Mit einem Klick Angst schüren

Trolle, Drohmails, Hetzkampagnen: Wie digitale Gewalt funktioniert und was wir gegen sie tun können. 

Effektive Strategien gegen Hass im Netz

Anna-Lena von Hodenberg hat "HateAid" gegründet, eine Beratungsstelle für Betroffene von digitaler Gewalt. welche ausmaße der Hass im Netz heutzutage angenommen hat und was jeder einzelne, aber auch die Politik gegen ihn machen kann, erklärt sie im Interview

 

 „Hass im Netz macht Menschen nicht nur Angst, sondern oft auch mundtot. Für unsere Demokratie ist das ein immenser Schaden“, sagt Anna-Lena von Hodenberg (37), Gründerin von HateAid, einer Beratungsstelle für Betroffene von digitaler Gewalt. Doch was ist zu tun, damit sich Menschen weiterhin trauen, on- und offline ihre Meinung zu sagen? Ein Interview über Lösungen, Leidtragende und den Shitstorm zur besten Sendezeit.  

Hertie-Stiftung: Es ist Mittagszeit, mit wieviel Gewalt im Netz mussten Sie sich heute schon beschäftigen? 

Anna-Lena von Hodenberg: Da gibt es einiges: Eine Politikerin hat sich gemeldet, deren Adressdaten aus dem familiären Umfeld auf Twitter veröffentlich wurden. Dann eine transsexuelle Aktivistin, die in den sozialen Medien ständig pornografische Bilder geschickt bekommt, auf denen ihr Kopf montiert wurde. Und gestern war ich bei einer Veranstaltung mit Bundespräsident Steinmeier mit Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern, die nicht „nur“ im Netz, sondern auch im realen Leben angegriffen werden. Da habe ich einige Fälle mitgebracht, um die wir uns kümmern werden. 

Es gibt sehr viele rassistische oder antisemitische Angriffe. Transsexuelle, Schwule und Lesben müssen ebenfalls Ungeheuerliches ertragen.

Also findet der Hass im Netz bereits Einzug in das reale Leben?

Absolut, das sehen wir immer häufiger. Dahinter steckt regelrecht eine Strategie: Erst gibt es einen konzertierten Hate Storm gegen eine Person, und dann verabreden sich die Hater und recherchieren: Wie lautet ihre private Adresse? Wer ist ihr Arbeitgeber, bei dem man sie denunzieren könnte? Dann gibt es Drohbriefe nach Hause mit Sätzen wie „Ich weiß, wo die Schule deiner Kinder ist“, deren Adresse dann auch im Netz veröffentlicht wird. Es gibt Fälle, in denen Türen mit Kot beschmiert oder Markierung gesprayt wurde, um zu zeigen: „Wir waren schon mal hier!“ Oder es liegt Munition im Briefkasten. All das verursacht bei den Betroffenen eine latente Angst und schüchtert sie ein.

Wer wird am häufigsten zur Zielscheibe?

Frauen, vor allem wenn sie sich feministisch äußern, Journalisten und Politiker. Es gibt sehr viele rassistische oder antisemitische Angriffe. Transsexuelle, Schwule und Lesben müssen ebenfalls Ungeheuerliches ertragen.

Was wissen Sie über die Hater?

Es gibt Studien vom BKA und der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime, die belegen, dass etwa 80 Prozent der Hater aus dem rechten und rechtsextremen Spektrum kommen. Die haben sogar Anleitungen und Manifeste verfasst, wie man Menschen im Netz vernichtet. Hier hat die nationale rechte Szene den Schulterschluss, den sie offline nicht geschafft hatte, im Netz verwirklicht. In einem der bekanntesten rechtsextremen Netzwerke „Reconquista Germanica“ waren zeitweise 7000 Personen organisiert, unter ihnen Mitglieder der Jugendorganisation der AfD und der Identitären Bewegung. Ihr selbsterklärtes Ziel vor der Bundestagswahl 2017 war es, durch Hass, Propaganda und Desinformation der AfD so viele Stimmen wie möglich zu verschaffen. Aber es sind nicht nur die Rechten, die Hass im Netz verbreiten, er kommt von allen Seiten, auch von dem frustrierten Typen von nebenan oder Frauen voller Wut.

