Optimistisch in die Zukunft

Prof. Thomas Gasser vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung im Interview über Parkinson

Forschung an einer faszinierenden Krankheit

Prof. Thomas Gasser forscht am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung an Parkinson. Ein Interview über die Auswirkungen von Corona, seinen Arbeitsalltag und die Chancen zum Durchbruch.

Am 11. April ist Welt-Parkinsontag und somit Anlass, Forschung und Entwicklung zu der neurodegenerativen Erkrankung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Mehr als 300.000 Menschen sind hierzulande an Parkinson erkrankt, Tendenz steigend. Prof. Thomas Gasser ist Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neurodegenerative Erkrankungen am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen. In unserem Interview berichtet der Experte, welche seiner Forschungsarbeiten vor einem Durchbruch steht, warum ihn Parkinson so fasziniert - und dass ausgerechnet eine Alltagsdroge vor der Erkrankung schützen kann.

Hertie-Stiftung: Vorab drei Fragen zur Corona-Aktualität: Haben Parkinson-Patienten ein erhöhtes Risiko, sich mit Corona anzustecken?

Prof. Gasser: Sie haben nicht unbedingt ein erhöhtes Risiko sich anzustecken, aber sie haben ein erhöhtes Risiko, dass, wenn sie krank werden, die Krankheit schwerer verläuft, und dass eher Komplikationen auftreten.

Die Patienten sollten also besonders aufpassen, wenn es um Hygiene und Kontakte geht?

Genau, sie sollten gut auf sich achten. Es sind ja in der Regel ältere Menschen an Parkinson erkrankt, die ohnehin zur Risikogruppe gehören, das kommt noch hinzu.

Die Corona-Krise ist für uns in der Klinik eine besondere Situation, aber wir sind vorbereitet.

Wie haben Sie sich in der Klinik auf die Corona-Krise vorbereitet?

Wir haben unsere Klinik völlig umorganisiert und alle Patienten, die nicht lebensnotwendig in der Klinik sein müssen, entlassen. Viele Zimmer stehen seitdem leer, und es herrscht eine gespenstische Ruhe. Auch die Organisation und die Abläufe innerhalb der Klink haben wir umgestellt, so dass alle verfügbaren Kräfte auf das Corona-Geschehen gerichtet sind. Es ist eine besondere Situation für alle, aber wir sind vorbereitet. 

Zum Thema Parkinson: Sie sind Neurowissenschaftler - was fasziniert sie so an Parkinson? Die Krankheit gilt als unheilbar, also bleibt der Heilerfolg für Sie als Arzt ständig aus.

Das ist nicht ganz richtig, wir können die Erkrankung zwar nicht heilen, aber wir können sie schon ziemlich gut behandeln und die Symptome lindern. Und ehrlich gesagt habe ich jede Woche, wenn ich auf der Parkinson-Station oder in der Ambulanz tätig bin, Erfolgserlebnisse, weil ich das Gefühl habe, dass ich den Patienten direkt helfen kann. Das ist sicher ein Teil davon, der gerade beim Parkinson befriedigend ist. Vor allem durch Behandlungsmethoden wie die Tiefe Hirnstimulation, bei der durch einen Hirnschrittmacher Symptome wie zum Beispiel das typische Zittern gelindert werden können. Die Ergebnisse sind zum Teil spektakulär und für mich als Arzt sehr erfüllend. Und auch wenn man kleine Dinge für den Patienten tun und helfen kann, hat es doch etwas sehr Befriedigendes.

Wie sind Sie zu Ihrem Fachgebiet gekommen?

Da hat der Zufall eine große Rolle gespielt. In München, wo ich zur Facharztausbildung war, gab es eine sehr dynamische und aktive Arbeitsgruppe mit Parkinson-Schwerpunkt. Das war sicherlich ein wesentlicher Grund. Wenn man in der Neurologie anfängt, denkt man nicht: „Das muss jetzt dieser Schwerpunkt für mich sein und kein anderer“. Aber dann ist es auch so, dass vor allem die Parkinson-Krankheit erlaubt, grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Genetik und der Molekularbiologie für die Patienten einzusetzen und umzusetzen. Was wir dort lernen ist etwas, was den an Parkinson Erkrankten in zunehmendem Maße zu Gute kommt. Es ist also möglich, dass man in meinem Fachgebiet mit den Grundlagenwissenschaften und auch klinisch arbeiten kann, diese Kombination hat mich immer interessiert.

Kannten Sie als Student Parkinson-Patienten aus dem persönlichen Umfeld? Manchmal ist das ja eine Motivation, sich für ein Fach zu entscheiden - oder dagegen?

