Die Mutmach-Frau

Monica Lierhaus über ihren Kampf zurück ins Leben und ihre Arbeit als Botschafterin für die Schlaganfall-Hilfe.

Aufklären über den Schlaganfall

Monica Lierhaus kämpft sich nach ihrem HIrnaneurysma zurück ins leben. Als Botschafterin der Deutschen Schlaganfall-Hilfe will sie jetzt über den Hirn-Infarkt aufklären.

Seitdem vor 11 Jahren ein Aneurysma in ihrem Kopf platzte und gefährliche Hirnblutungen auslöste, kämpft sich die ehemalige „Sportschau“-Moderatorin Monica Lierhaus zurück ins Leben. Noch immer machen ihr körperliche Einschränkungen zu schaffen, wie sie auch nach einem Schlaganfall auftreten können. Deshalb hat sich die 50-Jährige entschieden, als Botschafterin der Deutschen Schlaganfall-Hilfe über den Hirn-Infarkt, der hierzulande 270.000 Menschen im Jahr trifft, aufzuklären. Ein Mutmach-Interview übers Fallen und den Frust, Fortschritte und Familienbande.           

Frau Lierhaus, wie starten Sie in den Tag, und wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?  

Eigentlich läuft es bei mir wie bei ganz normalen Menschen auch: Morgens dusche ich, mache mich fertig und gehe mit dem Hund raus. Danach erledige ich den Bürokram, bei dem mich zweimal die Woche auch mein Bruder unterstützt. Nachmittags mache ich dann die Therapien.  

Welche Therapien sind das? 

Ich bekomme zweimal in der Woche Osteopathie, zusätzlich Physiotherapie, Logopädie und Massagen. Die meisten Fortschritte spüre ich beim Sprechen. Aber auch mein Gang hat sich stabilisiert.   

Also geht es Ihnen gut? 

Ich habe kein Corona, und das ist in diesen Zeiten ja schon viel wert. Mir geht es also den Umständen entsprechend gut. Körperlich habe ich weiterhin Einschränkungen: Ich kann keine freien Treppen mehr gehen, weil mein Gleichgewichtssinn nicht mehr funktioniert, das ist etwas, was mich sehr belastet. Und ich brauche in vielen Dingen noch Hilfe. Ich kann mir zum Beispiel selbst keine Zöpfe mehr machen. Das kriege ich motorisch nicht mehr hin. Ich habe ein Taubheitsgefühl in der linken Hand, meine Finger sind nach wie vor alle taub. Aber am meisten quälen mich die ständigen Rückenschmerzen, die durch Muskelverhärtungen entstanden sind. Ich kann deswegen nur sehr schlecht schlafen. Die Therapien lindern die Schmerzen zwar, können sie aber nicht ganz auflösen.  

Wie bewältigen Sie die Situation, was hilft Ihnen? 

Meine kleine Havaneser-Hündin Pauline hilft mir sehr. Sie ist ein Schatz und meine Seelentrösterin. Wenn Pauline nicht wäre, würde ich nicht so oft vor die Tür gehen und mich bewegen. Pauline ist immer da. Mit ihr teile ich meine Freude und auch die dunklen Momente, die es natürlich auch mal gibt. Und dann unterstützt mich noch meine wunderbare Familie, also meine Schwester Eva, mein Bruder Tommy und meine Mutter. Ohne meine Familie hätte ich es niemals so weit gebracht, sie ist das absolut Wichtigste für mich. Mir tun die Menschen leid, die keine Familie und keine Freunde haben. 

Die Symptome, die Sie beschreiben ähneln denen, die nach einem Schlaganfall auftreten können. Sie hatten aber ursprünglich keinen Schlaganfall, oder? 

Nein, hatte ich nicht. Bei mir ist 2009 ein Aneurysma im Hirn entdeckt worden. Es sollte entfernt werden, und ist dann während der OP geplatzt. Dadurch kam es zu Hirnblutungen. Ich lag vier Monate im künstlichen Koma. Als ich aufwachte, fühlte ich mich wie eine lebende Leiche. Ich musste alles wieder lernen, Sprechen, Gehen, alles.  

Wie haben Sie von dem Aneurysma erfahren? 

Ich wollte mir eigentlich die Augen lasern lassen, aber hinter meinem linken Ohr spürte ich immer so ein Pochen. Ich konnte kaum schlafen deswegen. Ein befreundeter Arzt riet mir, vor dem Laser-Eingriff den Kopf untersuchen zu lassen. So wurde das Aneurysma entdeckt, und das Ganze nahm seinen Lauf.  

Warum engagieren Sie sich als Botschafterin für die Schlaganfall-Hilfe? 

