Das Gleichgewicht finden

Welche Arten von Schwindel gibt es? Welche sind harmlos, welche gefährlich, und wie sind sie zu behandeln? Neurologe Prof. Thomas Brandt erklärt es im Interview. 

„Beim Schwindel kommt es auf die richtige Diagnose an“

Das Gefühl von Schwindel im Kopf kennt jeder. Oft handelt es sich um ein harmloses Symptom, aber manchmal steckt eine ernste neurologische oder auch psychische Erkrankung dahinter. Prof. Thomas Brandt ist Neurologe und Gründer des Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrums in München. Warum es so schwierig ist, die Ursache hinter dem Schwindel zu finden und weshalb 30 Prozent der Erwachsenen in großer Höhe schummrig wird, erklärt Prof. Brandt, der erste Inhaber der Hertie-Senior-Forschungsprofessur für Neurowissenschaften, im Interview.   

Wie viele Menschen sind von wiederkehrendem Schwindel betroffen?

Zunächst muss man sagen, dass Schwindel keine Krankheit ist wie Diabetes oder Bluthochdruck. Schwindel ist ein Symptom, das bei ganz unterschiedlichen Erkrankungen auftreten kann, wie zum Beispiel bei Krankheiten des Innenohrs, wo das Gleichgewichtsorgan sitzt, aber auch bei neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose (MS) oder einem Schlaganfall. In Zahlen lässt sich sagen, dass 13 Prozent aller Menschen, die in die Notaufnahme eines Krankenhauses kommen, den Schwindel als Leitsymptom haben, das ist neben Kopfschmerzen eines der häufigsten Symptome überhaupt.  

"Es ist ein Irrweg, einen Patienten, der mit einem Schwindel kommt, zum Orthopäden zu schicken."

Was sind die häufigsten Ursachen für Schwindel?

Eine grobe Einteilung würde lauten: 30 Prozent der Schwindelerkrankungen kommen vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr, 30 Prozent durch neurologische Erkrankungen und bei 30 Prozent handelt es sich um einen funktionellen Schwindel. Früher nannte man das psychosomatisch: Organisch ist alles gut, es liegen nur subjektiv Beschwerden vor. Diese Patienten würden nie zum Psychiater gehen, sondern immer zum Arzt ihres Symptoms. Am häufigsten glauben die Patienten ohnehin, dass der Schwindel von der Wirbelsäule kommt, das spielt aber gar keine Rolle. Es ist ein Irrweg, einen Patienten, der mit einem Schwindel kommt, zum Orthopäden zu schicken.

Warum ist es so schwierig, die Ursache hinter dem Schwindel zu finden?

Einerseits, weil der Schwindel interdisziplinär ist, also bei unterschiedlichen Erkrankungen auftauchen kann. Nur ist heutzutage kaum ein Arzt interdisziplinär ausgebildet, alle sind Experten ihres Faches. Das reicht aber oft nicht, um den Schwindel zuzuordnen. Die Symptome von Schwindelerkrankungen, die zum Beispiel durch Innenohrerkrankungen ausgelöst wurden, lassen sich von denen, die durch neurologische Erkrankungen wie MS oder Schlaganfällen entstanden sind, nicht sofort unterscheiden. Da muss man mehrere Disziplinen gelernt haben. Das war auch der Anlass für uns, am Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum eine interdisziplinäre Ambulanz aufzubauen, an der Experten aus Neurologie, HNO-Medizin, Psychologie und Physiologie tätig sind, immer in Kooperation mit der Kardiologie, Psychosomatik, Augenheilkunde und Kinderheilkunde. 

Wie sollte ich mich akut verhalten, wenn ich eine Schwindelattacke habe?

Zuerst sollte man die Schwindelattacke charakterisieren: Handelt es sich um eine Benommenheit, einen Drehschwindel oder ein Schwanken? Benommenheit kennen wir alle, wenn wir nach längerem Sitzen plötzlich aufstehen und uns schummrig im Kopf wird. Das ist sehr wahrscheinlich ein Blutdruckabfall, der ist völlig harmlos. Wenn aber ein heftiger Drehschwindel mit Fallneigung auftritt, mit Übelkeit und Erbrechen über Minuten oder Stunden, dann ist es etwas Ernsthaftes, dann sollte man unverzüglich einen spezialisierten Arzt aufsuchen. In der Klinik kann sehr schnell festgestellt werden, ob der Drehschwindel aus dem Gleichgewichtsorgan kommt oder aus dem Hirn. Die dritte Form, der Schwankschwindel, wird am häufigsten durch neurologische Erkrankungen des Hirnstammes und des Kleinhirns ausgelöst. Das sind zum Beispiel die Multiple Sklerose, kleine Schlaganfälle, aber auch degenerative Erkrankungen des Kleinhirns. Generell sollte eine Schwindelattacke immer von einem spezialisierten HNO-Arzt oder besser noch von einem Neurologen abgeklärt werden.
        
In die Deutsche Schwindelambulanz kommen Patientinnen und Patienten, denen bisher nicht geholfen werden konnte. Wie gehen Sie vor?

Zu uns kommen nur die „Fälle“, die bisher wegen ihres Schwindels bei einem HNO-Arzt oder einem Neurologen waren, aber keine Diagnose bekommen haben. Wir verstehen uns als interdisziplinäres Zentrum, unsere Mediziner sind in mehreren Fächern ausgebildet. Im Jahr sehen wir etwa 3500 neue Patientinnen und Patienten, natürlich auch Kinder. Zunächst versuchen wir durch Befragung und Untersuchung herausbekommen, was für eine Art von Schwindel vorliegt. Handelt es sich zum Beispiel um einen gutartigen Lagerungsschwindel, der übrigens am häufigsten vorkommt, behandeln wir sofort. Entdecken wir eine MS, überweisen wir zu einem Neurologen, der die Therapie beginnt. Jeder Patient wird mindesten drei bis vier Stunden untersucht und intensiv aufgeklärt. 

"Menschen glauben oft, Höhenschwindel sei ein rein psychisches problem. das stimmt aber nicht: Er ist ein angeborenes Vermeidungsverhalten."

Über 30 Prozent der Erwachsenen leiden unter Höhenschwindel, z.B. auf Brücken oder Türmen. Sie haben dazu geforscht. Was sind Ihre Ergebnisse?

Mich hat der Höhenschwindel immer interessiert, weil die Menschen oft glauben, er sei ein rein psychisches Problem. Nach dem Motto: „Reiß Dich zusammen, dann hast Du auch keinen Schwindel.“ Das ist aber nicht so. Menschen und Tiere haben ein angeborenes Vermeidungsverhalten, wenn es um Höhe geht. Wenn Sie Kleinkinder über einen Tisch krabbeln lassen, der eine massive Platte hat und plötzlich zum Glastisch wird, krabbelt das Kind nicht weiter, wenn es den Abgrund sieht. Das hat die Natur so vorgesehen. Zum Glück verschwindet der kindliche Höhenschwindel irgendwann. Bei Erwachsenen nicht. Nun könnte man den Betroffenen sagen, dass diese irrationale Angst vor der Höhe keinen Sinn macht. Aber das nützt nichts. Wir haben herausgefunden, dass Erwachsene, die einen Höhenschwindel haben, dazu neigen, die Muskulatur von Beinen und Nacken zu versteifen, ihr Blick friert förmlich ein. Deshalb glauben wir, dass diese Komplettversteifung ein angeborener Primitivreflex des Menschen ist, der bei Angst auftritt. Den finden Sie auch im gesamten Tierreich. Legen Sie einen Vogel auf den Rücken und er bewegt sich nicht mehr. Auslöser ist also immer die Angst, die Reaktion darauf ein angeborener Reflex, der bei manchen Menschen verstärkt ist. 

