Ideen zusammen vorantreiben

Dr. Nicolai Franzmeier vom Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience über sein Arbeitsfeld der Alzheimer-Forschung und die Relevanz von Zusammenarbeit unter Wissenschaftlern.

„Das Schöne am Hertie Netzwerk ist die Interdisziplinarität und Heterogenität“

Was hat Sie dazu bewegt, in die klinische Hirnforschung zu gehen? 

In meiner Familie gab es schon seit Generationen Mediziner, daher wurde ich vielleicht ein bisschen „vorgeprägt“. Als ich 17 war, gab mir dann meine ältere Schwester das Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ des britischen Neurologen Oliver Sacks zu lesen, in dem es primär um Fallgeschichten von Menschen mit neurologischen Erkrankungen geht. Die komplexen kognitiven Störungen, die aus Hirnschäden resultieren können, fand ich damals enorm spannend, daher habe ich dann in meiner jugendlichen Naivität den Berufswunsch „Hirnforscher“ entwickelt. Ich hatte natürlich überhaupt keine Vorstellung davon, was ein Hirnforscher so wirklich macht, aber dennoch bestätigte sich der Wunsch dann mehr und mehr während des Studiums. Und nun hat es ja dann schlussendlich auch geklappt: Mit 32 bin ich hauptberuflich Hirnforscher und freue mich jeden Tag, einen so tollen Beruf ausüben zu können. 

Einfach erklärt: Woran arbeiten Sie momentan? Was wollen Sie damit erreichen? 

Mein primäres Arbeitsfeld ist die Alzheimer-Forschung. Alzheimer ist die häufigste neurodegenerative Erkrankung, die zur Demenz führt, und mit steigender Lebenserwartung erhöht sich also auch die Zahl der Erkrankten stetig. Daher müssen dringend Mittel und Wege gefunden werden, die Erkrankung vernünftig zu behandeln. Um gute und vielversprechende Behandlungsansätze zu finden, muss man die Erkrankung aber zunächst einmal wirklich verstehen, d.h. wissen, wie sie „funktioniert“. Dazu verwende ich vor allem Biomarker und bildgebende Verfahren wie die Magnet-Resonanztomographie und die Positronen-Emissionstomographie, mit der wir die fehlgefalteten Eiweiße Amyloid und Tau im Gehirn von Alzheimer Patienten „sichtbar“ machen können.

"Die Zusammenarbeit ist auch genau einer der Aspekte in der Wissenschaft, den ich so klasse finde. Da spielt es keine Rolle, wo Grenzen verlaufen, woher man kommt, oder wer man ist. Man arbeitet einfach zusammen, um eine Idee voranzutreiben."

Mich interessiert hier vor allem die Tau Pathologie, die maßgeblich für den kognitiven Abbau bei Alzheimer verantwortlich ist. Präklinische Studien an Tieren und Zellkulturen konnten zeigen, dass sich die fehlgefalteten Tau Eiweiße vor allem über die Verbindungen zwischen den Nervenzellen ausbreiten. Das Tau Eiweiß springt also sozusagen von Neuron zu Neuron und führt so zum Absterben der Nervenzellen, was letztlich zu kognitivem Abbau und Demenz führt. Mit meinem Team versuche ich, diese Konzepte auf den Menschen zu übertragen und zu verstehen a) wie sich das Tau Eiweiß bei Alzheimer Patienten über Hirnnetzwerke ausbreitet b) welche Faktoren das Ausbreiten der Tau Eiweiße begünstigen und c) wie die Ausbreitung der Tau Eiweiße das Fortschreiten der Erkrankung bedingt. 

Welche Rahmenbedingungen sind Ihrer Meinung nach für exzellente Forschung notwendig? 

In meinem Forschungsbereich benötigt gute Forschung in erster Linie gute Infrastruktur, d.h. Geräte, Zugang zu Patienten usw. Wissenschaft ist heute enorm aufwendig und technisiert, daher brauchen Wissenschaftler die entsprechende Ausrüstung, um gut arbeiten zu können. Außerdem ist ein gutes Netzwerk – national wie international – enorm wichtig. Man kann heutzutage nicht alles allein machen, dazu ist die Wissenschaft in meinem Arbeitsfeld mittlerweile zu komplex. Daher muss man eng mit anderen Wissenschaftlern zusammenarbeiten, wobei jede/r entsprechende methodische und inhaltliche Expertise zu einem Forschungsprojekt beiträgt. Die Zusammenarbeit ist aber eben auch genau einer der Aspekte in der Wissenschaft, den ich so klasse finde. Da spielt es keine Rolle, wo Grenzen verlaufen, woher man kommt, oder wer man ist. Man arbeitet einfach zusammen, um eine Idee voranzutreiben.

Wann bzw. wo haben Sie die besten Ideen?

Die besten Ideen kommen mir in der Regel in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen. Man diskutiert gemeinsam über eine Frage oder eine Forschungsarbeit, z.B. auf Konferenzen, wobei man durchaus mal unterschiedlicher Meinung ist. Da fallen einem dann recht schnell die offenen Fragen ein, die es noch zu beantworten gilt. Man kann also sagen: Forschung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Wenn man ein Problem beantwortet, tauchen zehn neue auf. Wissenschaft ist nie auserzählt.

Gibt es bereits ein konkretes Beispiel, wie Sie vom Hertie Network / der Hertie Academy profitiert haben?

Auf jeden Fall. Das Schöne am Hertie Netzwerk ist die Interdisziplinarität und Heterogenität. Wir kommen ja aus völlig unterschiedlichen Bereichen der Hirnforschung und v.a. auch aus unterschiedlichen Karrierephasen. Allein der Austausch mit Kollegen aus anderen Forschungsfeldern ist sehr viel wert und lässt einen über den eigenen Tellerrand hinaussehen. Konkret geholfen haben mir z.B. erfahrenere Kollegen aus dem Hertie Netzwerk bei der Planung und Erstellung von Drittmittelanträgen. Da kann man sehr von der Erfahrung anderer profitieren, um die typischen Fallstricke zu vermeiden und keine „Anfängerfehler“ zu machen.
 

Welche Wissenschaftlerin/welchen Wissenschaftler aus Vergangenheit oder Gegenwart würden Sie gerne einmal treffen und warum? Oder lieber jemand anderes, außerhalb des Wissenschaftskosmos?

Vielleicht nicht unbedingt Wissenschaftler, sondern ein paar meiner früheren Lehrer aus der Schule, um ihnen zu zeigen, dass aus dem ziemlich unmotivierten, „stinkfaulen“ Kerl von damals doch noch was halbwegs Vernünftiges geworden ist. Da wären einige sicher ziemlich überrascht. 

Haben Sie ein Motto/einen Vorsatz?

Kein richtiges Motto oder Vorsatz. Eher eine Überzeugung. Ich denke, Arbeit muss Spaß machen, schließlich verbringt man ja den Großteil seines Lebens damit. Solange man Spaß hat an dem, was man macht und sich jeden Tag neu begeistern kann - auch wenn es mal Durststrecken gibt - ist man denke ich am richtigen Ort und sollte weitermachen.