Vorsicht, Verschwörungsglaube!

Sozialpsychologin Pia Lamberty über Verschwörungstheorien und ihren Einfluss auf unsere Gesellschaft. 

Einfache Wahrheiten in einer komplizierten Welt

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty forscht zu Verschwörungstheorien: Wer steckt hinter ihnen, warum glauben Menschen an sie und welche Auswirkungen haben sie?

Corona, Unsicherheit und Zukunftsangst sind der ideale Nährboden für Verschwörungserzählungen. Ein Phänomen mit Folgen: 66 Prozent der Deutschen sehen in Verschwörungserzählungen eine Gefahr für unsere Demokratie, so eine aktuelle Umfrage. „Zu Recht“, sagt Pia Lamberty (36), Sozialpsychologin an der Uni Mainz, und Expertin für Verschwörungserzählungen. Seit zehn Jahren forscht die Wissenschaftlerin und Buchautorin („Fake Facts“) zu diesem Thema und sagt: „Gewalt, Rassismus und Antisemitismus werden zunehmend durch Verschwörungserzählungen legitimiert.“ Wer dahinter steckt, warum Menschen an Verschwörungen glauben, und vor welcher Herausforderung unsere Gesellschaft steht, lesen Sie im Interview mit Pia Lamberty. 

Es sind beunruhigende Zahlen: 66 Prozent der Deutschen sehen laut einer aktuellen Infratest-Dimap-Umfrage für das ARD-Politmagazin Kontraste in Verschwörungserzählungen eine Gefahr für die Demokratie. Wie ist Ihre Meinung?

Ich sehe das auch so. Verschwörungsglaube ist so gefährlich für die Demokratie, weil mit ihm oft auch Menschenfeindlichkeit einhergeht. Über die Erzählungen werden antisemitische und rassistische Inhalte transportiert, die im letzten Schritt von Menschen herangezogen werden, um Morde und Terroranschläge zu begehen. Wir erleben immer wieder, dass der harte Verschwörungsglaube mit einem starken Demokratiemisstrauen verbunden ist, sowie mit einer höheren Billigung von Gewalt. Das sind Menschen, die sich eher aus dem demokratischen Diskurs zurückziehen und stattdessen bereit sind, gewalttätige Alternativen zu wählen. Das ist eine Bedrohung für die Demokratie im Sinne von radikalisierten Einzelpersonen und auch Gruppen, die sogar bereit sind, Terroranschläge durchzuführen.

Kennen Sie Beispiele?

Nehmen wir mal Halle und Hanau als die letzten zwei Terroranschläge in Deutschland. Beide wurden über Verschwörungserzählungen legitimiert. Wir sprechen hier wirklich von einer Gefahr für Menschen. Und zwar nicht nur abstrakt wie beim Thema Impfen, sondern wirklich konkret. Und das ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Das FBI warnt längst davor, dass Terroranschläge über Verschwörungserzählungen legitimiert werden können. Diese Gefahr betrifft uns als Gesellschaft, und wir brauchen eine öffentliche Debatte zu diesem Thema.

Was lässt sich gegen diese Entwicklung tun?

Das ist eine Herausforderung, vor der die ganze Gesellschaft steht, also jede Einzelperson, Gruppe oder Partei.  Ich finde es wichtig, dass man mit Selbstreflektion anfängt. Also zu überlegen, wo bediene ich selbst Narrative, die Verschwörungsglauben befeuern? Danach kann man überlegen, wie mit dem Thema umzugehen ist, und welche Strukturen sinnvoll wären. Also zum Beispiel die Förderung einer kritischeren Medien-Bildung in den Schulen. Oder Fördergelder für Initiativen, die Bildungsarbeit oder Beratungsarbeit leisten. Es gibt in Deutschland nur drei nicht-kirchliche Sektenberatungsstellen - in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Berlin - die sich mit Verschwörungsideologien auskennen und helfen. Die anderen Bundesländer haben solche Einrichtungen nicht, viele Menschen wüssten also gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Auch im Bereich Psychotherapie müsste dieses Thema stärker in die Weiterbildung einfließen, um sensibel dafür zu sein, wann es sich um eine politische Ideologie handelt und wann um eine psychische Erkrankung. Und natürlich muss man sich auch aus einer Sicherheitsperspektive mit dem Thema auseinandersetzen, als Innenministerium und als Polizei, um Terroranschläge aufgrund von Verschwörungserzählungen rechtzeitig zu erkennen und zu verhindern. Wir sind hier als Gesellschaft noch am Anfang, um Strategien des Umgangs zu finden.