Welche Notfallmaßnahme hilft akut bei Höhenschwindel?

Das so genannte Dual Tasking. Betroffene sollten zum Beispiel beim Überqueren einer Brücke eine zweite Aufgabe übernehmen, wie das Lösen einer Rechenaufgabe oder das Aufzählen von Blumennamen. Das lenkt das Hirn ab und hilft. Goethe hatte übrigens auch Höhenschwindel und kurierte sich selbst durch eine Konfrontationstherapie: Mehrmals stieg er als Student auf den Kirchturm des Straßburger Münsters, bis sein Leiden verschwand.

Warum haben wir eigentlich im Flugzeug keinen Höhenschwindel?

Man sitzt und muss die Haltung nicht stabilisieren. Das Flugzeug wird in dem Moment von uns wie die Welt nachempfunden und man macht sich nicht klar, dass man da oben sozusagen ohne Seil und Absicherung herumfliegt. Das gibt Sicherheit. 

Sie haben eine Hertie-Senior-Forschungsprofessur in Neurowissenschaften inne, mit der die Hertie-Stiftung das herausragende Forschungspotenzial älterer Forschender ab 60 Jahren erhalten und fördern möchte. Welche Bedeutung hat die Senior-Professur für Sie und Ihre Arbeit? 

Ich habe im Jahr 2008 die Leitung der Neurologischen Klinik am Klinikum Großhadern in München (LMU) übergeben, da war ich 65 Jahre alt. Ich habe meine Arbeit gern gemacht, war über 30 Jahre Leiter von neurologischen Kliniken. Aber die Forschung war mir immer etwas sehr Wichtiges, deshalb habe ich, anstatt bis 67 weiterzuarbeiten, die Hertie-Senior-Professur angetreten, es war die Erste damals. Da hat die Hertie-Stiftung wirklich etwas ganz Tolles gemacht, was bis heute an vielen Universitäten kopiert wird.  Ich kann sagen: Ohne die Hertie-Professur hätte ich niemals die Aufgabe übernommen, beim Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Antrag auf ein Integriertes Forschungs-und Behandlungszentrum für Schwindel, Gleichgewichts- und Okulomotorikstörungen (IFB) zu stellen. Dafür hätte ich als Klinikleiter nicht die Zeit gehabt. Dann bekamen wir den Zuschlag und wurden über 10 Jahre mit 50 Millionen Euro gefördert. Danach haben wir es geschafft, dass das IFB zu einer eigenen klinischen Einrichtung der Medizinische Fakultät und des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) verstetigt wurde. Nur durch die Hertie-Stiftung ist dies möglich geworden. Genauso wie unser Projekt PoiSe, mit dem wir Schwindelpatienten besser versorgen wollen, und das vom Gemeinsamen Bundesausschuss mit 4,5 Millionen Euro gefördert wird. Und ich darf dort im Schwindelzentrum weiterarbeiten, das ist ja auch nicht üblich mit 77 Jahren. 

Sie werden in Fachkreisen und auch von Patienten und Patientinnen hochachtungsvoll „Schwindel-Papst“ genannt. Denken Sie mitunter ans Aufhören?

Nein. Natürlich könnte ich mir mein Leben bequem machen, aber ich arbeite aus Freude. Wenn es irgendwann sein sollte, möchte ich denkend und arbeitend untergehen und nicht auf einem Schiff im Liegestuhl. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.
 

Gehirn erforschen

Die Hertie-Stiftung stellt in ihrem Arbeitsgebiet „Gehirn erforschen“ die Funktionsweise des Gehirns und die Bekämpfung seiner Erkrankungen in den Mittelpunkt. Schwerpunkte bilden die Förderung klinischer Hirnforschung und Projekte im Bereich der Grundlagenforschung sowie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Darüber hinaus unterstützen wir neurowissenschaftliche Initiativen für innovative Forschungs-, Bildungs- und Kommunikationsformate.

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