„Meine Patienten zeigen mir jeden Tag, was wirklich zählt im Leben“

Ein Interview mit der Neuroonkologin Prof. Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai über den Spagat zwischen Klinik und Forschung, neue Ansätze in der personalisierten Therapie – und warum ihre Arbeit sie auch immer wieder mit Demut erfüllt.

Ghazaleh Tabatabai ist Professorin für Neuroonkologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen und leitet die Sektion Neuroonkologie am Universitätsklinikum Tübingen und am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH). Mit ihrer Forschungsgruppe befasst sich die Ärztin mit biologischen Grundlagen von Hirntumoren: „Wir suchen nach Möglichkeiten, um zu verstehen, warum und woran herkömmliche Therapieansätze scheitern. Zudem wollen wir zielgerichtete individualisierte Therapieformen für unsere Patienten entwickeln“. 

Wichtige klinische Impulse soll dabei das seit gut zwei Jahren etablierte sogenannte Molekulare Tumor Board (MTB) Tübingen am Zentrum für Personalisierte Medizin (ZPM) geben. Das ZPM ist ein fakultätsübergreifender Zusammenschluss mehrerer Institute und Kliniken, deren Expertinnen und Experten neue personalisierte Therapieansätze entwickeln. Für die Neuroonkologin ist das ein wichtiger strukturbildender Schritt, um die Behandlungsmöglichkeiten für Hirntumorpatienten weiter zu optimieren – und eine Herzensangelegenheit.

Prof. Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai, Foto: Haller

Sie arbeiten mit Patienten, aber auch in der Forschung – wie muss man sich Ihren typischen Arbeitstag vorstellen? 

Der ist zum Glück niemals ein Nullachtfünfzehn-Tag und jedes mal anders. Im Vordergrund steht zunächst die klinische Arbeit, also Visite, Ambulanz, Patientenkonferenzen und ggf. auch Telefonate mit Kolleginnen und Kollegen. Als Universitätsklinikum haben wir zudem den Auftrag, Therapieoptionen ständig zu erweitern, und das passiert durch Forschung. Klinische Studien machen aus diesem Grund einen wichtigen Teil unserer klinischen Arbeit aus. Die grundlagenwissenschaftliche Forschung, z.B. mit Zellkulturen und anderen Modellen führen wir am HIH aus. Ich bin daher auch regelmäßig bei meinem Labor-Team am HIH. Die Lehre ist ein weiterer wichtiger Bestandteil meines Alltags, z.B. Vorlesungen oder Seminare oder auch die direkte Betreuung von Assistentinnen und Assistenten. Als Professorin fühle ich mich zudem natürlich verantwortlich dafür, zur Weiterentwicklung bestehender Strukturen und Aufbau neuer Elemente beizutragen, so dass Kommissionen und Gremienarbeit zu meinem Alltag dazugehören. Durch die Vielfalt der Aufgaben ist mein Arbeitsalltag also sehr abwechslungsreich und zugegebenermaßen manchmal auch recht lang.

Welche Rolle spielt das Molekulare Tumor Board dabei? 

Wenn Patienten nicht für klinische Studien geeignet sind, müssen wir sehen, wie wir ihre künftige Therapie gestalten. Deshalb haben wir 2016 das MTB in Tübingen auf den Weg gebracht. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss zwischen dem Comprehensive Cancer Center (CCC) Tübingen-Stuttgart und dem Zentrum für Personalisierte Medizin der Universität Tübingen. Hier sind viele Kliniken und mehrere Institute mit an Bord. Das Besondere ist, dass im MTB nicht nur Ärzte dabei sind, sondern auch Naturwissenschaftler, Bioinformatiker, Genetiker. Im MTB diskutieren wir gemeinsam wöchentlich die klinischen Daten und molekularen Befunde der Patienten, um die bestmögliche individuelle Therapieentscheidung zu treffen. 

Wie wird diese individuelle Therapie für den Patienten genau entwickelt? 

Ein Patient, bei dem zum Beispiel der Tumor trotz aller Standardtherapien weiterwächst und aus unterschiedlichen Gründen die meist sehr enggefassten Kriterien für eine klinische Studie nicht erfüllt sind, kann natürlich dennoch recht fit sein und einen großen Behandlungswunsch haben. Bei diesem Patienten stellen wir dann die Indikation für eine erweiterte molekulare Diagnostik. Die sieht aktuell so aus, dass wir ungefähr 750 Gene sequenzieren lassen, die für Vorgänge in der Tumorzelle relevant sind, z.B. um den Tumor leben und wachsen lassen. Sequenzieren bedeutet grob gesagt, dass die Erbinformationen sehr genau charakterisiert werden. Nach etwa drei bis vier Wochen bekommen wir den Sequenzierbefund, der allein kann uns ja aber nicht sagen, was wir nun machen sollen. Also wird der Befund im interdisziplinären MTB gemeinsam interpretiert und analysiert, und wir formulieren zusammen eine therapeutische Konsequenz. Haben wir bei unserem Patienten zum Beispiel mehrere genetische Veränderungen entdeckt, tauchen Fragen auf wie: Welche Veränderung können wir mit welchem Medikament behandeln? Was ist im Hinblick auf diese Mutation bekannt? Welche Mutation ist nun die wichtigere? Das alles wird im MTB besprochen und in einer gemeinsamen Diskussion auch darüber entschieden, ob man noch weitere Untersuchungen braucht, oder ob eine Therapieempfehlung ausgesprochen werden kann.

Prof. Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai im Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, Foto: Ingo Rappers

Es ist wichtig und relevant, dass sich im Molekularen Tumor Board so viele unterschiedliche Disziplinen treffen. 

Wie viele Ihrer Patienten bekommen eine Therapieempfehlung? 

Etwa 70-75 Prozent bekommen basierend auf der MTB-Diskussion eine Therapieempfehlung. Pro Woche werden im MTB Tübingen in etwa 10-20 neue Patienten besprochen. 

Das Molekulare Tumor Board wurde 2016 auf den Weg gebracht – leben die Patienten durch die Therapieempfehlungen länger? 

Eine spannende Frage, der wir im Rahmen von Forschungsprojekten nachgehen. Aber ich kann bereits sagen, dass wir durchaus Hirntumorpatienten haben, bei denen dieser Ansatz zu einer auch für mich überraschenden Stabilisierung geführt hat, wenn man die Situation mit dem Krankheitsstadium vergleicht, in dem sie sich einmal befunden haben. Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen, dass wir niemanden geheilt haben. Wir begreifen das MTB daher als ein ständig lernendes System. Bei einigen Patienten hatte ich das Gefühl, wir waren leider zu spät. Zu bedenken ist ja auch immer, dass die Krankenkassen unseren Konstenübernahmeantrag für die Therapie ja auch erst bearbeiten und genehmigen müssen bevor wir überhaupt die Behandlung beginnen können. Das ganze geht also nur Schritt für Schritt.

Die Patienten bekommen doch nur Medikamente, die auf dem Markt schon verfügbar sind. Was ist bei einer neuen Therapie anders? 

Ja, die Medikamente gibt es, aber sie haben manchmal eine Zulassung für eine andere Erkrankung. Wir haben zum Beispiel einen Patienten mit einem Glioblastom, einem bösartigen Hirntumor. Aber dann gibt es Veränderungen in diesem Tumor, die mit einem Medikament behandelt werden könnten, das gegen einen Nierentumor eingesetzt wird. Diese sogenannte Off-Label-Nutzung müssen wir dann bei der Krankenkasse beantragen. 

Da eröffnen sich ja völlig neue Welten ... 

Deshalb ist es so wichtig und relevant, dass sich im Molekularen Tumor Board so viele unterschiedliche Disziplinen treffen und austauschen und voneinander lernen. 

Was macht Ihnen mehr Spaß - die Arbeit am Patienten oder die Forschungsarbeit? 

Es gibt für mich kein entweder/oder, beides gehört für mich sehr eng zusammen, das eine geht für mich nicht ohne das andere. Bei der Forschung ist mir sowohl der klinische als auch der grundlagenwissenschaftliche Aspekt wichtig, weil man zum Beispiel mit einer Zellkultur andere Fragen untersuchen kann als mit Daten von Patienten. Aber die relevanten Fragestellungen für unsere Forschung ziehe ich immer aus der klinischen Arbeit, denn um die Patientinnen und Patienten geht es ja letztendlich. Dass unsere Forschung das Leben dieser Menschen verbessern kann, ist für mich der Sinn und der Antrieb, den meine Arbeit für mich ausmacht, und weswegen ich morgens antrete.

Ich kann gar nicht sagen, warum, aber auch in der Schule hat mich das Hirn bereits fasziniert.

