"Streit darf keine Regeln haben"

Mehr Streit für unsere Demokratie: Prof. Andrea Römmele im Interview

Professorin Andrea Römmele im Interview

Internationale Politikberatung und Mitglied der leitung der Hertie School of Governance: Prof. Andrea Römmele beschäftigt sich intensiv mit dem Zustand unserer Demokratie.

Sie verantwortet als Mitglied der Hochschulleitung die Executive Education der Hertie School of Governance, ist Politikberaterin und von den Medien gefragte Expertin für Innen- und Außenpolitik: Prof. Dr. Andrea Römmele (52) bezeichnet sich selbst gern als „meinungsstark“. Warum sie sich mehr Streit für unsere Demokratie wünscht und warum sie als 16-Jährige einen Brief an Helmut Kohl schrieb, erzählt sie in unserem Interview.  

Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag als Professorin an der Hertie School of Governance und als Politikberaterin vorstellen?

Ich habe an der Hertie School zwei Hüte auf. Auf der einen Seite bin ich Mitglied der Hochschulleitung und als Dean Executive Education für die unterschiedlichen Weiterbildungsformate verantwortlich. Und dann habe ich noch meinen wissenschaftlichen Hut auf.  Aber wie sieht mein Alltag aus? Ich bin ein Newsjunkie, checke morgens als erstes Mails und lese Nachrichten, bevor mein Sohn (14) und meine Tochter (18) zum Frühstück kommen. An der Hertie School geht´s meistens mit Executive Education weiter, dort jonglieren wir gerade 44 Projekte, aber ich habe ein tolles Team, mit dem ich bis zu fünfmal am Tag zusammenkomme.

Was sind das für Projekte, die Sie jonglieren?

Ganz unterschiedliche: das nächste Projekt ist eine Gruppe von Masterstudenten aus den USA, die für zehn Tage zu uns kommt und ein Sommerkurs-Modul macht. Das bespielen wir inhaltlich. Ein anderes interessantes Projekt hat vor einigen Wochen stattgefunden, da war ich mit zwei Mitgliedern meines Teams in Ägypten, weil wir dort einen Auftrag gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hatten. Das National Management Institute, eine Weiterbildungseinrichtung des Ministry of Planning, brauchte unsere Expertise. Zum Hintergrund: Ägypten ist dabei, etwa 100 Kilometer südöstlich von Kairo eine neue Hauptstadt zu bauen. Dorthin soll ein Großteil der Administration und Bürokratie ziehen, und sie brauchten einen Input zu unterschiedlichen Themen.

Sie lernen viele interessante Menschen kennen. Welche Begegnung war bisher besonders beeindruckend für Sie?

Ich muss sagen, dass ich die Begegnungen mit unseren Studierenden immer am spannendsten finde. Vor allem mit denen, die bei mir ihre Masterarbeit schreiben. Wenn ich sie dann fünf Jahre später wieder treffe, ist es schon sehr beeindruckend zu sehen, wie weit sie oft gekommen sind. Eine unserer Studentinnen zum Beispiel, Besa Shahini, hat 2009 an der Hertie School den Master in Public Policy gemacht und ist heute Ministerin für Bildung, Sport und Jugend in Albanien.

Aber auch die Begegnungen in Ägypten haben mich beeindruckt, immerhin handelt es sich dort um eine Militärdiktatur. Aber die Hertie School hat ja einen wunderbaren Notizblock, der liegt in der School aus, da steht vorn das Zitat der Ethnologin Margaret Mead drauf: “Never doubt that a small group of thoughtful, committed, citizens can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has.” Wir wissen, dass es eine Militärdiktatur ist, aber vielleicht ist es so, wenn wir diese jungen Ministerialbeamten trainieren, dass da einer oder zwei dabei sind, die das freie Denken und den freien Geist mit aufnehmen, und vielleicht sind es dann genau diejenigen, die in zehn Jahren das Land in eine andere Richtung pushen.

Mit wem würden Sie gern mal bei einem Kaffee in den Austausch gehen?

