Nico Hofmann im Interview

Der Zusammenhang zwischen gesellschaftspolitischer Verantwortung und Medizin ist offenbarer denn je. Nico Hofmann über seine Beweggründe, im Kuratorium der Hertie-Stiftung zu wirken.

Die Produktionen von Nico Hofmann haben mediale Kontroversen ausgelöst und damit die Öffentlichkeit für Themen sensibilisiert.

Nico Hofmann, vielfach ausgezeichneter Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Geschäftsführer der UFA sowie Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg, ist seit 2015 Mitglied des Kuratoriums der Hertie-Stiftung. Als Kreativer sticht er auf den ersten Blick aus der Runde der Kuratoriumsmitglieder heraus. Doch wie sich in diesem Gespräch bestätigen sollte, ist er in dem Gremium bestens aufgehoben, denn ihn verbindet mehr mit den Themen der Hertie-Stiftung als man auf Anhieb erwartet.

Hertie-Stiftung: Sie sind bereits ein viel beschäftigter Mann. Was hat Sie bewogen, 2015 auch noch Mitglied des Kuratoriums der Hertie-Stiftung zu werden?

Nico Hofmann:
 Den Ausschlag gegeben hat ein langes Gespräch mit Michael Endres, dem Ehrenvorsitzendes des Kuratoriums, dessen gesellschaftspolitische Haltung mich beeindruckt hat, und der mich auf diese Position ansprach. Der Reiz, in diesem Kreis tätig zu sein, war sehr groß. Ich genieße den Austausch und die Anregungen dieser verdienten Persönlichkeiten aus Medizin, Medien, Politik und Wirtschaft. Die Ballung der unterschiedlichen Kompetenzen und Interessen der Runde schafft eine sehr lebendige und bereichernde Diskussion für die Belange der Stiftung und auch für mich. Es macht nach wie vor große Freude.

Was reizt Sie an der Aufgabe als Kuratoriumsmitglied der Hertie-Stiftung – wie verstehen Sie Ihre Rolle?

Reizvoll ist die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die die Hertie-Stiftung mit ihrer Arbeit übernimmt. Ich bin jetzt knapp über 60 und je älter ich werde, desto stärker empfinde ich mich selbst als politischen Menschen. Das hat auch mit meiner Position als Chef der UFA zu tun, in der ich natürlich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber, aber auch im Programm des Unternehmens, eine ganz klare gesellschaftspolitische Stellung beziehe. So habe ich viele Gedanken, Engagements und Themen, die ich als durchaus deckungsgleich mit der Stiftung empfinde und dort einbringen kann, etwa zu den Themen Demokratie, Meinungsfreiheit und Debattenkultur. Hinzu kommt, dass ich, aus dem Medienbereich und der Kommunikation kommend, meinen Beitrag leisten kann: So habe ich vor etwa einem Jahr begonnen, die Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb der Stiftung neu zu definieren und Impulse zu geben. Etwa zu Fragen wie: Was bedeutet Digitalisierung für die Stiftung, und welche Möglichkeiten bietet sie?

Zu welchem Schwerpunktbereich der Stiftung fühlen Sie sich eher hingezogen: Demokratie stärken oder Gehirn erforschen?

Ich finde beide Themen sehr spannend, was sicher mit meinem Lebensalter zu tun hat. Den Bereich Hirnforschung und Medizin habe ich bei der Hertie-Stiftung wirklich für mich entdeckt. Mir wird die Bedeutung der Medizin immer bewusster. Das findet sich dann auch in meiner Arbeit wieder, wie beispielsweise in der Serie „Charité“. Da ergänzt sich vieles. Aber ich will das gar nicht im Widerspruch sehen zu ‚Demokratie stärken‘. Wenn Sie sich die letzten Monate der Pandemie anschauen, sieht man, wie sehr den Menschen der Zusammenhang zwischen gesellschaftspolitischer Verantwortung und Medizin bewusst geworden ist. Wir gehen anders mit unserer Gesundheit, dem Körper, mit der Medizin um, und wir erleben gerade die Relevanz von Medizin und ihre Auswirkungen auf die gesamtgesellschaftliche Situation und unser ganzes Leben.

Wie ist denn Ihr Blick auf unsere heutige Gesellschaft?

Überwiegend positiv, ich nehme in den letzten Wochen eine große Geschlossenheit und Solidarität wahr. Ganz unterschiedliche soziale Gruppen gehen in der Notlage miteinander solidarisch um, was mich sehr beeindruckt. Und wenn wir nach Amerika schauen, mit seiner Zerrissenheit der Gesellschaft, den direkten Auswirkungen der wirtschaftlichen Situation auf die Menschen bis hin zur Gesundheitsversorgung, bin ich schon sehr stolz, in diesem Land leben zu können.


Kommen wir zu Ihrer Arbeit. Haben Sie je den Wechsel vom Regisseur zum Produzenten bereut?

Ich habe es nie bereut. Der Grund für den Wechsel war meine Erkenntnis, dass in der Filmakademie in Ludwigsburg, in der ich bereits als 35-Jähriger lehrte, plötzlich zehn Jahre jüngere Studierende waren, die in diesem Gebiet einfach viel begabter sind. Das Produzieren und Arbeiten mit ihnen macht mir sehr viel Spaß, ich bin stolz auf ihre Erfolge. Als Produzent kann ich mehr bewegen und auch ein größeres Volumen erarbeiten.

