Körper und Geist

Heute ist Weltschlaganfalltag - Aufklärung darüber ist enorm wichtig. Der Ringer Alexander Leipold erzählt im Interview von seinem Schlaganfall und dem Leben danach. Neurologe Prof. Ulf Ziemann beantwortet Fragen zum Thema Schlaganfall und Corona. 

Es sind die kleinen Schritte, die Dich voranbringen

Der Ringer Alexander Leipold hatte gerade Olympia-Gold gewonnen, als eine Viruserkrankung drei Schlaganfälle bei dem damals 34-Jährigen auslöste. Für den mehrfachen Welt- und Europameister begann der schwerste Kampf seines Lebens. Heute engagiert sich Alexander Leipold (51) als Botschafter der Deutschen Schlaganfall-Hilfe und erzählt in unserem Interview, warum ihn die Erkrankung bis heute begleitet, wie er es zurück auf die Matte schaffte und ob ihm das Corona-Virus Angst macht.   

Sie lebten den Traum einer erfolgreichen Ringer-Karriere, als Sie plötzlich in einer Woche drei Schlaganfälle hatten. Wie oft denken Sie an diese Zeit vor 17 Jahren zurück? 

Fast täglich, zum Beispiel wenn ich meine Schlaganfall-Tabletten nehme oder im Kontakt zu meiner Familie. Meine sechs Jahre ältere Schwester hatte kürzlich einen Schlaganfall, zum Glück hat sie sich wieder erholt. Es war ein Schreck für uns alle, denn vor fünf Jahren hatte erst mein Vater einen Schlaganfall. Bis heute hat er motorische Einschränkungen. Dennoch sind wir dankbar, dass es den beiden so gut geht. Ohne meine Vorgeschichte wäre es wohl schlimmer ausgegangen, denn beide wären nicht gleich in die Klinik gefahren. Meine Schwester konnte damals ihre Hand nicht mehr richtig bewegen, und mein Vater hatte starke Gleichgewichtsstörungen, als er ins Auto einsteigen wollte. Viele denken dann ja: „Geht schon wieder weg, schlafe ich eine Nacht drüber“. Aber meine Mutter sagte damals: „Denkt an Alex, fahrt sofort in die Klinik“. Das war Gold wert, denn nach einem Schlaganfall sind die ersten drei Stunden entscheidend. Als Botschafter der Deutschen Schlaganfall-Hilfe setze ich mich deswegen für die Aufklärung über diese Erkrankung ein, halte Vorträge und begleite Familien auf das Summer Camp für Kinder und Jugendliche nach einem Schlaganfall. Außerdem habe ich ein Buch über meine Geschichte geschrieben, um anderen Betroffenen Mut zu machen. 

Ihren ersten Schlaganfall hatten Sie auf einer Wettkampfreise in Usbekistan. Auslöser war eine Viruserkrankung. Wie kam es dazu? 

Im Vorfeld des Wettkampfes war ich ziemlich krank, hatte Fieber, starke Kopfschmerzen. Es dauerte Wochen, bis ich wieder gut trainieren konnte. Wie Tropenmediziner später herausfanden, hatte ich ein unbestimmtes Virus, das eine Entzündung in meinem Körper ausgelöst hatte, die den Schlaganfall auslöste. In Usbekistan ging es mir eigentlich wieder sehr gut, nur merkte ich beim Ausziehen meiner Jacke ein Kribbeln in der linken Seite, und auch die Zunge war etwas taub, aber ich dachte mir nichts dabei. Ich habe den Kampf sogar noch gewonnen, doch die Beschwerden blieben. Zuhause ging ich sofort zum Neurologen, der sagte nur: „Du hattest einen Schlaganfall”. 

Wie kam es zu den zwei weiteren Schlaganfällen in derselben Woche?   

Ich lag in der Klinik und dachte, das Ganze sei bald überstanden. Für mich waren das „nur“ Gefühlsstörungen. Ich wollte nach drei Tagen wieder nach Hause, arbeiten und trainieren. Immerhin stand die WM in New York an, mit der ich mich für die Olympischen Spiele in Athen qualifizieren wollte. Dann sollte ich aber noch für ein Langzeit-EKG über Nacht in der Klinik bleiben, man wird dann alle zwei Stunden zum Check geweckt. Als ich die Mediziner mit einem lockeren Spruch begrüßen wollte, konnte ich nur noch lallen. Die Worte sind mir förmlich im Hals stecken geblieben, meinen linken Arm und mein linkes Bein konnte ich kaum bewegen, ich war halbseitig gelähmt. Nach einigen Tests war klar: Ich hatte zwei weitere Schlaganfälle! Da wurde mir bewusst, wie schlimm meine Situation war. Ich war ein Totalausfall, konnte weder Sport treiben noch irgendwo hinlaufen oder sprechen. Ich musste gefüttert werden, dabei lief mir das Essen aus dem Mund. 

