine Magnetspule angelegt. Auf Knopfdruck reizt diese das Gehirn der Tübingerin mit magnetischen Impulsen. Schmerzen spürt Sandra Friesch nicht, ihr Schädel bleibt völlig unversehrt. Für die nächsten 25 Minuten wird die Patientin nun so verharren, während ihr Gehirn darauf vorbereitet wird, sich neu zu vernetzen.  „Doping für meinen Kopf“, nennt Sandra Friesch die Behandlung, die sie im vergangenen Jahr an der TMS-Ambulanz in Tübingen abgeschlossen hat. „Nach der TMS fiel es mir viel leichter, meine Physiotherapie-Übungen umzusetzen. Heute kann ich sogar wieder meine Finger bewegen, das war vor einem Jahr noch nicht möglich.“

Sandra Friesch erlitt 2011 einen Schlaganfall. Durch starkes Erbrechen während eines Magen-Darm-Infekts war ein Riss in ihrer Halsarterie entstanden und ein Blutgerinsel nach oben gewandert, das den Hirninfarkt auslöste. Zum Glück wurde Frau Friesch schon drei Stunden später von ihrem Mann gefunden, doch die Folgen des Schlaganfalls waren hart: Die komplette linke Körperhälfte der damaligen Fließbandarbeiterin war gelähmt, ihr Blickfeld eingeschränkt. Sprechen und Gehen war nicht möglich, zudem sorgten Spastiken dafür, dass Sandra Friesch die Finger ihrer linken Hand kaum bewegen konnte. „Manchmal hing ich ewig an einer Tür fest, die ich zuvor zwar mit der Hand öffnen konnte, aber ich konnte meine Finger danach nicht mehr lösen“, erzählt die Mutter zweier Söhne. Über die Jahre folgten vier Reha-Aufenthalte und viele Stunden Ergo- und Physiotherapie – und Frau Friesch macht gute Fortschritte: Sie konnte den Rollstuhl hinter sich lassen, begann zu sprechen, die hängende linke Gesichtshälfte nahm wieder Formen an, nur die Spastiken in der linken Hand blieben. Dann, im vergangenen Jahr, überwies ihr Neurologe die Patientin an das Uniklinikum Tübingen. Dort arbeiten Prof. Ulf Ziemann und sein Team seit Jahren erfolgreich mit der TMS, so dass daraus 2018 eine eigene Ambulanz entstanden ist. Dr. Christoph Zrenner, Neurologe und Laborleiter der Arbeitsgruppe an der TMS-Ambulanz, beantwortet die wichtigsten Fragen zu der Therapiemethode.  

Dr. Zrenner, wie funktioniert die TMS-Therapie genau?

Die TMS ist ein Verfahren zur Stimulation des Gehirns, um ganz gezielt Areale in der Hirnrinde zu aktivieren oder zu schwächen. Möglich ist dies durch die Magnetspule am Kopf, die durch einen sehr kurzen Stromfluss ein elektrisches Feld im Gehirn erzeugt, welches die Nervenzellen aktiviert. Es ist also eine elektromagnetische Stimulation. Diese kann man sogar sehen: wenn man die Motoareale durch die TMS stimuliert, zuckt Millisekunden später die Hand.

Wozu braucht man diese Stimulation?

Die Idee dahinter ist, dass wir den Schlaganfall-Betroffenen eine Möglichkeit anbieten möchten, die wichtige Physiotherapie und Ergotherapie noch erfolgreicher umzusetzen. Nach einem Schlaganfall muss sich das geschädigte Gehirn neu organisieren, und zum Glück ist es in der Lage dazu, plastisch zu lernen. Das ist wie bei Kindern, die Radfahren lernen. Nur ist das Kinderhirn auch darauf angelegt, Neues zu lernen. Ein 60 oder 70 Jahre altes Gehirn ist nach einem Schlaganfall nicht darauf angelegt, grundlegende Dinge wie Sprechen oder Gehen zu lernen. Durch die TMS können wir das geschädigte Hirn drauf vorbereiten.

Wie funktioniert das?

Durch die Stimulation versuchen wir das Hirn in einen Zustand zu bringen, der es ihm leichter macht, neue Netzwerke zu bilden. Bildlich gesprochen kann man es aufweichen, und durch die Übungen direkt im Anschluss an die TMS-Behandlung erfolgreicher neue Strukturen und Netzwerke anlegen. In der Regel spricht das Gehirn über einen Zeitraum von einer Stunde besser auf die Übungen an; die Patientinnen und Patienten gehen also direkt nach der TMS-Behandlung zur Physiotherapie oder Logopädie, wo sie etwa eine Stunde üben.