"Damit hat meine Beschäftigung mit Zeitgeschichte begonnen: Auseinandersetzung und Aufarbeitung in der eigenen Familiengeschichte, eine Familienrecherche."

Neben Shows und Serien wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ im Unterhaltungssegment produzieren Sie sehr viele Fernsehfilme zur Zeitgeschichte und über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Deutschland. Was fasziniert Sie daran?

Zeitgeschichte hat mich immer beschäftigt und fasziniert. Das hat natürlich auch mit meinem Elternhaus zu tun. Mein Vater, heute über 90, war Soldat, meine Mutter ist in Hitlerdeutschland groß geworden – sie wird im kommenden Jahr 90 Jahre alt.  Diese ganze Generation ist sehr stark durch den Nationalsozialismus geprägt worden. Damit hat meine Beschäftigung mit Zeitgeschichte begonnen: Auseinandersetzung und Aufarbeitung in der eigenen Familiengeschichte, eine Familienrecherche, die dann, wenn Sie so wollen, sehr politisch wurde und sich seitdem wie ein roter Faden durch die Produktionen zieht.  

Gibt es immer einen persönlichen Bezug in Ihren Produktionen?

Da ist ganz sicher etwas dran. Es hängt aber auch mit den Menschen zusammen, die mir begegnen. Beispielsweise das Kennenlernen junger, sehr begabter Studierender aus der ehemaligen DDR. Etwa der Regisseur Christian Schwochow, der „Der Turm“ von Uwe Tellkamp verfilmt hat. Mich hatte das Buch sehr fasziniert. Dort wurde von einer DDR erzählt, die ich überhaupt nicht kannte. Der Zweiteiler war ein Riesenerfolg im Fernsehen mit insgesamt weit über 10 Millionen Zuschauern. Ein Film, mit dem im Grunde ein 33-jähriger Regisseur aus Rügen mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle seine eigene Kindheit verarbeitet hat.

Suchen Sie die Themen aus oder kommen die Regisseure mit den Stoffen zu Ihnen?

90 Prozent habe ich ausgesucht. Es sind immer Ereignisse oder Geschichten, die mich faszinieren, die wir umsetzen.

In Ihren zeitgeschichtlichen Produktionen gibt es viele fiktionale Passagen und Elemente. Wie vereinbaren Sie Fiktion mit der Verantwortung für die Vermittlung von Geschichte?

Eine fiktionale Aufarbeitung ist immer subjektiv. Ich habe, offen gestanden, sehr viel Kritik dafür eingesteckt und stecke sie immer noch ein. Dennoch bin ich der Meinung, dass die emotionale Darstellung von Geschichte – also der Versuch, emotional zu porträtieren, was Menschen damals empfunden haben, ohne die Schuldfrage zu verleugnen –ein richtiger Ansatz ist. Und ich bin zutiefst überzeugt, dass die Art der Vergangenheitsbeschäftigung und -bewältigung der letzten Jahrzehnte in diesem Land sehr stark zur Identität der Menschen beigetragen hat. Auch meine Filme tragen einen Teil dazu bei: Allein durch die mediale Kontroverse, die beispielsweise „Unsere Mütter, unsere Väter“ ausgelöst hat, wurden viele Menschen sensibilisiert und viele Facetten des Themas ausdifferenziert. Es ist ja nicht nur der Film, über den gesprochen wird, sondern auch eine Diskussion über das Thema, die dadurch angestoßen wird. Das halte ich für unsere demokratische Gesellschaft für sehr wichtig und möchte ich mit meiner Arbeit erreichen.

An welchen großen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Ich arbeite an mehreren Themen. Aktuell entsteht ein Film über Wirecard bis zum Zusammenbruch des Unternehmens im Juni. Für die Recherche arbeiten wir mit namhaften Journalisten zusammen. Wir wollen herausfinden, wie dieser Betrug überhaupt möglich war. Die dokumentarische Recherche und Erkenntnisse werden wir dann mit filmischen Elementen kreuzen. Zugleich arbeite ich an einem großen „Siegfried und Roy“-Film, bei dem Michael Bully Herbig Regie führen wird und das Drehbuch geschrieben hat. Und ich möchte unbedingt Verfilmungen der Klaus Mann-Biografien umsetzen, also „Treffpunkt im Unendlichen“ und „Der Vulkan“. Früher habe ich die Bücher verschlungen und jetzt während Corona nochmal gelesen. Ich bin begeistert von diesem Moment, in dem sich eine Gruppe junger Menschen in Deutschland kurz vor dem Dritten Reich befindet. Ihr Aufbruch und ihre Flucht in alle Teile der Welt in instabilen Zeiten ist eine sehr aktuelle Thematik.

Da haben Sie ja Einiges vor …

Ja, das finde ich auch! [lacht]

Demokratie Stärken

Die Hertie-Stiftung fördert vielfältige Projekte zur Stärkung unserer Demokratie. Eine Übersicht über die Aktivitäten finden Sie auf unserer Website:

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