Wissenschaft vs. Wirtschaft

Im Interview mit Dr. Cira Dansokho, Fellow des Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience: Über die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und die Tugend der Geduld.

"Wenn die Dinge nicht so gut laufen wie geplant, akzeptiere ich die Widrigkeiten"

Frau Dansokho, Sie sind von der Universität Bonn in die Wirtschaft gewechselt. Was ist der größte Unterschied zwischen Universität und Wirtschaft? Und welche Gemeinsamkeiten gibt es?

Obwohl ich erst vor kurzem in die Branche gewechselt bin, sehe ich bereits die Unterschiede zwischen der akademischen Welt und der Industrie. Beide Arbeitsbereiche haben ihre eigenen Anforderungen. Ich persönlich denke, dass beide Bereiche hohe wissenschaftliche Standards haben, jedoch mit unterschiedlichen Zielen. Die Arbeit in der Industrie ist mehr auf unmittelbare Auswirkungen im Leben der Patienten ausgerichtet, während die akademische Forschung eher erkenntnisorientiert auf der Suche nach der Wahrheit ist und die Freiheit hat, verschiedene Forschungsbereiche zu erkunden. Auch das Forschungsumfeld ist sehr unterschiedlich. Die Forschungsaktivitäten in der Industrie sind so strukturiert, dass sie sich an den Unternehmenszielen orientieren – dabei werden so viele Abteilungen oder Expertisen einbezogen wie nötig. In der akademischen Welt ist das völlig anders, hier sind die Aktivitäten stärker eingegrenzt. Auch das Arbeitstempo unterscheidet sich zwischen Industrie und Universität. Im Gegensatz zur rasanten Entwicklung von Arzneimitteln sind die akademischen Zeitpläne in der Regel auf langfristige Ziele ausgerichtet. Es gibt jedoch immer mehr Forschungseinrichtungen, die unterschiedliche Disziplinen zusammenführen und manchmal sogar Akteure aus der Industrie einbeziehen. Dies wird hoffentlich das Forschungstempo in der akademischen Forschung im Interesse der Patienten, die schnelle Lösungen benötigen, erhöhen.

"Ein Aspekt meiner Arbeit, der mir besonders gefällt, ist die Tatsache, dass sich die verschiedenen Projekte, an denen ich arbeite, auf völlig unterschiedliche Forschungsbereiche konzentrieren."

Einfach erklärt: Woran arbeiten Sie momentan? Was wollen Sie damit erreichen?

In meiner derzeitigen Position leite ich mehrere Projekte, die innerhalb der Abteilung für translationale Biomarker bei Evotec SE durchgeführt werden. Unser Team hilft Kunden bei der Entwicklung neuer Lösungen zur Bewertung von pharmakodynamischen Biomarkern, der Messung und Interpretation ihrer Veränderungen in verschiedenen Modellen. Wir unterstützen unsere Kunden auch bei der Quantifizierung von Biomarkern in klinischen Studien mit speziell für sie entwickelten Methoden. Ein Aspekt meiner Arbeit, der mir besonders gefällt, ist die Tatsache, dass sich die verschiedenen Projekte, an denen ich arbeite, auf völlig unterschiedliche Forschungsbereiche konzentrieren. Ich kann mit verschiedenen Experten aus unterschiedlichen Abteilungen des Unternehmens zusammenarbeiten, was mein Wissen erheblich erweitert.

Wie motivieren Sie sich, wenn es gerade nicht so vorangeht, wie Sie es möchten?

Wenn die Dinge nicht so gut laufen wie geplant, akzeptiere ich normalerweise die Widrigkeiten. Ich gehe einen Schritt zurück, bewerte den Prozess neu, entwickle Alternativen und wähle einen anderen Weg. In der Wissenschaft laufen die Dinge leider nicht immer wie geplant, wir können nicht alles vorhersehen; daher sind Beharrlichkeit und Resilienz so wichtig.
 

Wann oder wo haben Sie die besten Ideen?

Es klingt vielleicht nach einem Klischee, aber ich habe oft nachts gute Ideen, wenn ich über ein bestimmtes Problem nachdenke, für das ich keine Lösung finde. Manchmal stehe ich auf, um sie aufzuschreiben, auch wenn ich später feststelle, dass sie nicht so gut sind, wie ich dachte.

Wie haben Sie vom Hertie Network / der Hertie Academy profitiert, was nehmen Sie mit?

Das Hertie Network verschafft den Fellows Aufmerksamkeit und hilft ihnen, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und potenzielle neue Kooperationen zu entwickeln. Die Hertie Academy ist eine hervorragende Gelegenheit für Nachwuchswissenschaftler, ihr Potenzial voll auszuschöpfen und weitere Fähigkeiten zu entwickeln, die für die Teambildung und das Management entscheidend sind. Ich genieße es sehr, mit anderen Fellows zusammenzukommen und unsere jeweiligen wissenschaftlichen Arbeiten und Führungserfahrungen auszutauschen. Dadurch erhalte ich neuen Schwung und habe die Möglichkeit, mit einem Blick von außen darüber nachzudenken, wie ich mich verbessern kann.
 

Haben Sie ein Motto?

Es ist kein Motto im eigentlichen Sinne, aber es gibt ein französisches Sprichwort, das lautet: "Tout vient à point à qui sait attendre" ("Das Gute kommt zu denjenigen, die warten"). Es bedeutet, dass Geduld eine Tugend ist. Das passt sehr gut zu meinem Naturell.
 

Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience bilden ein einzigartiges Netzwerk zur Förderung der klinischen Neurowissenschaften.

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