Durch die TMS können wir das geschädigte Hirn auf das Lernen vorbereiten.

Wie oft wird der Patient oder die Patientin mit der TMS behandelt?

Es finden in der Regel 18 Sitzungen statt, die jeweils 25 Minuten dauern. Die Patienten kommen  dreimal die Woche zu uns. Andere von außerhalb bleiben drei Wochen und kommen dann täglich.

Für wen ist die TMS geeignet und für wen eher nicht?

Die meisten Studien gibt es zu Erfolgen bei Lähmungen im Hand-Arm-Bereich und bei Sprachstörungen. Es können auch Patienten mit Beinstörungen behandelt werden, aber da gibt es noch nicht so viele positive Nachweise.  Nicht geeignet ist die Behandlung für Patienten mit elektronischen Implantaten wie Herz- oder Hirnschrittmachern.

Welches Potenzial sehen Sie in der TMS – die Methode ist ja nicht ganz neu?

Die TMS gibt es seit über 30 Jahren, am meisten Erfahrung besteht in der Behandlung von Depressionen. Es gibt verschiedene Standardprotokolle, nach denen behandelt wird, auch bei uns in Tübingen: Das Hirn wird nach einem festen Ablauf gereizt, unabhängig davon, was in ihm gerade vor sich geht. Doch die gehirneigene Aktivität ist Schwankungen unterworfen und darauf wollen wir künftig besser reagieren können. Die TMS bietet uns dafür in der Anwendung unendlich viele Möglichkeiten, denn sie ist ja nicht wie eine Tablette, von der ich ein oder zwei nehmen kann. Ich kann hierbei die Anzahl der Pulse, ihre Intensität, die zeitliche Abfolge oder auch die Lage der Magnetspule unendlich variieren. Was uns in unseren Studien antreibt, ist die Frage, wann der beste TMS-Puls gesetzt wird, um für jeden Patienten sein optimales individuelles Behandlungsprotokoll zu entwickeln. Es geht also um eine Personalisierung der Behandlung.

Prof. Ziemann arbeitet zum Beispiel mit seiner Arbeitsgruppe im Rahmen des europäischen Projektes „ConnectToBrain“ mit einem internationalen Forscherverbund an einem TMS-Helm, der jeden Bereich der Großhirnrinde stimulieren kann. Erste Tests mit gesunden Versuchspersonen sind angelaufen, in etwa fünf bis sechs Jahren könnte das Gerät so weit ausgereift seien, dass mit der kommerziellen Herstellung begonnen werden kann. Das wäre dann ein weiterer Schritt, um die personalisierte TMS-Therapie auf den Weg zu bringen.

Sandra Friesch wurde erfolgreich mit einem Standardprotokoll behandelt, sie führt heute wieder ein unbeschwertes Leben: „Die TMS-Behandlung hat nicht dafür gesorgt, dass ich schneller beweglicher wurde, sondern leichter“, betont sie gern. „Mein Physiotherapeut hat mir früher ja auch immer gesagt, wie ich die Finger bewegen soll, aber ich konnte es nicht. Versuchen Sie mal, mit dem mittleren Zeh zu wackeln, es funktioniert nicht. So fühlt man sich nach einem Schlaganfall. Nach der TMS gehorchten die Finger wieder, es ging leichter, die Übungen umzusetzen.“ Die Tübingerin ist mittlerweile so begeistert von ihrer Behandlung, dass sie anderen Patientinnen und Patienten auf der TMS-Ambulanz Mut machen möchte. „Nach einem Schlaganfall ist das Leben nicht zu Ende“, sagt sie, „es ist langsamer, und man wird achtsamer für die schönen Dinge im Leben.“

Die Interviews führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.        

Das hertie-institut für klinische hirnforschung

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen ist eines der bundesweit größten und modernsten Zentren zur Erforschung neurologischer Erkrankungen. Es wurde 2001 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dem Land Baden-Württemberg, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ihrer medizinischen Fakultät sowie dem Universitätsklinikum Tübingen gegründet und 2004 eröffnet. Die Fördermittel der Hertie-Stiftung betragen mehr als 50 Mio. Euro.

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