Ich möchte Menschen, die mit ähnlichen Symptomen zu kämpfen haben, Mut machen und sie motovieren, nicht aufzugeben. Auch wenn direkt nach einem Schlaganfall alles ausweglos scheint, ist es das nicht. Mit kleinen Schritten stellen sich nach und nach Verbesserungen und Erfolge ein. Ob es das Sprechen ist oder das Gehen. Man braucht Geduld und viel Therapie und Training, aber es wird.  

Was ist Ihre Aufgabe als Botschafterin der Schlaganfall-Hilfe? 

Aktuell sitze ich in der Jury für den „Motivations-Preis 2020“, der unter dem Motto „Leben nach Schlaganfall“ steht. Ausgezeichnet werden Betroffene, die ein Vorbild für andere sind, weil sie nach dem Schlaganfall nochmal neu durchgestartet haben, zum Beispiel mit einem Hobby, einem beruflichen Wechsel oder einem Ehrenamt. Und dann engagiere ich mich als Botschafterin der Schlaganfall-Hilfe auf öffentlichen Auftritten und in Interviews, um über dieses wichtige Thema zu informieren und aufzuklären.     

Sie sind wegen der Gleichgewichtsprobleme in der Vergangenheit immer mal wieder gestürzt, lagen schwer verletzt im Krankenhaus - wie gehen Sie mit Rückschlägen um? 

Der letzte Sturz ist zum Glück Monate her, da haben mich Fahrradfahrer direkt vor meinem Hauseingang über den Haufen geschmissen. Aber mittlerweile bin ich wieder ganz gut zu Fuß, ich bin deutlich stabiler geworden. Und natürlich mache ich weiter. Was wäre denn die Alternative? Aufgeben ist keine Option. Meine Urgroßmutter hat immer gesagt: „Haltung, Prinzessin, Haltung!“ Das ist das Preußische in mir, diese Disziplin und eine gewisse Zähigkeit. Ich denke, das macht es alles ein bisschen leichter.  

Sie sind am 25. Mai 50 Jahre alt geworden. Welche Pläne und Ziele haben Sie?  

Ich habe bisher für den Sender Sky regelmäßig Interviews mit Persönlichkeiten des Sports geführt, zum Beispiel mit Rudi Völler oder Tommy Haas. Wegen der Corona-Krise ist das momentan nicht möglich, aber ich würde gern weiter diese Interviews führen. Und ich möchte mich beruflich auch nochmal neu orientieren, indem ich Vorträge zum Thema Motivation halte. Ich bin gerade dabei, einige Vorträge auszuarbeiten. Das würde mir Spaß machen, anderen Menschen Mut zu machen, nicht aufzugeben. Nach einem Schlaganfall, aber auch sonst nicht.  

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

Experteninterview: Schlaganfall versus Aneurysma-Riss

1. Was passiert bei einem Schlaganfall im Vergleich zum gerissenen Aneurysma? 

Bei einem Schlaganfall kommt es in der Regel dazu, dass ein Gerinnsel eine gehirnversorgende Arterie verstopft und das betroffene Gebiet nicht mehr mit Blut versorgt. Typische Symptome sind: Halbseitige Lähmungen und Gefühlsstörungen, Sprachstörungen oder auch Sehstörungen. Reißt ein Aneurysma, also eine Aussackung einer hirnversorgenden Arterie durch Bindegewebsschwäche, kommt es zum Austritt von Blut in einen Raum zwischen den Hirnhäuten. Die Patienten erleben einen sehr starken, donnerschlagartigen Kopfschmerz, Nackensteife, bis hin zu Bewusstseinsstörungen.  

2. Warum haben manche Patienten nach einem gerissenen Aneurysma Symptome wie nach einem Schlaganfall, z.B. Lähmungen und Sprachstörungen? 

Weil das austretende Blut eines Aneurysmas einen Schlaganfall auslösen kann. Zum Beispiel wenn es sich bis ins Hirngewebe vorwühlt und dieses zerstört. Oder wenn schwere Blutungen die Gefäße so stark reizen, bis sie sich schließen. In beiden Fällen kommt es zu den bekannten Folgesymptomen eines Schlaganfalls. 

3. Wie werden Schlaganfall und Aneurysma therapiert? 

Ein Schlaganfall wird medikamentös behandelt, um das Gerinnsel aufzulösen und das geschlossene Gefäß wieder zu öffnen. Oder man versucht, das Gefäß mechanisch zu öffnen, indem das Gerinnsel über einen feinen Katheter herausgezogen wird. Bei einem Aneurysma nutzt man entweder das so genannte Clipping, bei dem die Aussackung mit einem Clip verschlossen wird, um sie von der Blutzirkulation abzutrennen. Oder man wendet das Coiling an. Dabei wird das Aneurysma mit Metallspangen (Coils) aufgefüllt, um den Blutfluss zu umgehen. Welche Therapie angezeigt ist, entscheidet der Einzelfall.  

Die Fragen beantwortete Prof. Ulf Ziemann, Neurologe und Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung.