„Erschütternde Wahrheit“: Gehirnerschütterungen im Sport müssen auch in Deutschland ernst genommen werden

Presse
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18.02.2016

Filmstart von „Erschütternde Wahrheit“ am 18.02.2016 rückt Gefahren für Gehirnschädigungen im Sport in den Fokus – auch Fußball betroffen

Der in den USA bereits angelaufene Film „Erschütternde Wahrheit“ („Concussion“) hat in Nordamerika die Diskussion um Gehirnschädigungen im American Football intensiviert. Die Handlung des Films beruht auf den Forschungen des Neurowissenschaftlers Prof. Bennet Omalu, der bei ehemaligen American Football-Spielern in den USA starke Gehirnschädigungen (sog. Chronic Traumatic Encephalopathy, kurz CTE) gefunden hat. In Deutschland startet der Film am 18. Februar. Damit verbunden ist die Frage, ob es auch in Deutschland zu Gerhirnschäden im Sport kommt – insbesondere in Kontaktsportarten wie Eishockey, American Football, aber auch im Fußball.

Schon kleine Erschütterungen lassen Nervenzellen absterben
„Das Gehirn ist ein sehr empfindliches menschliches Organ. Deshalb ist es durch den Schädel und das Gehirn umgebende Flüssigkeit eigentlich gut geschützt.“, sagt Prof. Dr. Michael Madeja, Geschäftsführer und Leiter des Arbeitsgebiets Neurowissenschaften der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. „Die Forschungsergebnisse aus den USA liefern jedoch Indizien, dass häufige Schläge auf den Kopf – wie sie beispielsweise beim American Football der Fall sind – zu einer Neurodegeneration führen können“, erklärt Prof. Madeja., Autor des Buches „Das kleine Buch vom Gehirn – Reise durch ein unbekanntes Land“. „Deshalb sind auch Gehirnerschütterungen, bei denen man bislang keine sichtbaren Verletzungen des Gehirns findet, ernst zu nehmen.“

Forschung in Deutschland steht noch am Anfang
Auch hierzulande gibt es Forschungsarbeiten, die Indizien geben für einen Zusammenhang zwischen Hirnschädigungen im Sport und neurodegenerativen Erkrankungen, bei denen ein fortschreitendes Absterben von Nervenzellen im Gehirn zu Alzheimer-Demenz oder Parkinson führen kann. Dazu zählen die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Inga Koerte, Professorin für Neurobiologische Forschung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Frau Prof. Koerte untersuchte zwischen 2011 und 2013 in einer von der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung geförderten Studie Gruppen von Fußballspielern in Deutschland. Alle Spieler zeigten zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Symptome einer neurodegenerativen Erkrankung. Mithilfe von speziellen MRT-Methoden wie der MR-Spektroskopie konnte Prof. Koerte bei den Fußallspielern im Vergleich zu deren Kontrollgruppe Anzeichen für eine Veränderung in der Gehirnstruktur und im Gehirnstoffwechsel finden.

„In der Untersuchung von Fußballspielern konnten wir beobachten, dass es nicht explizit einer Gehirnerschütterung bedarf, um derartige Veränderungen in der Gehirnstruktur zu sehen “, sagt Prof. Koerte. Vielmehr könne bereits eine immer wiederkehrende Zahl kleiner Schläge auf das Gehirn zu Veränderungen führen. Prof. Koerte sieht eine Gefährdung im Amateurbereich noch stärker als im Profibereich: „Profisportler sind sehr gut trainiert und verfügen über eine stärkere Nackenmuskulatur als Amateursportler – dadurch können beispielsweise Fußballprofis einen Kopfball besser abfedern als weniger gut trainierte Fußballspieler.“

Fußball USA: Keine Kopfbälle für unter 10-Jährige
In den USA führte inzwischen eine Sammelklage von Eltern dazu, dass der US-Fußballverband Ende 2015 Regeländerungen für den Jugendfußball beschloss: Demnach sollten Spieler unter zehn Jahren den Ball überhaupt nicht mit dem Kopf spielen, Spieler zwischen elf und dreizehn Jahren sollten ausschließlich im Training Kopfbälle spielen.
Auch im American Football gibt es Anzeichen für besonders starke Schädigungen schon in jungen Jahren: In einer weiteren Untersuchung von Prof. Dr. Inga Koerte an American Football-Spielern wiesen insbesondere die Spieler, die bereits in jungen Jahren mit dem Sport begonnen hatten, deutliche Veränderungen der Mikrostruktur des Gehirns auf – vermutlich verursacht durch häufige Gehirnerschütterungen.
In den USA ist die medizinische Versorgung inzwischen darauf eingestellt: Sämtliche größere Kliniken verfügen über eine spezielle Sprechstunde für Gehirnerschütterungen, um größere Folgeschäden bei Betroffenen vermeiden zu helfen.

Forschung konzentriert sich auf frühzeitige Diagnose
Die Forschung konzentriert sich mit Blick auf neurodegenerative Erkrankungen, die durch häufige Kopferschütterungen im Kontaktsport verursacht werden können, derzeit vor allem auf das Auffinden geeigneter Biomarker, die einen Hinweis auf eine spezielle Schädigung oder Erkrankung liefern können. Denn bislang kann eine Diagnose der neurodegenerativen Erkrankung Chronic Traumatic Encephalopathy (CTE) nur post-mortem gestellt werden. Das Auffinden von Biomarkern ließe eine frühere Diagnose und damit eine frühzeitige Behandlung zu Lebzeiten zu.

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