„Das Debattieren hat mich gelehrt, eine Haltung zu haben“

Prof. Dr. Michael Seewald (31) ist mit 29 Jahren jüngster Theologie-Professor Deutschlands und zählt heute zu den Spitzenforschern auf dem Gebiet der Theologie.

"Debattieren ist eine Schule des Denkens."

Ein Interview mit Prof. Dr. Michael Seewald, jüngster Theologie-Professor Deutschlands, über die Freiheit des Wortes in der katholischen Kirche und Demokratiedefizite in den Religionen.

Der Theologe Prof. Dr. Michael Seewald (31) wurde mit 16 Jahren Bundessieger von Jugend debattiert, mit 29 Jahren jüngster Theologie-Professor Deutschlands, und zählt heute als Principal Investigator und Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Universität Münster zu den Spitzenforschern auf seinem Gebiet. Einer seiner Vorgänger an der Katholisch-Theologischen Fakultät war übrigens Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Klingt nach einer Karriere als Kirchenoberhaupt? Michael Seewald: „Keine Lust!“ 

Michael Seewald, 1987 geboren in Saarbrücken, ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte  an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 2013 wurde Michael Seewald zum Priester geweiht. Mit seinem Eintreten für die Weihe von Frauen zu Priesterinnen sorgte er für großes Aufsehen. Und auch sein aktuelles Buch „Dogma im Wandel“ ist der katholischen Kirche eher ein Dorn im Auge. Warum es für den 31-Jährigen dennoch so wichtig ist, für seine Belange einzutreten, welchen Grundstein Jugend debattiert gelegt hat – und welches schräge Hobby der Professor pflegt, lesen Sie in diesem Interview.  

Prof. Seewald, 2004 wurden Sie Bundessieger von Jugend debattiert. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Sehr gute! Damals war ich 16 Jahre alt. In Erinnerung ist mir nicht nur das Bundesfinale selbst, sondern die ganze Arbeit in dem Projekt, die mehrere Monate vor dem Finale begann und danach für mehrere Jahre anhielt. Das war prägend für mich. Man lernt bei „Jugend debattiert“ Genauigkeit und Selbstsicherheit, aber auch den Umgang mit Kritik und die Fähigkeit, selbst fair zu kritisieren.

Erinnern Sie noch Ihr Debatten-Thema? 

Es ging um die Frage, ob die Türkei EU-Mitglied werden solle. Seit 2004 hat sich zu diesem Thema Vieles verändert.  
Die Kunst des Debattierens haben Sie früh gelernt. Wie hat sich dieses Können auf Ihrem beruflichen Weg bewährt?  
Debattieren ist nicht nur eine sophistische Fertigkeit, die man sich irgendwie aneignet, sondern eine Schule des Denkens. Gerade den Geisteswissenschaften steht ja keine andere Präzision zur Verfügung als die der Sprache. Und wir haben keine andere Beweisform als die des Argumentierens. Das Ringen um sprachliche Präzision und überzeugende Argumente sind als Professor mein tägliches Brot.  

Ist es in der Institution Kirche auch möglich, frei zu debattieren? Nach Ihrem Vorstoß, Frauen die Priesterweihe zu verleihen, gab es großes Aufsehen. In wieweit treffen Sie mit der Kirche auf ein Gegenüber, das ebenso gekonnt debattiert?  

Wie sehr die katholische Kirche zu einer problematischen Sonderwelt geworden ist, sehen Sie ja allein schon daran, dass Sie mit der Forderung, Frauen die gleichen Rechte einzuräumen wie Männern, bei vielen Bischöfen Entrüstung auslösen. Es wird immer wieder versucht, freie Diskurse abzuwiegeln und autoritativ zu unterbinden. Dadurch machen manche Kirchenfürsten das Christentum kleiner als es sein könnte. Denn gerade der christliche Glaube hat ja eine besondere Nähe zum Wort. „Prope est verbum“, nahe ist dir das Wort, heißt es im Römerbrief. Deswegen lohnt es sich, in der Kirche auf der Freiheit des Wortes zu bestehen.

