HIH: Pressemitteilung im Detail

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Videospiele helfen Kleinhirn-Patienten die Koordination zu verbessern

Health Gaming als Ergänzung zur Physiotherapie ist vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt; Studien mit Ataxie-Patienten zeigen beachtliche Erfolge

Eine junge Patientin übt im Tübinger Hertie-Institut für klinische Hirnforschung mit einer Spielekonsole. Foto: Ingo Rappers / Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)

Mit der Gamescom in Köln öffnet heute die weltgrößte Messe für digitale Unterhaltung, auf der vor allem Computer- und Videospiele die Besucher begeistern werden. Doch die beliebten Games dienen längst nicht nur dem Vergnügen. In der Medizin arbeiten Forscher stetig an der Weiterentwicklung von Videospielen, um ihre Patienten mit so genannten „Health Games“ in der Therapiearbeit unterstützen zu können. „Unsere Studien haben ergeben, dass Patienten, die durch Schäden am Kleinhirn unter Bewegungsstörungen leiden, durch das Training mit speziellen Videospielen ihre Beweglichkeit verbessern können“, sagt Prof. Dr. Matthis Synofzik vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen.

Das Team um den Neurologen Prof. Synofzik und den Bewegungswissenschaftler Dr. Ilg entwickelt spezielle Videospiele für Menschen mit einer degenerativen Ataxie, die durch genetisch bedingte Schäden am Kleinhirn entsteht. Die Betroffenen leiden vor allem unter Bewegungsstörungen wie ungelenke Armbewegungen, Gangunsicherheit und häufige Stürze. Medikamentös therapieren lässt sich die Erkrankung nicht, nur regelmäßige Krankengymnastik kann eine Verschlechterung herauszögern. Doch vor allem Kinder und junge Erwachsene sind oft nicht ausreichend für eine Physiotherapie zu begeistern und trainieren nicht so häufig, wie sie sollten. Zudem reicht die von der Krankenkasse verschriebene Physiotherapie für diese Patienten nicht aus und wird auch Zuhause oft nicht fortgeführt. „Um das Motivationsproblem zu lösen kamen wir auf die Idee, Videospiele zu verwenden die mit ganzem Körpereinsatz gesteuert werden und die man zum Training (exercise) verwenden kann, so genannte Exergames“, sagt Prof. Synofzik. „Gemeinsam mit den Physiotherapeuten hatten wir zunächst speziell Übungen ausgewählt, die Koordination und Gleichgewicht schulen, und das Ergebnis dann im nächsten Schritt auch in Form von Exergames umgesetzt.“

Gestartet wurde mit einer handelsüblichen Konsole: „Wir haben mit einem Tischtennisspiel begonnen, dort waren die Anforderungen auf einfachster Stufe so gering, dass auch Patienten mit Koordinationsstörungen Erfolgserlebnisse hatten“, berichtet Dr. Winfried Ilg, Leiter des Klinischen Bewegungslabors der Abteilung Kognitive Neurologie am HIH. Weitere Spiele, in denen die Kids und jungen Erwachsenen in anspruchsvoller Körperhaltung virtuelle Wassertanks abdecken oder mit dynamischem Ausfallschritt auf Leuchtflächen reagieren müssen, kamen hinzu.

Die Zukunftsvision: Gaming auf Rezept

Heute werden die Exergames von den Wissenschaftlern des HIH selbst programmiert. „Wir wollen auf jeden Patienten eingehen, seinen individuellen Grad der Erkrankung, seine persönlichen Trainingsinhalte und vor allem individuellen Trainingsfortschritte“, sagt Dr. Ilg, „außerdem sollen die Videospiele auch langfristig motivieren. Denn alle Trainingsstudien zeigen: Je mehr zuhause trainiert wurde, desto größer war der Effekt.“ Selbst bei schwer betroffenen Patienten konnte eine Verbesserung erreicht werden. Prof. Synofzik: „Eine Ataxie wird bei einem Erkrankten auf einer Skala von 0 bis 40 im Mittel um 1,2 Punkte pro Jahr schlechter. Durch vier bis sechs Wochen Training haben unsere Patienten zwei Punkte gewonnen. Das heißt salopp gesagt: Sie haben ungefähr eineinhalb Jahre Krankheit wett gemacht “ Vor allem jüngere Patienten sind von den Exergames begeistert“, sagt Prof. Synofzik. „Ein großes Plus, denn viele genetisch bedingte Ataxien beginnen sehr früh, deshalb ist dann die Notwendigkeit am größten, viel zu trainieren.“

Mit ihren aktuellen Ergebnissen leistet das interdisziplinäre Team um Prof. Synofzik wichtige Arbeit, um neben der Ataxie künftig auch weitere neurologische Erkrankungen per Videospiel behandeln zu können: „Das Kleinhirn kann aufgrund vieler Erkrankungen geschädigt sein, zum Beispiel durch einen Tumor, Schlaganfall, Multiple Sklerose oder durch altersbedingten Abbau – da wird der Markt auf einmal riesig“, so der Neurologe und ergänzt: „Vielleicht erreichen diese Videospiele dann irgendwann sogar die Marktreife als zugelassenes Medizinprodukt. Das wäre dann Gaming auf Rezept.“

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