Sind denn alle Verschwörungsgläubigen so gefährlich? Wer steckt noch hinter den Erzählungen?

Es gibt mindestens drei Gründe, warum Menschen Verschwörungserzählungen verbreiten. Erstens: Sie glauben selber dran und wollen andere überzeugen. Zweitens: Es lässt sich viel Geld mit der Angst der Menschen machen. Wenn man z.B. erzählt, 5G würde hinter Corona stecken, lassen sich leicht irgendwelche 5G-Entstörer für hunderte Euro verkaufen. Und drittens sind da die Personen und Gruppen, die Verschwörungserzählungen zur politischen Mobilisierung und Radikalisierung nutzen. Sie bauen bewusst ein Feindbild auf, behaupten z.B., die Bundesregierung wolle die Bevölkerung durch Migranten „austauschen“, um dann radikal und mit Gewalt ihre Ziele zu verfolgen. Das ist sicherlich die kleinste, aber gefährlichste Gruppe der Verschwörungsideologen.

Was sind das für Menschen, die an Verschwörungen glauben?

Erstmal muss man sich bewusst machen: Das sind nicht die anderen! Das Thema wurde lange so behandelt, als wären diese Menschen verrückt und dumm, und als wäre Verschwörungsglaube ein Randphänomen der Gesellschaft. Dabei gab es ihn schon lange Zeit vor Corona, und zwar weltweit. Die WHO hat z.B. schon 2019 Impfgegner als globale Bedrohung benannt. Für die USA wissen wir, dass jeder zweite US-Amerikaner an mindestens eine Verschwörung glaubt. In Deutschland sind es 18 Prozent, die an eine Impf-Verschwörung glauben. 17 Prozent aller Deutschen halten die Corona-Krise für einen Vorwand der Politik, um die Freiheitsrechte dauerhaft einzuschränken. 20 Prozent glauben, dass Migranten nach Deutschland gebracht würden, um die Bevölkerung „auszutauschen“. Ein Drittel meint, dass Politiker nur Marionetten seien. Es ist also etwas, was in der in der gesamten Gesellschaft zu finden ist. Studien belegen, dass Männer stärker an Verschwörungserzählungen glauben als Frauen. Und es gibt Unterschiede in Bezug auf die Schulbildung. Das hat nichts damit zu tun, dass diese Leute weniger intelligent wären. Es geht darum, dass sich Menschen, die eine niedrige Schulbildung haben, stärker von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Der Glaube an Verschwörungen kann dann eine Bewältigungsstrategie sein.

"Es ist nicht so, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, keine Fakten verarbeiten können. Der Verschwörungsglaube hat stattdessen eine Identitätsfunktion für sie"

Warum glauben diese Menschen ausgerechnet an Verschwörungen, die sind ja oft total wirr?

Da gibt es verschiedene Ansätze in der Forschung. Die prominenteste und älteste Erklärung ist, dass ein Kontrollverlust dazu führt, dass Menschen stärker an Verschwörungen glauben. Also eine Situation, in der ich mich machtlos fühle, in der ich nicht weiß, was als nächstes passiert. Wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder eine persönliche Krise wie eine Trennung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Erkrankung. Wenn ich dann objektiv nicht in der Lage bin, die Geschehnisse zu beeinflussen, versuche ich Umgangsmöglichkeiten zu finden. Der Glaube an Verschwörungen strukturiert und ordnet die Welt. Außerdem gibt es einen „Verschwörer“, auf denen man alles projizieren kann. Das ist dann erstmal besser auszuhalten als das Chaos und der Kontrollverlust.