Viele Menschen sprechen der Kirche die gesunde Urteilskraft ab. Man kann ihnen das nicht verübeln. 

Ist die Kirche eigentlich debattenscheu? Es gibt so viele Themen, die Menschen zur Zeit umtreiben – von der Kirche hört man nicht viel dazu... 

Ich habe nicht den Eindruck, dass man wenig von der Kirche hört. Im Gegenteil: Man hört unglaublich viel von den großen Kirchen in Deutschland. Beide Konfessionen haben zu jedem Thema irgendetwas Offizielles und Bedeutungsschweres zu sagen. Genau das ist das Problem: Sittliche Urteilskraft wird dem Individuum kaum noch zugetraut, weshalb man ihm eine gütige Leitung durch die heilige Institution angedeihen lässt. Das Ergebnis ist, zumindest auf katholischer Seite, ein Regelungswahn, der mit dem Alltag der meisten Menschen nichts mehr zu tun hat. 

Zum Beispiel? 

Nehmen Sie nur den Bereich der Sexualmoral. Da hat die katholische Kirche ganz detaillierte Vorstellungen, was wie zu laufen – und vor allem: nicht zu laufen – hat. Durch manche aus der Zeit gefallenen Abstrusitäten wird das, wozu das Christentum wirklich etwas Sinnvolles sagen könnte, nämlich zu Fragen der Beziehungsethik, kaum noch wahrgenommen. Viele Menschen sprechen der Kirche die gesunde Urteilskraft ab. Man kann ihnen das nicht verübeln.

Sie haben einmal geäußert, die Kirche sei „geprägt vom Misstrauen gegenüber dem Handeln des Einzelnen“. In wieweit gibt es denn überhaupt eine Herzensnähe gegenüber den Menschen? 

„Herzensnähe“ ist ein schönes Wort. Viele Pfarrer oder Menschen, die in Gemeinden oder in sozialen Einrichtungen tätig sind, bemühen sich genau um diese Herzensnähe. Dabei gelingt oft Großartiges im Kleinen. Auch das ist die Kirche.

Sie sagten einmal, es gäbe ein „Demokratiedefizit in den Religionen“. Was meinen Sie damit genau? 

Offenbarungsreligionen behaupten, über ein Sonderwissen zu verfügen, das ihnen angeblich von Gott mitgeteilt worden sei. Dieses Sonderwissen enthält oft auch Regelungen für den sozialen Bereich und dient vor allem der Legitimation einer Hierarchie, die meint, ihr Handeln nur noch vor Gott selbst rechtfertigen zu müssen. In einem solchen Denkrahmen sind Partizipation oder Machtkontrolle schwierig. Daraus ergeben sich Demokratiedefizite.

Können Sie ein Beispiel nennen? 

Schauen Sie sich nur die katholische Kirche an. Sie wird von Menschen geleitet, die beanspruchen, dass Gott sie persönlich in ihre Ämter berufen habe. Dieses Selbstbewusstsein der Gottberufenen macht ein offenes Gespräch nicht gerade leicht, da ja immer schon klar ist, auf welcher Seite der liebe Gott steht. Ich sage ja nicht, dass die Kirche eine Kopie des Staates werden sollte. Aber es haben sich in den westlichen Demokratien nun einmal Standards herausgebildet, hinter die Institutionen nicht zurückfallen sollten, wenn sie als gerecht und gut wahrgenommen werden wollen. Dazu gehören etwa die Gleichheit der Geschlechter, eine effektive Machtkontrolle oder garantierte Rechtssicherheit. Von diesen Standards sollten sich auch die Religionen nicht völlig abkoppeln. 

Kann die Kirche die Demokratie mehr stärken? 

Selbstverständlich. Es klafft eine gewaltige Lücke zwischen dem, was etwa die katholische Kirche nach außen einfordert, und dem, was sie nach innen hin praktiziert. Das Verhältnis zwischen Christentum und Demokratie ist historisch schwer belastet. Aber daran, dass die beiden großen Kirchen nach außen eine Stütze des demokratischen und auch säkularen Verfassungsstaates sein können, haben sie zumindest in der Geschichte der Bundesrepublik keinen Zweifel gelassen. Seit 1945 haben die Kirchen Wichtiges für dieses Land und seine Gesellschaft geleistet.

»„Gehorche keinem“. Das ist kein billiger Aufruf zur Anarchie, sondern eine Aufforderung zum Denken.«

Sie sprachen von Werten – welche Werte sind Ihren Studentinnen und Studenten heutzutage wichtig? 

Eine gute Frage (überlegt lange). Das kann ich gar nicht so pauschal sagen, vor allem, weil ich in der sogenannten „Wertediskussion“ gar nicht verstehe, was der Begriff „Wert“ genau bedeuten soll. 

Hat sich irgendetwas verändert, seitdem Sie studiert haben? 

Das ist ja noch nicht so lange her.... 

Manchmal wirken junge Leute ja heute etwas mainstreamartig, wenig rebellisch. 

Das kann ich mir so allgemein nicht zu eigen machen. Bei manchen Studierenden beobachte ich tatsächlich eine gewisse Autoritätsgläubigkeit: Wenn der Professor das sagt, dann muss das so sein. Viele Studierende nehmen sich aber auch das Motto zu Herzen, das in großen Lettern über der Universitäts- und Landesbibliothek in Münster prangt: „Gehorche keinem“. Das ist kein billiger Aufruf zur Anarchie, sondern eine Aufforderung zum Denken. Denn Einsicht, die nur auf Gehorsam gegenüber anderen beruht, ist kein Wissen, sondern bloßes Glauben oder Meinen. Wer also wirklich etwas wissen will, kommt um eigenständiges Denken nicht herum. Das setzt einen auch in Beziehung zu anderen, die an ähnlichen Fragen „herumdenken“. Der institutionelle Ort dieser Beziehungen sollte die Universität sein, eine Gemeinschaft von Menschen, die versuchen, etwas zu verstehen. Teil dieser Beziehung ist dann die Auseinandersetzung um das beste Argument. Damit wären wir wieder beim Debattieren.

Ist die Freude an der Debatte etwas, was Sie bei Ihren Studierenden beobachten? 

Ja. 

Gibt es etwas, was Sie Ihren Studierenden auf ihrem beruflichen Weg oder als Lebensbotschaft mitgeben möchten? 

Für die Übermittlung von „Lebensbotschaften“ sehe ich mich nicht zuständig. Ich bin schon glücklich, wenn mir eine passable Vorlesung gelingt. Ich will keine Lebensbotschaft vermitteln, sondern einen Habitus. Das Studium ist voll von Details, die von den Studierenden später kaum einer beruflich gebrauchen kann. Wer sich darüber ärgert, hat aber den Sinn eines geisteswissenschaftlichen Studiums nicht verstanden. Es geht darum, sich einen Zugang zum Ganzen durch die beharrliche Arbeit am Fragment zu erarbeiten. Dabei kommt es langfristig weniger darauf an, dass ich das einmal erworbene Detailwissen bewahre, sondern dass mir der Habitus nicht verloren geht, in dem ich mich Unbekanntem nähere und mir Neuland erschließe. 

Sie selbst gehen mit vielen Themen kritisch um – zu kritisch, um eine Karriere wie Joseph Ratzinger anzustreben, der „uns“ zum Papst machte? 

Ich habe nie zu dem Wir-Kollektiv gehört, das meinte, es sei Papst. Und auch sonst habe ich auf solche Ämter keine Lust. Ich wollte Professor werden und bin Professor geworden. Das reicht völlig.

Der Exzellenzcluster Religion und Politik an der Universität Münster, zu dessen Vorstand Sie gehören, darf erneut mit einer Förderung durch die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder rechnen. Was tun Sie genau? 

Am Exzellenzcluster Religion und Politik forschen etwa 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 verschiedenen Disziplinen und 14 Nationen. Historiker, Juristen, Sozialwissenschaftler und auch einige Theologen denken gemeinsam über „Dynamiken von Tradition und Innovation“ nach. So heißt unser neues Forschungsprogramm. Das ist ein faszinierendes Thema. Denn Innovation geschieht in den Religionen ja oft durch den Rückgriff auf Tradition. Denken Sie nur an die katholische Kirche: Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil hat sie Ideen wie die Religionsfreiheit harsch verurteilt. Auf dem Zweiten Vaticanum wurde dann gelehrt, die Religionsfreiheit gehöre zur Würde der menschlichen Person. Man hat im Nachgang des Konzils so getan, als ob diese Idee in der kirchlichen Tradition schon immer angelegt gewesen sei, weil man die eigentlich bahnbrechende Neuerung gar nicht als Innovation ausgeben, sondern als Rückgriff auf die „wahre“ Tradition verkaufen wollte. Das zeigt, was für eine volatile Konstruktion die Rede von „der“ Tradition eigentlich ist. Die Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonfiguration religiöser Traditionen ist ein theologisch wie auch sozialwissenschaftlich interessanter Vorgang.

»Die Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonfiguration religiöser Traditionen ist ein interessanter Vorgang.«

Haben Sie ein Herzensthema, über das Sie mehr wissen möchten? 

Ganz viele. Neben dem Exzellenzcluster arbeite ich auch am Sonderforschungsbereich „Kulturen des Entscheidens“ mit und beschäftige mich im Zuge des neuen Antrags gerade mit Theorien des Entscheidens im Bereich der Glaubenslehre. Und mein im Frühjahr 2018 erschienenes Buch „Dogma im Wandel“, das beschreibt, wie zu verschiedenen Epochen die Phänomene des Wandels und der Entwicklung theologisch gedeutet wurden, lässt mich erst einmal nicht los. Es wird gerade ins Englische, Französische, Italienische und Spanische übersetzt. Alle diese Übersetzungen schaue ich mir vorab an und bekomme dabei unzählige Ideen, was ich alles noch zu dem Thema hätte sagen können… 

Sind Sie gern katholisch? 

Ja. 

Sie sind auch Priester, warum haben Sie sich dafür entschieden? 

Weil es als Christ meine Form der Nachfolge Jesu ist.

Was tun Sie in Ihrer freien Zeit am liebsten? 

Ich lese gern. Aber nur mit Fachtexten würde ich ästhetisch vertrocknen. Daher ist schöne Literatur für mich sehr wichtig. Bei der Bücherwahl zeigt sich meine frankophone Seite. Meine Mutter ist ja Französin. Der Roman, der mich bisher in meinem Leben am meisten beeindruckt hat, ist Stendhals "Le Rouge et le Noir". Von den jüngeren deutschen Autoren fasziniert mich vor allem Thomas von Steinaecker, der die Gegenwart sprachlich so präzise einfängt wie kein anderer. 

Gibt es noch ein Hobby? 

Ich habe ein kurioses Hobby, das zu praktizieren nur in Maßen ratsam ist: Bartendering. In Boston, wo ich eine Zeitlang gelehrt habe, ist eine Freundschaft zu einem Kollegen entstanden, der nicht nur ein begnadeter Wissenschaftler, sondern auch ein Experte auf dem Gebiet von Cocktails ist und sich vor allem mit Scotch auskennt. Diese Leidenschaft ist auf mich übergegangen. Wir besuchen gemeinsam immer wieder Kurse bei bekannten Bartendern in England und den USA. 

Das klingt ja richtig nach Spaß haben... 

Klar! 

Das Interview führte Rena Beeg, newskontor, für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Über Jugend debattiert 

Jugend debattiert bringt bereits in der Schule jungen Menschen die Debatte näher: Im Unterricht und in einem bundesweiten Wettbewerb lernen sie, wie und wozu man debattiert, entwickeln ihre Persönlichkeit weiter und üben den Austausch von Argumenten. 

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