Besser streiten, mehr lernen

Dr. Romy Jaster über die Kunst und Notwendigkeit des Streitens.

Streiten ist demokratisch

Dr. Romy Jaster ist MitGründerin des Forums für Streitkultur. Wie ein guter Streit aussieht und welche Politikerin das richtig gut kann, erklärt sie im Interview.

Dr. Romy Jaster (34), Philosophie-Dozentin an der Humboldt-Universität in Berlin, ist Mit-Gründerin des Forums für Streitkultur, das sich für eine konstruktive und demokratische Form der Debatte einsetzt. Warum wir häufiger mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen sollten, wen die Wissenschaftlerin für eine vorbildliche Streiterin hält und warum sie am liebsten zum Streiten in die Kneipe geht, lesen Sie hier.  

Wann haben Sie sich das letzte Mal gestritten? 

[lacht] So gestritten, dass die Fetzen fliegen, habe ich mich schon lange nicht mehr. In dem Sinne, dass ein Sachdisput ausgetragen wird, streite ich fast jeden Tag, weil ich als Philosophin ja hauptberuflich Streiterin bin.  

Mit wem streiten Sie sich dann? 

Mit Kollegen und Kolleginnen, aber hauptsächlich mit meinen Studierenden. 

Sind das auch emotionale Begegnungen?  Laut Duden ist ein Streit ja eher “hitzig“. 

Nein, es ist ein gemäßigter Streit. Es gibt eben diese unterschiedlichen Definitionen des Wortes Streit: einmal die Alltagsverwendung, bei der ein Streit mit starken Emotionen einher geht, wo Konfliktlinien sehr klar werden und sich die Leute zum Teil stark in die Parade fahren. Diese Art des Streits führt in vielen Fällen nicht zu einem erwünschten Ziel - außer sich vielleicht Luft zu machen. Wenn es aber darum geht, wer die tragbarere Position hat, also sich in der Sache zu streiten, ist so eine Form nicht besonders zielführend. 

Ein Streit braucht Wohlwollen gegenüber dem Gesprächspartner.

Sie haben 2017 mit Ihrem Kollegen Dr. David Lanius vom DebateLab in Karlsruhe das Forum für Streitkultur gegründet. Warum?  

Man hört ja relativ häufig, dass wir verlernt hätten zu streiten. Ich bin nicht so begeistert von diesem Framing, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass wir mal besonders gut im Streiten waren. Nur gab es 2016 plötzlich Trump, den Brexit und das Erstarken populistischer Kräfte. Wie die Forschung, aber auch die wachsende Polarisierungsdebatte im öffentlichen Diskurs zu der Zeit gezeigt hat, driften Teile der Gesellschaft auseinander. Es gab eine große Debatte über soziale Medien und Hassreden, und vor dem Hintergrund dieser Entwicklung haben David Lanius und ich viel darüber diskutiert, wie eigentlich guter Streit geht, und wie man es schafft, eine Streitkultur gesellschaftlich zu etablieren, die in der Lage ist, diesem Drift entgegenzuwirken.   

Und was machen Sie konkret?  

Wir beschäftigen uns im Forum Streitkultur damit, wie man eine Sachfrage in einem konstruktiven Streitgespräch am besten erörtert. Dazu halten wir Vorträge und geben Workshops zur Gesprächsführung und Methodik. Ein Workshop hat zum Beispiel das Argumentieren mit Rechtspopulisten zum Thema.   

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für einen konstruktiven Streit? 

Die größte Streittugend ist aus unserer Sicht das Wohlwollen gegenüber dem Streitpartner und dem, was er sagen möchte. Auf Twitter kann man wunderbar sehen, wie Diskurse in kürzester Zeit eskalieren und entgleiten. Obwohl die Personen, die daran beteiligt sind, oft Journalisten oder andere Leute sind, die es eigentlich gewohnt sind, im Meinungsaustausch zu stehen. Wenn ein Streit dann schief geht, hat in den meisten Fällen das Wohlwollen gegenüber der anderen Seite gefehlt. Das bedeutet zunächst einmal, nicht irgendetwas aus dessen Worten zu interpretieren, sondern genau wahrzunehmen, was der andere wirklich gesagt hat. Wohlwollen zu zeigen heißt aber auch, die Worte des anderen nicht sofort in der ungünstigsten und schlechtesten Weise auszulegen, sondern sich zu überlegen, was diese Person wohl eigentlich gemeint hat und das Gesagte in der wohlmeinendsten und plausibelsten Weise zu interpretieren. Das ist schon mal ein Schritt, der hilft, einen konstruktiven Streit zu führen.

Wie schafft man das konkret? Offenbar haben ja viele Menschen ein Problem damit, in einer Streitsituation sachlich und wohlwollend zu bleiben?  

Wir sagen auch nicht, dass das leicht geht. Aber man kann das Streiten üben. Sich also immer wieder selbst anhalten, auf eine gute Weise zu streiten. Dabei können Regeln helfen, weil man sich an diese konkret erinnern kann. Sie sollten allerdings mit der Zeit zu Tugenden, also zu guten Handlungsgewohnheiten, werden. Das Wohlwollen zum Beispiel ist eine Haltungsfrage. Auch wenn wir im Forum Streitkultur immer wieder Regeln für das konstruktive Streiten formulieren, ist das letztlich nur Hilfswerkzeug, um zu einer tugendhaften Streithaltung zu finden, nämlich beispielsweise einer Haltung der Demut und Bescheidenheit, was die Haltbarkeit des eigenen Standpunktes angeht. 

Dr. Romy Jaster über radikale Höflichkeit auf dem YouTube-Kanal von Forum für Streitkultur

Man kann das Streiten üben. Dabei können Regeln helfen. Sie sollten allerdings mit der Zeit zu Tugenden werden.