Gibt es weitere Gründe, an Verschwörungen zu glauben?

In unseren Studien und in der Arbeit von anderen Kollegen hat sich gezeigt, dass Verschwörungsglaube ein Bedürfnis nach Einzigartigkeit befriedigen kann. Das heißt, man kann sich darüber überhöhen und das Gefühl vermitteln, besonders zu sein, weil man über Geheimwissen verfügt, von dem der „naive“ Rest der Menschheit nichts weiß. Dieses Phänomen ist gut in den Sozialen Medien zu beobachten, wenn Verschwörungsideologen dort sehr lautstark und selbstbewusst ihre Thesen präsentieren. Das sind keine Menschen, die ihren Kontrollverlust kompensieren müssen. 

Wie geht man mit einem Verschwörungsideologen um, wenn man ihm begegnet?

Es kommt drauf an: Wenn man ihn im Internet trifft, darf man nicht glauben, dass man diese Person durch eine gute Faktenrecherche umstimmen kann. Es ist wichtig, die Psychologie dahinter zu verstehen, weil es eben nicht darum geht, dass dieser Mensch nicht in der Lage wäre, Fakten zu verarbeiten. Der Verschwörungsglaube hat für ihn eben eine Identitätsfunktion. Ich finde es trotzdem wichtig, Verschwörungserzählung erkennbar zu machen und einzuordnen, allein schon für die stillen Mitleser.

Und im privaten Umfeld?

Da gibt es oft bessere Möglichkeiten, um sich mit der Person in Ruhe auseinanderzusetzen. Man kann stärker fragen: „Was ist die Funktion des Verschwörungsglaubens? Gab es eine Lebenskrise und der Betroffene versucht gerade, damit umzugehen, indem er alles auf einen Verschwörer projiziert?“ Man kann also versuchen, an dieser grundlegenden Krise anzusetzen. Dabei kann professionelle Beratung unterstützend zur Seite stehen. Wenn die Verschwörung so stark ausgeprägt ist, können wirklich Familien zerbrechen.

Wo verläuft die Trennlinie zwischen Verschwörungserzählung und einem gesunden Misstrauen?

Kritisches Denken ist natürlich unglaublich wichtig, weil es immer auch der Motor für Fortschritt und für gesellschaftliche Veränderungen ist, quasi die Grundlage von Wissenschaft. Beim Verschwörungsglaube ist es aber so, dass der Schuldige quasi schon von Vornherein feststeht. Das sind „die Mächtigen“, das sind „die da oben“. Die eigene Haltung wird in der Regel nicht kritisch hinterfragt, sondern alle Informationen, die man erhält, werden im Lichte der eigenen Ideologie bewertet. Hinzu kommt, dass der Fokus immer auf einzelnen Personen liegt, also den angeblichen Verschwörern. Wenn sie nicht mehr da wären, dann wäre die Welt gut.

Mit dem Abflachen der Corona-Krise scheint auch der Verschwörungsglaube abzunehmen…

Ich warne davor zu glauben, dass das Thema damit vorbei ist. Wir wissen alle nicht, ob es eine zweite Pandemie-Welle geben wird, und was das für uns alle bedeutet. Werden sich die Restriktionen dann noch einmal verschärfen? Meine Sorge ist, dass die Maßnahmen dann viel weniger akzeptiert werden, weil sich der Verschwörungsglaube zu Corona bereits seinen Weg gebahnt hat.

Also stehen wir alle vor einer großen Aufgabe…

Das sehe ich so.     

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.