Im Zweifel lieber mehr wissen und weniger urteilen

Elisabeth Niejahr, neue Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung, über ihre Definition von Wirksamkeit im Bereich Demokratie stärken.

Demokratie lebt vom Mitmachen

Elisabeth Niejahr ist die neue Geschäftsführerin für den Bereich “Demokratie stärken”. Was sie dabei aus ihrem langjährigen Job als Wirtschaftsjournalistin in der Hauptstadt einbringen kann, verrät sie im Interview.

Elisabeth Niejahr ist vielen bekannt als Journalistin und Chefreporterin der Wirtschaftswoche. Seit diesem Jahr verantwortet sie als Geschäftsführerin den Bereich “Demokratie stärken” der Hertie-Stiftung. Wir haben mit ihr über die großen Herausforderungen des Journalismus, den Status quo der Demokratie in unserem Land und die Selbstwirksamkeit von Stiftungen gesprochen.

Hertie-Stiftung: Sie sind eine sehr erfahrene und erfolgreiche Journalistin. Ist das eine Profession, die man so einfach aufgeben kann oder bleibt das im Blut?

Elisabeth Niejahr: Nach mehr als zwanzig Jahren im Journalismus bin ich ausgesprochen dankbar für viele großartige Begegnungen, Reisen und Einblicke, die der Beruf mir ermöglicht hat. Gleichzeitig freue ich mich riesig auf die neue Aufgabe. Besser geht es eigentlich nicht. Was ich hoffentlich aus der alten Rolle mitnehme, ist ein Gespür für mittel- und langfristige gesellschaftliche und politische Trends, also für das Thema, über das nicht schon alle sprechen, sondern das noch kommt. Ohne das geht es gerade bei Wochenmedien nicht. Außerdem wird es sicher helfen, dass ich durch die lange Arbeit in Berlin politische Akteure und Prozesse ganz gut verstehe.

Für Leser und Zuschauer ist es manchmal schwer, Qualität zu erkennen und zu wissen, wem sie vertrauen können.

Hertie-Stiftung: Medien erhalten seit geraumer Zeit viel Schelte – sind sie in einer Krise?

Elisabeth Niejahr: Ja, natürlich, und niemand weiß im Moment, wie der Journalismus des Jahres 2030 aussehen wird. Das macht vielen Kollegen sehr zu schaffen. Für meinen Wechsel spielte das aber keine Rolle. Denn gleichzeitig ist es ja so, dass Content auch in Zukunft gebraucht wird. Gabor Steingart hat gerade in einem Interview den schönen Vergleich gebracht, dass Mick Jagger vermutlich gar nicht weiß, ob seine Songs auf CD oder LP gehört oder gestreamt werden. Er macht halt seine Musik. 

Hertie-Stiftung: Welche Rolle sollten Medien haben? Die vierte Macht im Staat?

Elisabeth Niejahr: Medien haben zu Recht in vielerlei Hinsicht eine Sonderrolle, zum Beispiel um ihre Quellen schützen zu können. Das muss auch so sein. Die größte aktuelle Gefahr geht meines Erachtens von zwei Phänomenen aus: Weil heute jeder irgendwie Journalist sein und teilweise über Social Media enorm viele Menschen erreichen kann, sind viele Informationen auf dem Markt, die nicht nach strengen journalistischen Maßstäben entstanden sind. Für Leser und Zuschauer ist es manchmal schwer, Qualität zu erkennen und zu wissen, wem sie vertrauen können. Zweitens gibt es viel zu wenig guten Wirtschaftsjournalismus. Was meine bisherigen Kollegen bei der Wirtschaftswoche und Handelsblatt machen, müsste viel stärker in anderen Medien passieren, finde ich. Wir brauchen viel mehr Aufklärung über ökonomische Prozesse. 

Hertie-Stiftung: Befürchten Sie eine Radikalisierung unserer Demokratie?

Elisabeth Niejahr: Mein Wechsel zur Gemeinnützigen Hertie-Stiftung ist auch eine bewusste Entscheidung dafür, mich für unser politisches System einzusetzen, das viele Menschen für selbstverständlich halten. Demokratie lebt aber nun mal vom Mitmachen. Sie ist nicht einfach immer da. Vor zehn Jahren hätte ich so einen Schritt wahrscheinlich auch für weniger nötig gehalten. Aber, um Ihre Frage zu beantworten: Ich neige nicht zu Katastrophenszenarien. Ich halte aber Radikalität auch nicht für etwas Positives. Wenn ich bei Kollegen lese „radikal ist das neue normal“ schüttle ich den Kopf.

Hertie-Stiftung: Was sollten die Medien dagegen tun?

Elisabeth Niejahr: Ihren Job machen: Aufwändig recherchieren, faktenbasiert berichten. Im Zweifel lieber mehr wissen und weniger urteilen. Eine Meinung ist nur selten das Beste, was ein Journalist seinem Leser geben kann.