Ich mache ja auch politische Kommunikation und bin jemand, der relativ meinungsstark ist. Ich finde es auch die Pflicht der Wissenschaft, gerade in Zeiten wie jetzt, nach draußen zu gehen. Meine Antwort lautet deshalb: Steffen Seibert. Warum? Weil ich es nie verstanden habe, warum er sich entschieden hat, den Posten als Regierungssprecher anzunehmen. Er ist ein hervorragender und war auch ein meinungsstarker Journalist und darf sich jetzt zumindest öffentlich gar nicht mehr äußern. Ich kann es bis heute nicht verstehen, warum er in diese Rolle geschlüpft ist. Das würde ich ihn beim Kaffee gern fragen.  

Warum sind Sie nicht selbst in die Politik gegangen?

Für mich war schon mit 14 Jahren völlig klar, dass ich Politikwissenschaft studieren möchte. Mich hat das Beobachten und Analysieren von Politik immer schon ein bisschen mehr fasziniert. Ich will jetzt gar nicht ausschließen, dass ich vielleicht noch einmal etwas wirklich Politisches mache. Ob das ein Posten in der Politik ist, das weiß ich nicht. Aber man kann ja auch politisch wirken, indem man zum Beispiel meinungsstarke Beiträge schreibt.

Sie beschäftigen sich mit neuen Medien und den Auswirkungen auf die Parteien. Woran arbeiten Sie genau?

Ich arbeite daran, wie soziale Medien von der Politik eingesetzt werden. Konkret untersuche ich, ob und wie rechtspopulistische Parteien und Kandidaten die sozialen Medien nutzen, und was sie so anders machen als die etablierteren Parteien. Dann arbeite ich an dem Thema Fake News. Das sind meine beiden Schwerpunkte.

Sie fordern in Ihrem neuen Buch „Zur Sache“, dass es eine neue Streitkultur in Politik und Gesellschaft geben sollte. Was muss sich konkret ändern?

Das erste Anliegen ist – es hört sich so lapidar an, ist es aber nicht – klar zu machen, dass inhaltliche Auseinandersetzung, also Streit, die Grundlage von Demokratie ist. Demokratie heißt das Aushandeln unterschiedlicher Visionen. Unterschiedlicher Vorstellungen, wie wir gesellschaftlich zusammenleben wollen. Dieses Entwickeln und Aushandeln unterschiedlicher Positionen ist in den vergangenen zehn bis 15 Jahren leider nicht mehr erfolgt, was unter anderem mit den verschiedenen großen Koalitionen zu tun hatte. Es hat aber auch damit zu tun, dass Parteien, weil die Politik so schnelllebig geworden ist, die großen Visionen und Narrative gar nicht mehr entwickeln oder gar nicht mehr haben. Wir Bürger haben uns gleichzeitig in die Komfortzone zurückgezogen. Wir sind in unseren Filterbubbles und umgeben uns nur noch mit Leuten, die uns bestätigen, aber nicht widersprechen. Das ist mein erstes Anliegen, dass Menschen sich wieder streiten, sich auseinandersetzen.

Es wäre sehr schade, wenn das Engagement der Fridays for Future-Aktivisten verpufft und die Generation enttäuscht zurückbleibt.

Streit ist also nichts Schlechtes?

Im Gegenteil, wir brauchen den Streit! Demokratie braucht Streit, er ist lebensnotwendig.

Es wird also zurzeit zu wenig gestritten – oder sind es eher die falschen Themen, über die gestritten wird?

Es wird zu wenig gestritten und manchmal auch über die falschen Themen. Ich sage nur, das Paradebeispiel ist das Thema Obergrenze von Herrn Seehofer im vergangenen Jahr. Das war Streit nicht des Inhalts wegen, sondern aus strategischen Gründen, weil wir die Bayerischen Landtagswahlen vor der Brust hatten. Oft ist es dann ja auch so, dass man sich über den Streit profilieren möchte, und das darf nicht sein. Streit muss inhaltlich getrieben sein.

Das kann für manchen anstrengend werden...