Wie haben Sie es geschafft, sich wieder zurück ins Leben zu kämpfen?  

Zum einen war es der eigene Wille, der mich angetrieben hat. Ich wollte wieder selbständig sein, als Familienvater, Trainer und Sportler, und ich wollte weiter als Industriekaufmann arbeiten. Zum anderen war da die Unterstützung meiner Familie, aber auch von den Fans, die mir schrieben: „Alex, Du bist ein Kämpfer, dies ist Dein schwerster Kampf, aber Du schaffst es!“ Irgendwie habe ich das damals verinnerlicht und schon in der Klinik begonnen, am Laptop ein Trainingsprogramm zu schreiben. Vor den Schlaganfällen lag mein Rekord beim Bankdrücken bei 117,5 Kilo, nun war ein realistisches Ziel, mit dem Infusionsständer fünf Minuten über die Gänge zu schlurfen. Das sage ich auch immer anderen Betroffenen: „Setzt euch realistische Ziele, sonst gebt ihr nach wenigen Tagen auf“.  

Welche Tipps haben Sie noch für Schlaganfall-Patientinnen und Patienten? 

Ich finde Selbsthilfegruppen sehr gut. Es gibt sie für verschiedene Altersgruppen, weil sich Jugendliche anders unterhalten als ältere Menschen und auch andere Symptome haben. Dort können sich Betroffene ungestört austauschen, so dass auch Angehörige dadurch Entlastung erfahren. Ein weiterer Tipp: Geduld bewahren! Der Weg nach einem Schlaganfall ist oft lang. Wer denkt, in ein paar Wochen sei das alles erledigt, fällt schnell wieder in ein Loch. Es sind die kleinen Schritte, die Dich voranbringen. Mein Vater übt auch ständig, um kognitiv besser zu werden – er nimmt zum Beispiel als Rechtshänder auch mal die linke Hand beim Puzzeln. Eine Schonhaltung ist hier kontraproduktiv, dadurch macht man keine Fortschritte. 

Wie lange hat es gedauert, bis Sie wieder auf den Beinen waren?  

Nach vier Wochen in der Reha war ich topfit. Ich konnte Fußball spielen, zur Arbeit gehen, das Training leiten. Aber als Ringer? Da war ich ganz am Anfang und habe hart trainiert. Nach vier Monaten hatte ich dann meinen ersten Bundesligakampf, das war ein emotionales Feuerwerk: Die Halle war voll, die Zuschauer riefen „Alex, Alex!“ Ich hatte totale Gänsehaut und habe den Kampf tatsächlich gewonnen. Dann habe ich versucht, auf den Olympiazug aufzuspringen und so intensiv trainiert, dass mir das Knie weh tat. Die Quittung kam prompt: Ich habe die Deutsche Meisterschaft gerungen und das erste Mal seit vielen Jahren einen Kampf verloren. Zuerst war ich total deprimiert, bis mir ein Freund sagte: „Bist Du verrückt? In der Klinik konntest Du Dich kaum bewegen und nun machst Du hier den zweiten Platz und bist enttäuscht?“ Da hat es bei mir Klick gemacht und ich sagte: „Du hast Recht, es ist fantastisch, dass ich das geschafft habe“.  

Haben Sie heute noch körperliche Beschwerden? 

Nein, nur der Handballen links ist manchmal etwas taub. Dann gehe ich mit dem Finger drüber und ermahne mich selbst, wenn ich merke, dass ich alles etwas langsamer angehen sollte. 

Ein Virus hat Ihre Schlaganfälle ausgelöst. Haben Sie Angst vor dem Corona-Virus? 

Nein, ich bin zwar ein Risikopatient, aber ich schütze mich durch ausreichend Abstand sowie Mund- und Nasenschutz, außerdem meide ich Menschenansammlungen. Ich bin zuversichtlich, dass in Deutschland alles getan wird, um die Bevölkerung so gut es geht durch diese Pandemie zu bringen.  

Wie hat sich Ihre Sicht auf das Leben nach dem Schlaganfall verändert? 