Zu dem Zeitpunkt nicht, aber inzwischen ist es so, dass ich im familiären Umfeld eine Patientin habe und auch selbst behandle. Dadurch gibt es für mich nun eine direkte Betroffenheit.

Möglicherweise könnte es uns in den kommenden Jahren erstmals gelingen, eine Therapie zu entwickeln, die tatsächlich den Krankheitsverlauf relevant verlangsamt

Woran forschen Sie und Ihre Abteilung zurzeit mit Hochdruck?

Unsere Arbeit richtet sich im Wesentlichen darauf, dass wir auf Basis unserer genetischen Untersuchungen versuchen, für die Patienten eine personalisierte Therapie zu entwickeln. Wir wollen also über die reine Symptombehandlung hinauskommen und wirklich eine ursachenbezogene Therapie anwenden. Da gibt es tatsächlich eine große Chance im Moment. Wir sehen das konkret bei einer Gruppe von Parkinson-Patienten, die wir am HIH untersuchen. Diese Patienten haben eine ganz bestimmte Gen-Mutation, die sogenannte GBA-Mutation, die das Parkinsonrisiko je nach Variante um das drei bis fünfzehnfache steigert. Möglicherweise könnte es uns in den kommenden Jahren erstmals gelingen, eine Therapie zu entwickeln, die tatsächlich den Krankheitsverlauf relevant verlangsamt. Ich bin immer vorsichtig, wenn es um Vorhersagen geht, aber ich denke, wir können optimistisch sein: Deshalb konzentrieren wir uns sehr auf diese Unterform der Parkinson-Krankheit.

Wenn Gene das Parkinsonrisiko höhen, können Ärzte dann bald voraussagen, ob jemand daran erkranken wird?

Da können wir jetzt schon voraussagen, aber eben noch nicht mit einer hinreichenden Präzision, insbesondere was den Zeitpunkt angeht. Es nützt nichts, wenn man sagt, ein Mensch bekommt mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in 20 Jahren oder auch schon in fünf Jahren Parkinson, aber wir wissen nicht genau wann. Das reicht nicht, um ihn zu therapieren. Wir müssen Marker finden, die uns sagen, an welcher Stelle sich jemand im präsymptomatischen Krankheitsprozess gerade befindet. Das ist etwas, woran wir ebenfalls arbeiten.

Das bedeutet, auch wenn ich ein erhöhtes Parkinsonrisiko habe, könnte ich nicht medikamentös vorbeugen?

Genau, das kann man im Moment noch nicht – zumindest nicht mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit, dass das Medikament wirkt. Das ist auch der Punkt, weswegen wir mit einer Therapie noch sehr zurückhaltend sind. Dennoch versuchen wir Personen zu gewinnen, die bereit sind, bei Studien mitzumachen, um zu erfahren, ob sie ein erhöhtes Risiko haben, weil sie zum Beispiel ganz bestimmte Genmutationen tragen. Diese Personen geben uns die Chance herauszufinden, ob es Möglichkeiten gibt, in ihrem Stadium, die Erkrankung aufzuhalten. Mit diesen Studienteilnehmern machen wir regelmäßig bestimmte Untersuchungen und schauen, welche Marker es im Blut oder im Nervenwasser gibt, oder wir versuchen durch Kernspintomografie herauszufinden, in welchem Stadium sich der Mensch befindet, bevor überhaupt die Symptome auftreten könnten, und ob man dann etwas tun kann. Wir sind schon darauf angewiesen, dass wir Risikopersonen finden, die an der Forschung teilnehmen möchten, und viele tun es auch – auch um anderen Betroffenen zu helfen.

Risikopatienten sind die Angehörigen von Parkinsonpatienten, oder?

Genau, das sind Angehörige, die die gleichen Mutationen tragen, aber noch nicht erkrankt sind. 

Sagen Sie jedem Studienteilnehmer, wann er vielleicht erkranken wird - oder kann der auch sagen: „Ich will das gar nicht wissen, mache aber trotzdem mit“?

Jeder darf sagen, dass er das Ergebnis nicht wissen möchte, das ist jedes Menschen Recht, das wir auch respektieren. In einem individuellen Beratungsgespräch finden wir vor den Untersuchungen heraus, was jeder Risikopatient für sich selbst möchte. Das kann sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen sind sehr offen und möchten alles wissen, auch wenn es nur grobe Wahrscheinlichkeiten sind, andere sagen: „Da habe ich nichts davon, davon will ich nichts wissen.“ Beides sind absolut berechtigte Standpunkte.

Das ist jetzt keine Empfehlung, aber: Rauchen schützt vor Parkinson, das ist belegt. Es ist aber unklar, warum das so ist.

Sie forschen auch zu Umweltfaktoren, die Parkinson begünstigen. Welche gibt es?