Stimmt, aber den Begriff Streitkultur möchte ich ganz gern einmal beleuchten, da steckt nämlich das Wort Kultur drin. Da ist also etwas, was wir hegen und pflegen müssen. Das ist nicht einfach so da. Wenn man begriffen hat, dass Streit fundamental ist für die Demokratie, dann muss man sich auch überlegen, wie so eine Auseinandersetzung stattfinden soll. Ich sage, Streit darf eigentlich keine Regeln haben, Regeln machen Streit kaputt. Es gibt nur zwei Dinge, die nicht verhandelbar sind. Das erste: Streit muss auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung stattfinden. Und das zweite: er darf persönlich nicht verletzen. Alles andere ist erlaubt, und zwar online und offline.

Junge Menschen gucken YouTube, während die Älteren kaum ins Internet kommen. Reden die Generationen noch miteinander oder aneinander vorbei?

Ja, das liegt sicher an der Tonalität, an der Wortwahl und an der Medienwahl. Rezo spricht mit uns über YouTube, was die CDU – wie wir alle mitbekommen haben – maßlos überfordert hat. Und dann kann die Antwort nicht ein pdf-Dokument sein. Also braucht man Begegnungsstätten, wo man sich trifft. Die ZEIT hat mit „Deutschland spricht“ ein wunderbares Projekt, wo man Menschen mit unterschiedlicher Meinung zusammenbringt, und zwar auch physisch. Die debattieren dann. Man muss sich begegnen, um sich auszutauschen.

Was verbinden Sie mit Jugend debattiert?

Finde ich super. Auch weil ich meine Tochter immer dazu bewegt habe, da mitzumachen. Und sie hat es während ihres High School-Jahres in den USA gemacht. Ich finde es ein total spannendes Format.

Die jungen Fridays for Future-Aktivisten gehen außerdem auf die Straße...

Die Frage ist, wohin dieses Engagement kanalisiert werden kann, es wäre ja sehr schade, wenn es verpufft, und diese Generation enttäuscht zurückbleibt, weil sie von der Politik nicht abgeholt wird. Die Parteien wären gut beraten, wenn sie diesen jungen Leuten Angebote machten. Dieses Abholen der jungen Leute ist ganz zentral. Als ich mit 16 Jahren gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert habe, habe ich einen Brief an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl geschrieben – und habe nach drei Wochen eine Antwort bekommen. Natürlich war diese vom Referenten geschrieben, das ist mir klar. Aber die Antwort hat mich in meinem Engagement bestätigt, auch wenn Helmut Kohl anderer Meinung war als ich. Aber ich fühlte mich abgeholt, und das ist wichtig.

Wie haben Facebook, Twitter und Social Media unsere Debattenkultur verändert?

Am Anfang gab es ja die Hoffnung, dass die neuen Medien unsere Demokratie erweitern, Engagement unabhängig von Raum und Zeit, und Menschen, die sich im wirklichen Leben nicht so engagieren, sich über die neuen Medien engagieren. Dem ist nicht so. Wir sprechen in der Forschung von einem Digital Divide, also einer digitalen Kluft oder Spaltung. Dass diejenigen, die sich sowieso engagieren, auch online engagiert sind. Und diejenigen, die sich nicht engagieren, sich auch online nicht ganz so engagieren. Wir haben das Phänomen der Echokammern bzw. Filterblasen, dass die Leute nur noch mit Likes bzw. mit Menschen, die eine ähnliche Meinung haben, diskutieren. Also insofern müssen wir diesen Prozess sehr genau beobachten. Es ist nicht so, dass die neuen Medien der große Heilsbringer sind.

Wie bekommen Sie eigentlich als News-Junkie privat den Kopf frei?

Ich treibe viel Sport, spiele Tennis, gehe schwimmen und Skifahren. Außerdem bin ich so oft wie möglich mit der Familie unterwegs.

Ihr Ehemann ist Professor für Mathematik und hat an einer Schacholympiade teilgenommen. Spielen Sie gegeneinander?

Nein, ich spiele gar kein Schach. Ich weiß zwar, wie man die Figuren zieht, aber das war es auch. Ich brauche dann doch eher den Bewegungssport.

Das Interview führte Rena Beeg, newskontor, für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung

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Die Stärkung der Demokratie in Deutschland und Europa ist einer der beiden Arbeitsbereiche der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Von Initiativen zur mehr Bürgerbeteiligung über digitale Wege der Demokratie bis hin zur international renommierten Hertie School of Governance in Berlin setzt sich die Hertie-Stiftung für dieses Anliegen ein.

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