Hertie-Stiftung:  … und was können Stiftungen dabei ausrichten?

Elisabeth Niejahr: Große Frage, die ich beantworten möchte, wenn ich bei der Hertie-Stiftung angekommen bin. Vorab: Sehr wichtig scheint mir das Thema Selbstwirksamkeit zu sein. Also: Politische Bildung nicht nur in der Theorie vermitteln, sondern zu positiven Demokratie-Erfahrungen verhelfen. So, wie es etwa bei Jugend debattiert schon passiert. 

Die Regierung gibt mehr Geld für Demokratieförderung aus - da scheint mir wichtig, sehr genau zu schauen, was Stiftungen leisten können und wollen.

Hertie-Stiftung: Worauf freuen Sie sich, was reizt Sie an der neuen Aufgabe? Was liegt Ihnen persönlich am Herzen?

Elisabeth Niejahr: Ich möchte etwas bewegen und freue mich sehr darauf, dass bei einer großen Stiftung tun zu können. Seit ich 2011 mit meiner Tochter in Boston gelebt habe, beschäftigt mich, ob und wie einige amerikanische Ansätze der politischen Bildung bei uns funktionieren könnten. Darüber bin ich seit Jahren mit vielen Menschen im Gespräch. Abgesehen davon freue ich mich auf neue Formate, die ich mir gemeinsam mit der Politik vorstellen könnte. Und es reizt mich, mich noch stärker in alle Facetten des Themas „Demokratie“ hineinzudenken. 

Hertie-Stiftung: Wie ist Ihr Blick bisher auf Stiftungen und deren Arbeit?

Elisabeth Niejahr: Als Journalistin hatte ich oft mit Stiftungen zu tun. Am engsten war der Austausch mit der Robert-Bosch-Stiftung, die mich in zwei Expertenkommissionen zum Thema Demographie berufen hat und an deren Deutschland-China-Programm für Chefredakteure ich teilgenommen habe. Das war großartig, über mehrere Jahre waren wir im Wechsel jeweils in einem der Länder unterwegs und haben gemeinsam recherchiert. Ganz allgemein: Ich sehe Stiftungen als Schrittmacher für wichtige gesellschaftliche Entwicklungen.

Hertie-Stiftung: Was verbinden Sie mit der Hertie-Stiftung und ihrem Programmbereich Demokratie stärken?

Elisabeth Niejahr: Die Hertie-Stiftung habe ich als Journalistin vor allem durch Projekte im Familien-, Migrations- und Bildungsbereich sowie durch die Hertie School of Governance kennengelernt. An der Expertise in diesen Feldern möchte ich bei meiner Arbeit ansetzen. Der Bereich der Demokratieförderung ist ja seit Trump, Brexit und Front National quasi explodiert. Die Regierung gibt mehr Geld aus, viele neue Initiativen sind hinzugekommen - da scheint mir wichtig, sehr genau zu schauen, was wir leisten können und wollen.

Hertie-Stiftung: Was bedeutet für Sie persönlich „Demokratie stärken“?

Elisabeth Niejahr: Auf die Gefahr hin, dass es sehr staatstragend klingt: 1. Menschen dabei unterstützen, gute Demokraten zu sein. 2. Aufklärung über das Wesen demokratischer Prozesse (auch den Teil, der nicht sexy ist). 3. Demokratische Institutionen stärken. Gerade auch die Schwachen.

Hertie-Stiftung: Was hat Sie in Ihrem bisherigen Leben stark geprägt?

Elisabeth Niejahr: Puh. Ich verzichte mal auf Bücher und Autoritäten und nenne als einzigen Menschen meine heute 13jährige Tochter. Abgesehen davon: Mein christliches Elternhaus, meine Ausbildung als Volkswirtin und viele Wirtschaftsgeschichten, diverse längere Auslandsaufenthalte, vor allem in den Vereinigten Staaten.

Hertie-Stiftung: Was passiert mit Ihren bisherigen Aktivitäten und Themen? Werden Sie diese weiterverfolgen?

Elisabeth Niejahr: Meine wöchentliche Radiokolumne und den festen Platz in der monatlichen Politik-Talkshow „Thadeusz - Die Beobachter“ habe ich bewusst abgegeben. Das sind journalistische Formate und ich bin jetzt in anderer Mission unterwegs. Der Rest wird sich finden.

Demokratie stärken

Im Arbeitsgebiet „Demokratie stärken“ untersuchen wir die Grundlagen unseres Zusammenhalts, machen sie erlebbar, sorgen für ihre Weiterentwicklung und verteidigen sie gegen radikale Gegner. Um dieses Ziel zu erreichen, engagieren wir uns und fördern Institutionen oder Personen, die auf beispielhafte Weise unsere Demokratie stärken. Unsere Handlungsfelder hierfür sind Bildung, Integration und eine aktive Zivilgesellschaft.

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