Sie haben 2018 HateAid gegründet, um den Betroffenen digitaler Gewalt zur Seite zu stehen. Was war der Auslöser?

Wir haben HateAid gegründet, weil wir glauben, dass die demokratische Debatte im Netz und mittlerweile auch im analogen Leben durch Hass, Hetze und digitale Gewalt bedroht ist. Ich war zuvor bei der Bürgerbewegungs-Organisation Campact und habe antirassistische Kampagnen gemanagt. Kurz vor der Bundestagswahl 2016 habe ich dort erstmals erlebt, wie rechte Gruppierungen mit Tausenden gefälschter Accounts gezielt Personen des öffentlichen Lebens an den Pranger stellen. Dabei geht es ihnen nicht in erster Linie um die einzelne Person, sondern um all die anderen im Netz, die zusehen, wie diese Einzelnen aus der öffentlichen Debatte herausgedrängt werden. Wie die Hater ihre Familiendaten veröffentlichen oder ihnen mit Gewalt drohen. Das Ziel ist es, den Zuschauern zu zeigen: Wenn Du Dich in gleicher Weise äußerst, bist du der nächste am Pranger. Und die Rechnung geht auf. Eine repräsentative Online-Befragung des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft aus 2019 hat ergeben, dass sich 54 Prozent der Befragten in Reaktion auf Hassrede im Internet seltener zu ihrer politischen Meinung bekennen. Das wollen wir verhindern und Menschen unterstützen, ohne Angst ihre Stimme zu erheben.

Die demokratische Debatte im Netz und mittlerweile auch im analogen Leben ist durch Hass, Hetze und digitale Gewalt bedroht.

Was bieten Sie konkret an?

Als erstes eine emotional stabilisierende Beratung, denn was die Menschen erleben, trifft sie oft bis ins Mark und sorgt für große Angst aber auch Traurigkeit. Wichtig ist, dass die Betroffenen spüren: Hier wirst Du ernst genommen und bist nicht allein. Das ist sehr wichtig, denn früher war es oft so, dass Betroffene, wenn sie bei der Polizei Anzeige wegen Morddrohungen erstatten wollten, weggeschickt wurden mit dem Hinweis: „Rufen Sie an, wenn jemand vor der Tür steht.“ Mancherorts erleben wir das heute noch. Auch die Staatsanwaltschaften haben oft nicht verstanden, was es mit Menschen macht, permanent in Angst zu leben. Das muss sich ändern.

Wie geht es dann weiter?

Wir unterstützen die Betroffenen dabei, strafrechtlich gegen den Hater vorzugehen, also ihn anzuzeigen, denn viele Hass-Kommentare sind tatsächlich rechtswidrig. Ganz konkret sieht das so aus, dass wir helfen, Beweise zu sichern, z.B. durch einen rechtssicheren Screenshot der Hassposts. Wir helfen unseren Klienten auch bei der Kommunikation mit der Polizei und beim Stellen der Löschanträge. Weil man den Betroffenen, die psychisch oft am Boden sind, die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Account oft nicht mehr zumuten kann, übernimmt das auf Wunsch unser Team, das mittlerweile aus 12 Leuten besteht. In geeigneten Fällen finanzieren wir auch das zivilrechtliche Verfahren, denn es kann nicht sein, dass Recht und Gesetz vom Geld abhängen.

Wie meinen Sie das genau?

Beleidigungen, Bedrohungen und Verleumdungen stellen die Staatsanwaltschaften eigentlich immer ein, da sie nicht von öffentlichem Interesse sind. Der Betroffene kann sich dann einen Anwalt nehmen und zivilrechtlich gegen den Hater vorgehen. Das kostet aber Geld, das viele nicht aufbringen können. Nur, wenn die Täter nicht verfolgt werden, bleibt das Netz ein scheinbar rechtsfreier Raum, und das bedeutet für die Betroffenen: Ich muss mir alles gefallen lassen. Für den Täter sendet es das Signal: Du kannst machen was Du willst. Das wollen wir nicht akzeptieren, deswegen finanzieren wir die Verfahren. Wird der Prozess gewonnen, geht das Geld an uns, damit wir weiteren Betroffenen helfen können. So finanzieren wir uns, und durch Spenden. Unsere Arbeit ist für die Betroffenen kostenlos.

Wie viele Betroffene haben Sie bisher unterstützt?

Seit Ende 2018 haben wir 218 Klientinnen und Klienten weitergeholfen und 168 Verfahren übernommen. Darunter auch das erfolgreich abgeschlossene Verfahren von Renate Künast, die im Netz auf unerträgliche Weise beleidigt wurde.

Anzeige zu erstatten ist eines, aber wie schaffen Sie es, dass Menschen, die so attackiert wurden, auch weiterhin ihre Meinung sagen? Sowohl im Netz als auch analog?

Indem wir einerseits versuchen, ihnen gemeinsam mit spezialisierten Beratungsstellen und Psychologen, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Andererseits: Anzeige zu stellen und auch zu sehen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, macht vielen wieder Mut und macht sie wehrhaft.

Der aktuelle Gesetzesentwurf reicht nicht aus. Plattformen müssen Die Daten der Straftäter nicht herausgeben - das schützt sie.

Was sollte ich als erstes tun, wenn ich Zielscheibe von Hass im Netz werde?

Die Beweise sichern und bei der Polizei Anzeige erstatten. Das geht auch online. Und achten Sie auf Ihre emotionale Gesundheit, finden Sie jemanden aus dem nächsten Umfeld, der möglicherweise Ihren Account übernehmen kann, wenn Sie der Vorgang zu sehr belastet, und schauen Sie sich die Hassposts nicht mehr an. Aktivieren Sie Freunde und holen Sie sich Unterstützung im Netz. Menschen, die sich mit positiven Posts mit Ihnen solidarisieren, sind wichtig, weil man als Attackierter erst mal das Gefühl hat: „Das ganze Internet ist gegen mich!“.

Man sagt ja, „Hunde, die bellen, beißen nicht“. Wie ernst sollte man die Drohungen aus dem Netz nehmen?

Man sollte sie immer ernst nehmen! Früher haben Menschen eine Drohung per Brief bekommen, dann wussten sie, es ist diese eine Person, die mich bedroht, und sie konnten die Gefahrenlage einschätzen. Im Netz wird die Drohung nun öffentlich gepostet und 10.000 Menschen sehen das, und vielleicht fühlt sich von denen jemand anderes bemüßigt, bei Ihnen zuhause vorbeizugehen. Das muss gar nicht derjenige sein, der zuerst gedroht hat. So ist es ja im Fall des Politikers Walter Lübcke gewesen, der erschossen wurde.

Der neue Gesetzentwurf gegen Hass uns Hetze im Netz sieht höhere Strafen für Täter und eine Meldepflicht für schwerwiegende Drohungen vor – reicht das?

Das ist ein guter Vorstoß, aber es reicht bei weitem nicht. Uns ist wichtig, dass die Rechtsdurchsetzung gestärkt wird. Das bedeutet, dass wir den Staatsanwaltschaften erlauben müssen, die Daten der Täter von den Plattformen zu bekommen, sobald eine Straftat festgestellt wurde. Das ist bisher nicht so, die Plattformbetreiber können dazu nicht verpflichtet werden. Daran scheitern viele Verfahren, und die Straftäter werden geschützt. Leider fehlt genau dieser Punkt im jetzigen Gesetzentwurf. Außerdem sollten Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte in den Ländern sensibilisiert und entsprechend ausgebildet werden. Es geht hier nicht nur um Beleidigungen, sondern bei Hate Storms handelt es sich oft um konzertierte Aktionen, die unsere Meinungsfreiheit und Demokratie bedrohen.

Eine Untersuchung hat ergeben, dass Sonntagabend die beliebteste Zeit ist, um seinen Hass im Netz zu verbreiten - warum?

Sonntagabend ist für viele Leute offenbar ein Tiefpunkt, sie sind dann einfach frustriert: Das Wochenende ist vorbei, sie sitzen vorm Fernseher, müssen am nächsten Morgen wieder zur Arbeit. Genau der richtige Moment, um Hass und Wut anonym im Netz Luft zu machen.

Wie entspannen Sie, um den Kopf von Hass und Gewalt frei zu bekommen?

Ich verbringe Zeit mit meiner Familie und Freunden. Dann mache ich das Handy und den Computer aus und bin auch mal ein ganzes Wochenende ohne Internet. Anders würde ich das alles gar nicht aushalten.

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.