Das klingt jetzt fast ein wenig philosophisch ... 

Mir geht es nun mal bei meiner Arbeit auch darum, etwas Sinnstiftendes zu tun. Ich möchte mit dem Potential, das ich in unserem Tun sehe, wirksam sein und wirklich etwas verbessern, was eine positive Veränderung im Leben der Patientinnen und Patienten nach sich zieht. Natürlich gelingt das ganz sicher nicht gleich heute oder morgen, aber im Großen und Ganzen. Daran würde ich den Erfolg meines Berufslebens messen. 

Wollten Sie schon immer Hirnforscherin werden? 

Ja! Das Gehirn war schon immer mein Ding. Ich kann gar nicht sagen, warum, aber auch in der Schule hat mich das Hirn bereits fasziniert. Dann habe ich in Düsseldorf Medizin studiert und schon im zweiten Semester Neuroanatomie war es mir klar, dass ich mich auf das Hirn spezialisieren werde.

Vielen Ihrer Patienten hoffen, kämpfen – und schaffen es dennoch nicht. Wie gehen Sie damit um? 

Es ist natürlich nicht leicht, mit diesen menschlichen Krisen zurechtzukommen, und einen Umgang damit musste ich auch erst lernen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für die Patientinnen und Patienten nicht wichtig ist, dass da einer steht, der ihnen sagt „wird schon alles gut, wir bekommen das hin“. Wichtig für sie ist, dass da jemand steht, der sagt: „wir sortieren, was wir an Wissen haben, gehen Schritt für Schritt weiter und stehen das gemeinsam durch.“ Was zählt ist die bedingungslose Bereitschaft, den Kampf gegen die Krankheit gemeinsam mit ihnen aufzunehmen - obwohl man weiß, dass man ihn langfristig verlieren wird. Diese immer wiederkehrenden Niederlagen bleiben nach wie vor für mich unendlich bitter und sind ein sehr starker Antrieb für meine Forschungsarbeit.

Was macht dieses menschliche Leid mit Ihnen?

Auch wenn wir wissen, dass wir leider oft nicht heilen können, können wir gemeinsam immer wieder Etappensiege erreichen – und die werden von unseren Patientinnen und Patienten als unglaublich wertvoll empfunden. Sie schätzen es, dass wir ihnen keine falschen Versprechungen machen und ehrlich sagen, wie die Situation ist – und gleichzeitig bereit sind, mit ihnen gemeinsam um jeden Etappensieg zu kämpfen. Wir bekommen viele überwältigende Rückmeldungen gerade zu diesem Punkt. Es entsteht eine ganz besondere Bindung und ein spezielles Vertrauensverhältnis zwischen uns, Patient und Angehörigen. Keine Frage: menschliches Leid erfüllt mich mit Demut. 

Wie tanken Sie für Ihre Arbeit auf? 

Meine Familie ist mein Anker, mein Mann und unsere siebenjährige Tochter. Mir ist es wichtig, abends nach Hause zu kommen, sie in die Arme zu nehmen und auch sonst möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen. 

Außerdem ist mir die Musik sehr wichtig - zum Geige- und Klavierspielen komme ich allerdings leider nur noch selten. Ich lese sehr gerne und bin sehr gern in der Natur. Ich bin sehr gern mit meinen Freunden zusammen und liebe jede gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden. 

Die Patientinnen und Patienten lehren mich jeden Tag aufs Neue, was wirklich relevant im Leben ist. In Gesprächen mit ihnen nehme ich teil daran, dass sie angesichts einer schweren Diagnose Bilanz ziehen und erkennen, was sie aus dieser Perspektive und quasi im Rückspiegel in ihrem Leben essentiell wichtig finden und manchmal auch bereuen oder vermissen - natürlich auch diejenigen, die ein Leben lang beruflich äußerst erfolgreich waren. Ich finde es immer wieder bemerkenswert, dass die meisten in dieser Bilanzierung zur Erkenntnis kommen: Am Ende zählen menschliche Beziehungen und lebendige Momente, nicht die Trophäen.


Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen ist eines der bundesweit größten und modernsten Zentren zur Erforschung neurologischer Erkrankungen. Es wurde 2001 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dem Land Baden-Württemberg, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ihrer medizinischen Fakultät sowie dem Universitätsklinikum Tübingen gegründet und 2004 eröffnet. Die Fördermittel der Hertie-Stiftung betragen mehr als 50 Mio. Euro.

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