Wie und mit wem üben Sie zu streiten? 

Wir haben das Format „Streitlabor“ entwickelt, um unsere theoretischen Thesen im Gespräch mit Andersdenkenden immer wieder aktiv zu überprüfen und zu üben. Praktisch sieht das so aus, dass wir in Neukölln in eine Kneipe gehen, uns an den Tresen setzen und mit den Leuten quatschen. Wir erzählen ihnen natürlich, warum wir das tun. Unser Ziel ist es herauszufinden, was entsteht, wenn man sich ernsthaft für die Position eines Menschen interessiert, dessen Ansichten man vielleicht vorher als unmöglich oder dumm abgetan hätte. Dadurch entstehen häufig sehr interessante Gespräche und man lernt eine Menge.

Um welche Themen geht's im Streitlabor am Tresen? 

Für viele Menschen sind Migranten oder die AfD ein Thema, aber auch Angela Merkel oder „die vielen Hippster in Berlin“. Alles, was die Leute vor Ort beschäftigt. Hier kann man wunderbar üben, andere Positionen auszuhalten.  

Sie beschäftigen sich viel mit Fake News - wie beeinflussen diese das Meinungsbild?  

Es gibt nicht mehr diesen allgemeinen Referenzrahmen. Zu Zeiten, in denen wir ein paar wenige große Zeitungen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen und ein paar Privatsender hatten, gab es eine größere Einheitlichkeit in der Darstellung dessen, was sich in der Welt gerade zuträgt. Die verhältnismäßig einheitliche Berichterstattung hat einer überwältigenden Zahl von Menschen als Referenzrahmen gedient. Heute gibt es zwar nach wie vor einen solchen Referenzrahmen, aber eine relevante Zahl von Menschen akzeptiert diesen Rahmen nicht mehr. Es gibt viel mehr gesellschaftliche Gruppen, die ganz andere Vorstellungen davon haben, was sich in der Welt gerade zuträgt.  

Sie haben Bundespräsident Steinmeier 2019 zu einem Round Table nach Boston begleitet, um über Fake News zu sprechen. Wie steht Deutschland da im Vergleich zu den USA? 

In den klassischen Medien haben wir, soweit ich sehe, kein Fake News-Problem.  Anders ist es in den sozialen Medien. Es gibt eine rechtspopulistische Partei, die eigene Social-Media- Kanäle unterhält, über die immer mal wieder Falschnachrichten gestreut werden, und wie in den USA und anderswo haben wir hierzulande Internetforen, in denen Verschwörungstheorien kursieren. Aber ich würde sagen, dass wir das Thema in Deutschland eigentlich ganz gut im Griff haben, vermutlich auch dank des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es gibt Länder, in denen das Problem noch viel stärker ausgeprägt ist als in den USA oder bei uns, zum Beispiel in Myanmar, wo Fake News eine Riesenrolle gespielt haben, um Stereotype über die verfolgten Rohingya anzuheizen.  

Das Forum Streitkultur arbeitet an der „Vision einer demokratische Streitkultur“. Was bedeutet hier der Begriff Demokratie? 

Die demokratische Streitkultur leidet daran, wenn Hauptziel einer Auseinandersetzung ist, sich in seiner ohnehin schon bestehenden Meinung durchzusetzen und nicht die Streitsituation zu nutzen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Für eine Demokratie ist es essentiell, dass Meinungsbildungsprozesse so stattfinden, dass politische Entscheidungen, die am Ende dieses Prozesses stehen, erstens legitimiert und zweitens vernünftig sind. Und das kann nur gelingen, wenn möglichst viele Gründe, die für oder gegen ein Thema sprechen, auf dem Tisch liegen und in der Öffentlichkeit die Diskussionen erfahren, die ihnen gebührt. Da sind Fake News problematisch, weil Meinungsbildung auf Grundlage von Lügen und Irreführungen natürlich nicht zielführend ist.  

Wie wollen sie das ändern? 

Wir brauchen eine Streitkultur, die uns ermöglicht, im Gespräch zu bleiben, auch wenn wir denken, dass die Gegenseite radikal falsch liegt in wichtigen Dingen. Das müssen wir aushalten, nur so bleiben wir in Verbindung. Das heißt natürlich nicht, dass jeder die Pflicht hat, sich mit beliebig radikalen Positionen auseinanderzusetzen. Es heißt nur, dass es wünschenswert ist, dass möglichst viele Menschen möglichst viele Gelegenheiten nutzen, sich mit verfassungskonformen Standpunkten Andersdenkender konstruktiv auseinanderzusetzen.  

Wer ist in der Öffentlichkeit jemand, der sich vorbildlich streitet? 

Unter den Talkshowgästen finde ich Manuela Schwesig ganz gut, weil sie sehr stark in der Sache argumentiert. Das ist eine Wohltat in den erhitzen Talkrunden im Fernsehen. Ansonsten ist es hilfreich, den Presseclub zu gucken. Das ist ein Format, das im Ansatz anders ist, weil keine Interessenvertreter miteinander diskutieren, sondern Beobachter des Geschehens. Da erlebt man konstruktive Gesprächsverläufe, die man aus politischen Talkshows nicht gewohnt ist. Und hinterher ist man einfach nur etwas schlauer.  

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

Der Austausch von Argumenten 

Unser Projekt "Jugend debattiert" bringt bereits in der Schule jungen Menschen die Debatte näher: Im Unterricht und in einem bundesweiten Wettbewerb lernen sie, wie und wozu man debattiert, entwickeln ihre Persönlichkeit weiter und üben den Austausch von Argumenten.

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