Zwei Bereiche, eine Diskussion: Gehirn erforschen trifft auf Demokratie stärken

Wolf Singer und Bernhard Schlink diskutierten in Berlin zu dem Thema: „Das demokratische Gehirn – freier Wille und freie Wahlen“.

Demokratie fängt im Kopf an

Hirnforscher Prof. Wolf Singer und Staatsrechtler und Autor Prof. Bernhard Schlink („Der Vorleser“) folgten der Einladung der Hertie-Stiftung und diskutierten in Berlin zu dem Thema: „Das demokratische Gehirn – freier Wille und freie Wahlen“. Eine ungewöhnliche Kontroverse zweier Grandseigneurs ihres Fachs. 

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die beiden Themenschwerpunkte der Hertie-Stiftung Gehirn erforschen und Demokratie stärken inhaltlich nicht zusammenpassen. Doch stimmt das wirklich? Schließlich fängt Demokratie im Kopf an, und so bat die Hertie-Stiftung in Berlin zwei herausragende Wissenschaftler und Denker auf das Podium, um der Frage nach einem „demokratischen Hirn“ auf die Spur zu kommen: Prof. Dr. Wolf Singer (79) ist Hirnforscher und Neurophysiologe, war Direktor der Abteilung für Neurophysiologie des Max Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt. Singer sorgte in der Vergangenheit mehrfach für Aufsehen mit der Aussage, dass der Mensch keinen freien Willen habe, sondern dass alle unsere Entscheidungen auf bereits festgelegten neuronalen Prozessen beruhen. Er diskutierte mit Prof. Dr. Bernhard Schlink (78), Staatsrechtler und Rechtsphilosoph, zudem Schriftsteller mit Wohnsitz in Berlin und New York. Die beiden Herren kamen im Palais Populaire in Berlin zusammen, um vor geladenen Gästen sowie Vertreterinnen und Vertretern der Hertie-Gremien das Thema „Das demokratische Gehirn - freier Wille und freie Wahlen“ zu beleuchten.

„Passt unser Gehirn zur Demokratie?“ fragte Moderatorin Daniela Bublitz somit zum Auftakt des Abends, und der Hirnforscher konnte sogleich Entwarnung geben: „Im Gehirn geht es demokratisch zu, das ist wie in sozialen Systemen auch“, so Singer, „es werden verschiedene Bereiche wie zum Beispiel die Nahrungsaufnahme oder das Regeln der Körpertemperatur, die in Wechselwirkung zueinanderstehen, aufeinander abgeglichen. Diese ständigen Streitereien werden am Ende durch Selbstoptimierungsprozesse gelöst.“ Entscheidend sei dabei die Architektur, die diese Interaktionen im Hirn kanalisiere, nämlich ohne die Kompetenz oder Einfluss jedes anderen Bereichs zu beschneiden - ebenso, wie es auch in demokratischen Systemen sein sollte. Ohnehin ließe sich von der Natur einiges lernen, ergänzte Singer, so würde vor allem ein Maximum an Diversität ein System stabil halten, und der Jurist Bernhard Schlink stimmt zu: „Diversität stärkt unsere Demokratie. Autokratische oder hierarchische Systeme bleiben auf Dauer nicht stabil, das hat die Geschichte gezeigt.“ Eine Erkenntnis des Abends: Netzwerke sind resilienter als Hierarchien - das gilt für die Demokratie wie für das Gehirn.  

Dennoch sei es für viele Menschen offenbar zunehmend ein Problem, pluralistische Meinungen und Diversität auszuhalten, gab Schlink zu bedenken: „Es gibt zunehmend diese Sehnsucht nach strikter Ordnung und dass jemand die Führung übernimmt, dann würde man sich vermeintlich am sichersten fühlen.“ Diese Gedankenmuster aufzubrechen sei „unheimlich wichtig“ und sollte schon in Kindergarten und Schule begonnen werden, um sich gegen populistische Verführungen wappnen und wehren zu können. „Wir haben ein riesiges Erziehungs- und Bildungsproblem, das Auswirkungen auf unser demokratisches Miteinander hat“, so Schlink, „der Bildungsprozess muss auf allen Ebenen vorangetrieben werden.“

Auch der Neurowissenschaftler forderte, bereits in jungen Jahren mehr Mittel in Bildung und Erziehung der nachfolgenden Generation zu investieren: „Unsere abendländischen Werte können nur etwa bis zum 20. Lebensjahr in ein Hirn hineinprogrammiert werden“, so Singer, „danach sei die „kritische Phase der Entwicklung“ vorbei und der Mensch müsse im Großen und Ganzen mit seiner Grundstruktur leben.

Kontroverser ging es zu, als die Moderatorin die beiden Herren nach ihrem jeweiligen Menschenbild in unserer Verfassung fragte: „Unsere Demokratie setzt auf freie Menschen, freie Köpfe und freie Gehirne“, steht für Rechtsphilosoph Schlink fest. Singer ging so weit konform, dass die Bedingungen, unter denen hierzulande zum Beispiel Wahlen stattfänden, frei seien. Nur an der Urne selbst würde nicht mehr der freie Wille entscheiden: „Jede Entscheidung ist die Folge von neuronalen Wechselwirkungen, deren Grundlagen die jeweilige genetische Hirnarchitektur und die persönlichen Erfahrungen sind. Aufgrund von physikalischen und chemischen Vorgängen im Gehirn muss es so passieren, dass man selbst zu dieser bestimmten Entscheidung kommt - man hat sie aber nicht nach freiem Willen gefällt", so Singer. Freie Wahlen im Sinne von „sich frei äußern zu dürfen“, würde es natürlich geben - aber das Hirn selbst würde als Organ nur den Naturgesetzen gehorchen.

Man habe durchaus die Möglichkeit, sich frei zu besinnen und zu entscheiden, hielt der Jurist entgegen. „Ich sehe nicht ein, dass wir davon ausgehen sollen, dass die Natur und auch unser Gehirn determiniert seien“, so Schlink. Doch Singer lässt nicht locker: „Ein Neuron macht das, was man ihm sagt, mehr nicht. Das ist übrigens auch beim Wurm oder besser noch beim Oktopus so, da laufen die Prozesse der Informationsverarbeitung sehr ähnlich ab wie beim Menschen.“ Schmunzeln im Publikum.

„Wer entscheidet denn nun an der Wahlurne?“, hakte die Moderatorin nach. Singer: „Bei mir die Selbstorganisation des Gesamtsystems, bei Prof. Schlink muss es wohl ein unabhängiger Agent sein, der sich ins Hirn schleicht, und den Neuronen sagt, was sie machen sollen. „Nein“, entgegnete der Jurist trocken, „die Neuronen sind komplex genug in gewisser Freiheit zu entscheiden, was sie tun wollen und was nicht. Warum sollen die das nicht können?“ Singer lächelte: „Ich kann da aus meinem Koordinatensystem jetzt nicht raus.“

Wie frei unsere Entscheidungen und somit politische Wahlen wirklich sind - am Ende blieb diese Frage unentschieden und bescherte dem Publikum beim anschließenden Umtrunk mit den beiden Herren noch lebhafte Diskussionen. Einig waren sich Singer und Schlink auf jeden Fall darin, dass Neurowissenschaften und Humanwissenschaften künftig noch stärker an einer gemeinsamen Sprache und Möglichkeiten des Austausches arbeiten sollten, denn eines steht für beide fest: Gehirn und Demokratie gehören zusammen.

Text Rena Beeg       

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