Es gibt da recht wenig, was man wirklich sicher weiß. Man weiß, dass eigenartigerweise das Rauchen, was ja auch ein Umweltfaktor ist, vor Parkinson schützt. Raucher bekommen einfach seltener Parkinson. Das ist jetzt natürlich keine Empfehlung, mit dem Rauchen zu beginnen. Aber es ist eine Beobachtung, die man in vielen Studien gemacht hat, und die niemand mehr anzweifelt. Es ist aber unklar, warum das so ist.

Kurios - schützt Bier trinken etwa auch?

(lacht) Nein, aber Kaffeetrinken. Kaffee schützt auch vor Parkinson. Man versucht nun wie beim Rauchen herauszufinden, welcher Mechanismus hinter dieser schützenden Wirkung steckt. Vielleicht findet man dann eine Möglichkeit diesen Mechanismus zu nutzen, ohne die schädlichen Nebenwirkungen des Rauchens in Kauf nehmen zu müssen. Daran wird viel geforscht. Ansonsten gibt es nur wenig, was schützt, außer Bewegung und Aktivität.

Sie sind Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neurodegenerative Erkrankungen - wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Im Moment ist alles von Corona dominiert, da ist einiges anders. Aber ich bin ja auch Kliniker, und mein erster Weg führt eigentlich immer morgens auf die Station zu den Patienten. Es folgt die Visite, ich kontrolliere die Behandlung und schaue, ob alle gut versorgt sind. Das macht etwa ein Drittel meiner Arbeit aus, inklusive der patientenbezogenen Supervision meiner Mitarbeiter. Auch habe ich eine eigene Forschungsgruppe mit drei Doktoranden, mit denen ich genetische und molekularbiologische Forschung betreibe. Dazu treffen wir uns im Labor, besprechen die Experimente und Ergebnisse. Das letzte Drittel meiner Arbeitszeit ist Organisation und Administration.  

Wie kommen Sie auf die besten Ideen für Ihre Forschungsarbeit?

Am inspirierendsten ist es für mich, mit Doktoranden und Studierenden zusammen zu sein. Wir diskutieren, verfolgen die Experimente und überlegen gemeinsam, was man daraus lernen kann, um den nächsten Schritt zu machen. Die Laborbesprechungen sind Zeiten, in denen ich am ehesten in der Lage bin, Ideen zu entwickeln, weil es auch richtig viel Spaß macht mit den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Haben Sie eine Vision, die Sie verfolgen?

Ich denke, alle, die an neurodegenerativen Erkrankungen arbeiten, wollen einen Durchbruch erzielen, der dazu führt, dass Patienten gar nicht mehr erkranken. Das ist das große Ziel. Patienten zu heilen ist vielleicht gar nicht möglich. Im Gehirn ist es leider schwierig, Dinge zu reparieren, wenn sie dort einmal kaputt sind, das funktioniert kaum. Unsere große Hoffnung ist, und die ist nicht ganz unrealistisch, dass wir Prozesse im Gehirn so verlangsamen können, dass Risikopatienten, wenn man rechtzeitig mit der Therapie beginnt, gar nicht erst erkranken.

Das wären dann eine Therapie mit Medikamenten oder eine Impfung?

Das könnte eine Kombination von verschiedenen Maßnahmen sein, weil es für alle diese Erkrankungen nicht nur eine einzige Ursache gibt. Es sind sehr komplexe Wirkungsgefüge, die zu Parkinson führen, deswegen würde ich am ehesten erwarten, dass es eine Kombination von Maßnahmen gibt. Das können Medikamente sein und Impfungen, oder gentherapeutische Maßnahmen, die den Nervenstoffwechsel wieder so zurechtrücken, dass man die Schäden, die dort stattfinden und dazu führen, dass die Zellen immer schlechter funktionieren, korrigieren kann.

Wie entspannen Sie nach Feierabend, um den Kopf mal frei zu bekommen?

Ich treibe Sport, spiele Tennis, außerdem bin ich Segler. Einmal im Jahr chartern wir ein Segelboot und gehen im Mittelmeer auf große Fahrt. Außerdem spiele ich in einer Jazzband Saxophon. Während der Coronakrise haben wir natürlich Auftrittsverbot, aber es kommen wieder bessere Zeiten. Da bin ich Optimist. 

Das Interview führte Rena Beeg am 23. März für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Das hertie-institut für klinische hirnforschung

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen ist eines der bundesweit größten und modernsten Zentren zur Erforschung neurologischer Erkrankungen. Es wurde 2001 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dem Land Baden-Württemberg, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ihrer medizinischen Fakultät sowie dem Universitätsklinikum Tübingen gegründet und 2004 eröffnet. Die Fördermittel der Hertie-Stiftung betragen mehr als 50 Mio. Euro.

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