Der Reiz des Unbekannten

Dr. Robin Wagener, Fellow des Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience, über seinen Weg in die Hirnforschung, seine aktuelle Arbeit und die Voraussetzungen für exzellente Wissenschaft.

"Gute Forschung braucht vor allem viel Zeit"

Was hat Sie dazu bewegt, in die klinische Hirnforschung zu gehen? 

Die Faszination für die Hirnforschung kam bei mir über den Reiz des Unbekannten. Nach dem Studium der Humanmedizin hatte ich mehr - und nicht weniger - Fragen an die Hirnforschung. Ich habe mich lediglich in der Lage gefühlt, präzisere Fragen zu stellen.
Auch heute noch finde ich es beeindruckend, welche scheinbar einfachen Fragen in der Hirnforschung noch offen sind. Einerseits kann das enttäuschen, andererseits gibt es auf unserem Feld aber auch noch richtig etwas zu entdecken, das finde ich sehr attraktiv.
Der Wechsel von der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung in die klinische Hirnforschung kam bei mir dann ganz natürlich. In der klinischen Hirnforschung vermischen sich meine Interessen an den grundlegenden Funktionsmechanismen des Gehirns und der Wunsch nach dem besseren Verständnis von Krankheitsprozessen. 

Einfach erklärt: Woran arbeiten Sie momentan? Was wollen Sie damit erreichen? 

Ich interessiere mich vor allem für die Ursprungszellen von Hirntumoren, also die Zellen, welche den Tumor initial bilden und auch das Tumorwachstum nach erfolgter Therapie erneut starten. Diese Zellen nennen wir Tumorstammzellen. Dabei interessieren mich die Parallelen zur normalen Hirnentwicklung. Tumorstammzellen erfinden das Rad nicht neu, sondern machen sich viele Mechanismen zu eigen, die auch in der regulären Hirnentwicklung eine Rolle gespielt haben.

"für exzellente Forschung braucht es Mut und eine ganzheitliche, große, langfristige Perspektive."

Auf zellulärer Ebene handelt es sich also in nicht unerheblichem Umfang um ein Wiedererlangen von Fähigkeiten, welche die Zellen im erwachsenen Gehirn eigentlich nicht mehr haben sollten. Ich hoffe im Rahmen meiner Arbeit Mechanismen zu finden, mit denen man das Wiedererlangen der z.B. Wachstums- und Expansionsfähigkeit von Tumorstammzellen zu therapeutischen Zwecken stören kann.

Welche Rahmenbedingungen sind Ihrer Meinung nach für exzellente Forschung notwendig? 

Vor allem braucht gute Forschung viel Zeit. Insbesondere als auch klinisch tätiger Arzt erscheint mir die Zeit ein besonders kostbares Gut. Ansonsten ist die ausreichende Finanzierung sicher ein wesentlicher Faktor, aus dem sich viele andere Faktoren ergeben (Geräteausstattung, Personalmittel etc.). An dieser Stelle profitiere ich sehr von der Förderung durch die Hertie-Stiftung. Zunehmende Bedeutung hat ganz aktuell sicher auch die Möglichkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit. Als Einzelkämpfer kann man auf unserem Wissenschaftsfeld heute kaum noch bestehen.

Wann bzw. wo haben Sie die besten Ideen? 

Das ist leider nicht so spektakulär, wie man denkt oder hofft. Einen Heureka-Moment habe ich eher selten. Mir kommen die Ideen meistens bei der sorgfältigen Literaturrecherche, also beim Lesen der Veröffentlichungen meiner Kollegen. In der Wissenschaft ist es nicht unüblich, dass die Beantwortung einer Frage drei weitere Fragen aufwirft.

Was möchten Sie während Ihrer Zeit im Hertie Network noch erreichen oder erleben?

Im klinischen Alltag sehe ich täglich die dringende Notwendigkeit von besseren Behandlungsoptionen für Hirntumorpatienten. Mit meiner klinischen, vor allem aber auch mit meiner wissenschaftlichen Arbeit hoffe ich, dazu einen Beitrag zu leisten.

Welche Wissenschaftlerin/welchen Wissenschaftler aus Vergangenheit oder Gegenwart würden Sie gerne einmal treffen und warum? Oder lieber jemand anderes, außerhalb des Wissenschaftskosmos?

Auf wissenschaftlicher Ebene ist die persönliche Begegnung mit Vorbildern zum Glück erstaunlich einfach und ich habe schon viele inspirierende Kollegen getroffen, darunter Träger des Leibniz- und sogar des Nobelpreises. 
Bei Wissenschaftlern aus der Vergangenheit fallen mir die Pioniere der Neurowissenschaften ein: Klar würde ich gerne mit Ramón y Cajal (einem der Begründer der modernen Neurowissenschaften) einen Tag am Mikroskop verbringen.
 

Haben Sie ein Motto/einen Vorsatz?
Nicht wirklich, aber ich verstecke mich gerne hinter folgendem Zitat: „If the human brain were so simple that we could understand it, we would be so simple that we couldn`t.” (Emerson M. Pugh)

Der perfekte Tag – wie sieht der für Sie aus?

Auf jeden Fall fängt er mit Kaffee an.

Was ist Ihr liebstes Brainfood?

Kaffee.
 

Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience bilden ein einzigartiges Netzwerk zur Förderung der klinischen Neurowissenschaften.

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