Disneys „Findet Dorie“: Was Zuschauer beim erfolgreichsten Filmstart des Jahres über Gedächtnisstörungen lernen können

Presse
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17.10.2016

Der Disney-Film „Findet Dorie“ ist der erfolgreichste Kinostart des Jahres. Bereits über zwei Millionen Kinobesucher in Deutschland haben sich mit Dorie auf die Suche nach ihren Eltern gemacht. Doch warum ist der Doktorfisch so vergesslich? Diese Frage beantwortet der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Michael Madeja, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, die führende Forschungszentren für Neurowissenschaften aufgebaut hat.

In dem Kinofilm „Findet Dorie“ macht sich die vergessliche Dorie auf die Suche nach ihren Eltern. Sehr häufig kann sie sich dabei nicht mehr an das erinnern, was unmittelbar zuvor passiert ist.  

Prof. Madeja, woran leidet Dorie?
Es handelt sich zum einen um eine Kurzzeitgedächtnisstörung. In einer Szene wird das ganz deutlich: Dorie redet mit zwei Fischen, dreht sich kurz weg und als sie die beiden Fische wieder ansieht, spricht sie sie so an, als wären sie völlig unbekannt für sie. Sich etwas über so kurze Zeiträume zu merken, erfolgt im Gehirn über ein System, das wir Kurzzeitgedächtnis nennen. Hier hat Dorie offensichtlich eine schwere Störung. 


Die Charaktere im Film sind ja alle sehr menschlich angelegt. Gibt es so eine Störung des Kurzzeitgedächtnisses auch bei Menschen?
Diese extreme Störung gibt es beim Menschen, wenn auf beiden Seiten der Hippocampus ausfällt, das ist ein besonderer Teil der Hirnrinde. Menschen, die mit einer beidseitigen Hippocampussklerose, also einer Schädigung beider Hippocampi, geboren werden, haben schwere Gedächtnisstörungen und die Entfernung beider Hippocampi führt zum vollständigen Verlust des Kurzzeitgedächtnisses.  


Was ist die Ursache von Gedächtnisstörungen?
Grundsätzlich werden Gedächtnisinhalte dadurch gespeichert, dass elektrische Impulse in einem Netzwerk von miteinander verbundenen Nervenzellen kreisen. Mit der Gedächtnisbildung werden diese Verbindungen verbessert und so das Nervenzellnetz für längere Zeit oder sogar dauerhaft stabilisiert. Doch das sind komplizierte Prozesse, da kann viel schiefgehen.  
 
Bruchstückhaft kehren bei Dorie Erinnerungen an ihre Kindheit zurück. Hat sie denn auch eine Störung des Langzeitgedächtnisses?
Zweifellos. Aber wenn sie sich gar nichts für kurze Zeit merken könnte, würde sie auch kein Langzeitgedächtnis bilden können, also Erinnerungen speichern für etliche Minuten bis viele Jahre. Dorie kann sich aber an viele lange zurückliegende Dinge erinnern, wenn auch nicht an alles, was für Gesunde normal wäre.

Warum hat Dorie eine Gedächtnisstörung? Ist sie damit geboren worden?
Zumindest die Störung des Kurzzeitgedächtnisses dürfte bei Dorie ab der Geburt vorhanden gewesen sein. Genetische Ursachen, aber auch Geburtsschäden, also beispielsweise Sauerstoffmangel bei der Geburt, können zu einer Hippocampussklerose führen. Bei Dories Störungen des Langzeitgedächtnisses ist dagegen ein psychisches Trauma wahrscheinlicher, also das Vergessen aufgrund eines schockierenden Erlebnisses, hier wohl der plötzliche Verlust der Eltern.  


Können sich Erinnerungslücken im Laufe der Jahre verändern, größer oder auch kleiner werden? Ja, das ist sogar die Normalität bei allem Erinnern. An einem Tag fällt einem plötzlich der Name eines Schauspielers nicht ein, am Tag darauf ist er wieder da. Das dürfte damit zusammenhängen, dass zum Zugriff auf den Gedächtnisspeicher eine Reihe anderer Systeme des Gehirns – vor allem aus dem Kognitionsbereich wie Aufmerksamkeit und Wachheit – richtig aktiviert sein und zusammenarbeiten müssen, damit Erinnern funktioniert. Bei Dorie sind die Wechsel der Gedächtnisleistungen aber extrem stark.

Ist die Gedächtnisstörung von Dorie behandelbar, könnte man Dorie helfen?
Störungen des Kurzzeitgedächtnisses durch Schädigungen der Hippocampi sind nicht heilbar. Zumindest jetzt noch nicht, da der therapeutische Zellersatz noch nicht gut genug funktioniert. Beim Vergessen aufgrund von psychischen Traumata kann man durch Psychoanalyse und andere Psychotherapien viel erreichen. Und so verliert Dorie ja auch einen Teil ihrer Langzeitgedächtnisstörungen durch die Hilfe ihrer Freunde. Bei ihrem schwachen Kurzzeitgedächtnis kann Dorie nur üben, um das Wenige, was sie an Gedächtnispotenzial hat, optimal zu nutzen.  


Wie realistisch ist der Film?
Die Kombination der Gedächtnisstörungen gibt es so nicht. Der Wechsel zwischen teilweise hervorragenden Kurzzeitgedächtnisleistungen und komplettem Versagen bei Dorie ist mehr durch einen guten filmischen Spannungsbogen als durch eine realitätstreue Abbildung einer echten neurologischen Störung bestimmt. 
 
Können Fische überhaupt Gedächtnisstörungen haben?
Fische haben wie die allermeisten Tiere Gedächtnisfunktionen in ihrem Nervensystem. Wesentliche Prinzipien der Gedächtnisbildungen hat man bei einer Wasserschnecke untersucht, also in einem ganz primitiven Nervensystem. Das Gedächtnissystem ist bei Fischen mit ihren vergleichsweise kleinen Gehirnen aber noch wesentlich einfacher als beim Menschen. So hat Dorie auch keinen Hippocampus – das ist eine Erfindung des Säugetiergehirns. 


Prof. Dr. Michael Madeja (Jahrgang 1962) ist Hirnforscher, Arzt und Professor am Fachbereich Medizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Außerdem ist er Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der größten privaten Förderorganisation für Hirnforschung in Deutschland, die führende Forschungszentren in den Bereichen Multiple Sklerose, Parkinson- und Alzheimer-Erkrankungen aufgebaut hat. 


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