Die Grenzen unseres Wissens verschieben

Dr. Dr. Jan Broder Engler vom Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience über sein Arbeitsfeld in der MS-Forschung und über die Risikobereitschaft, neue Wege zu gehen.

"Ein vertrautes Prinzip in ein unverstandenes System übertragen"

Dr. Dr. Jan Broder Engler ist Medical Scientist am Institut für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose (INIMS) und dem Zentrum für Molekulare Neurobiologie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), Hamburg. Im Rahmen der Hertie Academy for Clinical Neuroscience ist er einer von 24 Fellows an 6 ausgewählten Standorten.
 

Was hat Sie dazu bewegt, in die klinische Hirnforschung zu gehen? 

Gewissermaßen bin ich über Umwege zur Hirnforschung gekommen. Seit meinem Medizinstudium bin ich vom Immunsystem fasziniert, dessen zentrale Leistung es ist, Infektionserreger und schadhafte Zellen zu erkennen und abzuräumen. Dass hierbei auch Fehler unterlaufen können, wird bei Autoimmunerkrankungen deutlich. Hier richtet sich das Immunsystem fälschlicherweise gegen unbescholtene Körperzellen und führt so zu einer Schädigung von gesundem Gewebe. In der Multiplen Sklerose sind es die Nervenzellen und ihre Isolationsschicht, die vom Immunsystem angegriffen werden. Dies führt bei Betroffenen zu neurologischen Ausfallerscheinungen. Nervenzellen besser vor dieser Attacke zu schützen, ist die zentrale Motivation, die mich in die klinische Hirnforschung gebracht hat.

Einfach erklärt: Woran arbeiten Sie momentan? Was wollen Sie damit erreichen? 

Die verfügbaren Therapieansätze bei der Multiplen Sklerose beruhen im Wesentlichen auf einer Unterdrückung des Immunsystems im gesamten Körper. Die meisten dieser Medikamente verlieren zudem in späteren Stadien der Erkrankung ihre Wirksamkeit. Ich arbeitete daran, die Nervenzellen selbst widerstandsfähiger zu machen und sie mit Selbstverteidigungsstrategien auszustatten, mit denen sie das Immunsystem in Schach halten können. Hierzu beliefern wir die Nervenzellen mit Genmaterial, das sie in die Lage versetzt, lokale Immunantworten aktiv zu unterdrücken. Zugegebenermaßen ist die klinische Anwendung solcher Strategien noch Zukunftsmusik. Unsere Forschung hat zunächst zum Ziel, die Machbarkeit gentherapeutischer Ansätze in Nervenzellen zu erproben. Sollten sich einzelne Strategien als erfolgversprechend erweisen, sind diese dann auch über die Multiple Sklerose hinaus anwendbar.
 

"Ich würde mir wünschen, dass die Risikobereitschaft, neue Wege zu gehen, im Wissenschafts- und Publikationsbetrieb stärker gewürdigt wird."

Wann bzw. wo haben Sie die besten Ideen?

Die besten Ideen entstehen, wenn es gelingt, ein vertrautes Prinzip in ein unverstandenes System zu übertragen. Viele große Entdeckungen gehen auf solche Transferleistungen zurück. Bei mir ist es oft die Auseinandersetzung mit scheinbar unverwandten Themen, die mich neu auf ein biologisches Problem blicken lassen.

Und wie motivieren Sie sich, wenn es gerade nicht so vorangeht, wie Sie es möchten?

Wenn Experimente nicht die erhofften Effekte zeigen, ist dies oft frustrierend. Dennoch schlummern gerade in diesen unerwarteten Befunden wichtige Erkenntnisse. Ich versuche, an Experimente - wenn möglich - eine offene Entweder/Oder-Frage zu stellen. Sofern das Experiment methodisch funktioniert hat, bringt mich so jedes Ergebnis ein Stückchen weiter. Natürlich ist dies nicht immer möglich. Insbesondere, wenn man sich über eine Reihe von Versuchen ein Theoriegebäude errichtet hat. Dann ist es besonders schmerzlich, wenn dieses während der Validierung in sich zusammenfällt. Dann muss man die Bausteine auflesen und überlegen, ob ein anderes Arrangement der Einzelteile mehr Sinn ergibt.

Welche Rahmenbedingungen sind Ihrer Meinung nach für exzellente Forschung notwendig?

Exzellente Forschung entsteht dort, wo kluge und motivierte Köpfe die Ressourcen erhalten, visionäre Ideen zu verfolgen. Das Verfolgen von Konzepten abseits des wissenschaftlichen Mainstreams trägt immer auch die Möglichkeit des Scheiterns in sich. Die Akzeptanz des Scheiterns als Teil des wissenschaftlichen Prozesses fällt nicht immer leicht. Dennoch braucht es diesen Mut, um die Grenzen unseres Wissens zu verschieben. Ich würde mir wünschen, dass die Risikobereitschaft, neue Wege zu gehen, im Wissenschafts- und Publikationsbetrieb stärker gewürdigt wird – beispielweise auch durch die Veröffentlichung von experimentellen Rückschlägen, sofern diese methodisch und konzeptionell überzeugen.

Gibt es bereits ein konkretes Beispiel, wie Sie vom Hertie Network / der Hertie Academy profitiert haben?

Das Hertie Network hat mir erstmals die finanzielle Unabhängigkeit gegeben, eine wissenschaftliche Fragestellung eigenverantwortlich zu verfolgen. Das beinhaltet auch eine gehörige Portion Verantwortung, dennoch sehe ich es als großes Privileg, ein Projekt entlang der eigenen Ideen gestalten zu dürfen. Der Austausch mit den anderen Fellows im Netzwerk und die gemeinsamen Treffen in der Hertie Academy erlebe ich als eine große Bereicherung in dieser spannenden Phase. Gerade die Unterschiedlichkeit unserer Projekte und Karrierephasen öffnet den Blick und liefert neue Inspiration.

Haben Sie ein Motto/einen Vorsatz?

Ich wünsche mir eine wissenschaftliche Gemeinschaft, die durch Kooperation, Konstruktivität und gegenseitigen Respekt geprägt ist, und die einen freien Austausch von Ideen befördert. Dazu möchte ich gerne beitragen.

Was ist Ihr liebstes Brainfood?

Der Austausch von unfertigen Ideen beim gemeinsamen Mittagessen.
 

Hertie Network

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience fördern und vernetzen exzellente Neurowissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler. Mehr Informationen dasrüber finden Sie auf der Projektseite.

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