Ich höre mehr auf meinen Körper, weil ich gelernt habe, dass Körper und Geist im Einklang miteinander sein müssen. Ich gönne mir Ruhepausen und kann Urlaube genießen. Das war früher nicht so, da gab es für mich kaum Freizeit, sondern nur den Willen zu kämpfen und zu gewinnen. Diese Fokussierung hat mir zwar geholfen, gesund zu werden, aber der Körper allein ist nicht alles. Das habe ich von Shaolin-Mönchen in China gelernt. Sie beherrschen die Kampfkunst, aber haben dabei einen ruhigen Geist. Mit ihnen habe ich meditiert, Tai Chi gemacht und sogar Mittagschläfchen gehalten. Die Ruhe hat mir sehr gutgetan. Heute weiß ich: Ich kann nur die beste Version meiner selbst sein, wenn ich mir soviel zumute, wie Körper und Geist verkraften können. Zu den Olympischen Spiel in Athen bin ich dann übrigens noch gefahren, aber als Kommentator. Manche haben mich gefragt: „Ist das nicht bitter, anderen beim Kämpfen zuzusehen?“ Das war es nicht. Ich wusste, dass ich alles getan hatte, um dieses Ziel zu erreichen, aber es hat nicht geklappt. Das konnte ich erhobenen Hauptes sagen. Genauso wie die vielen Menschen, die nach einem Schlaganfall alles geben, aber vielleicht nicht jedes ihrer Ziele erreichen. Für uns alle gilt: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. Man muss nur immer wieder aufstehen. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. 

Experteninterview: Corona und Schlaganfälle

1. Wie kann ein Virus einen Schlaganfall auslösen? 

Zuerst sollte gesagt werden, dass virale Infektionen als Ursache eines Schlaganfalles eine Rarität sind. Zuerst sollten immer andere, viel häufigere Ursachen, z.B. eine hochgradige arteriosklerotische Verengung einer hirnversorgenden Arterie oder ein Gerinnsel aus dem Herzen, etwa bei Vorhofflimmern, ausgeschlossen werden. Virale Infektionen können Schlaganfälle durch eine Gefäßwandentzündung auslösen, die schließlich zum Verschluss von hirnversorgenden Arterien führen kann. Dieser Mechanismus ist für Infektionen mit dem Varizella-Zoster-Virus nachgewiesen worden. Populationsstudien haben zudem gezeigt, dass auch Influenzaviren das Schlaganfallrisiko erhöhen, wobei die Mechanismen nicht genau bekannt sind.  

2. Wie kann ich mich davor schützen? 

Grippeimpfungen senken das Schlaganfallrisiko und werden besonders bei Menschen mit erhöhtem Schlaganfallrisiko empfohlen, z.B. mit vorbekannten Gefäßerkrankungen und vaskulären Risikofaktoren wie Diabetes, Hypercholesterinämie oder Bluthochdruck. Daneben kann eine übliche Expositionsprophylaxe, also Vermeiden von Menschenansammlungen auf engem Raum, Tragen eines Mundnasenschutzes und regelmäßige Händedesinfektion helfen.  

3. Kann auch das Corona-Virus einen Schlaganfall auslösen? 

Das ist wahrscheinlich der Fall, aber bislang nicht gesichert. Das Corona-Virus (SARS-CoV-2) aktiviert Entzündungssignalwege und kann so zu einer verstärkten Gerinnung und einer vermehrten Verklumpung von Blutplättchen führen. Beide Mechanismen können Thrombosen auslösen, in der Lunge, aber auch in anderen Organen wie dem Gehirn, mit Schlaganfall als Folge. Viel wichtiger und beunruhigender aber ist, dass in der ersten Welle der Covid-19 Pandemie ein massiver Rückgang der Schlaganfallzahlen in neurologischen Akutkliniken verzeichnet wurde. Die einzige Erklärung: Patienten mit Schlaganfallsymptomen alarmieren nicht mehr den Notarzt, aus Angst vor einer Covid-19 Infektion in der Klinik. Das birgt eine große Gefahr. Der Schlaganfall ist ein absoluter neurologischer Notfall: „Time is Brain“. Viele Patienten können in Akutkliniken in den ersten 3-4 Stunden nach Eintritt von Schlaganfallsymptomen durch Lysetherapie und mechanische Rekanalisation (Wiedereröffnung einer verschlossenen hirnversorgenden Arterie durch einen Katheter) erfolgreich behandelt werden, und weitere Schlaganfälle können durch Einleitung maßgeschneiderter präventiver Therapien verhindert werden. Daher gilt auch in der Corona-Krise: Bei Schlaganfallsymptomen sofort 112 wählen.  

Die Fragen beantwortete Prof. Ulf Ziemann, Neurologe und Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung.