Impfung gegen MS

Prof. Thomas Korn, einer der beiden Standortsprecher für München im Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience, über eine neue Studie, die eine Immuntolerisierungsmethode zur Behandlung der Multiplen Sklerose untersucht. 

"Die jetzt veröffentlichte Studie belebt die Diskussion einer 'Impfung gegen MS'"

Am 8. Januar 2021 ist ein Artikel im renommierten Wissenschaftsmagazin Science erschienen, der in vorklinischen Modellen der Multiplen Sklerose eine Immuntolerisierungsmethode untersucht, welche auf einem mRNA-Impfstoff basiert. Uğur Şahin, Gründer der Firma BioNTech , die einen nun zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen Sars-CoV2 entwickelt hat, ist der Senior-Autor dieser Studie.

Die Studie ist ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung einer zielgerichteten Immuntherapie von Autoimmunerkrankungen wie zum Beispiel der Multiplen Sklerose. Durch eine sogenannte Bystander-Suppression verspricht die Methode wirksam zu sein, auch wenn das krankmachende Zielantigen nicht genau bekannt ist. 
 

1. Wie realistisch ist die Übertragbarkeit der Studie auf den Menschen?

Die jetzt veröffentlichte Studie, in einem relevanten Tiermodell der Multiplen Sklerose, belebt die Diskussion einer "Impfung gegen MS". Allerdings sind eine Reihe von Fragen zu klären, bevor an den Einsatz dieses Therapie-Prinzips beim Menschen gedacht werden kann: Beispielsweise muss mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden, dass die Impfung nicht selbst eine Autoimmunreaktion im Zentralnervensystem auslöst. Weiterhin ist nicht klar (und wurde in dem vorliegenden Artikel auch nicht untersucht), wo genau im Körper bestimmte Immunzellen (Treg Zellen), die bei dem Prozess der Unterdrückung von Autoimmunität eine wichtige Rolle spielen, eigentlich ihre Wirkung entfalten. Wirken sie im lymphatischen Gewebe, oder müssen sie in das Zentralnervensystem wandern? Schließlich bleibt zu untersuchen, wie lange die durch eine einmalige Impfung im Körper erzeugten Treg Zellen verfügbar bleiben.
Die Beantwortung dieser Fragen wird Zeit in Anspruch nehmen und verschiedene experimentelle Modelle erfordern.

"Man sollte hier nicht zu kurzfristig denken - eher in einem Zeitraum von 10 Jahren."

2. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die mediale Diskussion rund um die schnelle Entwicklung und Einführung des Sars-CoV2-Impfstoffes sowie der Fokus auf das Mainzer Unternehmen BioNTech bei der Veröffentlichung dieser Studie?

Die mediale Diskussion um das Prinzip der mRNA-Impfung, die bei Sars-CoV2 erfolgreich zu sein scheint, mag bei der Publikation dieser Ergebnisse in Science eine gewisse Rolle gespielt haben. Es handelt sich bei der hier angewandten Methode rund um die Treg-Zellen um ein altbekanntes Prinzip der Immunintervention. Dennoch könnte dieses Prinzip nun durch eine neue Technologie wieder aufgegriffen und vielleicht zum Erfolg geführt werden, was aus wissenschaftlicher Sicht nur zu begrüßen ist.

3. Können Sie grob einschätzen, welcher wissenschaftliche Zeithorizont für eine mögliche Impfung gegen MS realistisch wäre?

Solche Einschätzungen sind schwierig. Aber gemessen an den oben genannten Herausforderungen sollte man hier nicht zu kurzfristig denken - eher in einem Zeitraum von zehn Jahren. Es ist auch zu berücksichtigen, dass wir über die Therapie einer Form der MS reden, für die wir bereits über eine Reihe wirksamer und gut verträglicher therapeutischer Interventionen verfügen, so dass der "Entwicklungsdruck" einer solchen Impfstrategie in keiner Weise mit der Sars-CoV2-Situation vergleichbar ist.

Bei diesem Textbeitrag handelt es sich um ein  schriftliches Interview mit Prof. Dr. Korn.

Hertie Network & Academy

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience fördern und vernetzen exzellente Neurowissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler. Das Netzwerk setzt sich aus sechs deutschen Spitzenstandorten zusammen, die sich durch eine enge Zusammenarbeit der neurologischen Universitätsmedizin mit grundlagenwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen auszeichnen. 

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