„Je höher die Liga, desto weniger Diskriminierung“

Prof. Dr. Tina Nobis ist seit 2015 Juniorprofessorin für „Sport, Integration und Migration“ am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin. Bei ihrer Forschung konzentriert sie sich auf Integrationsleistungen von Sportvereinen sowie auf soziale Ungleichheiten und Grenzziehungen im Sport. Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland haben wir uns in dem Interview mit Prof. Dr. Nobis auf selbigen Sport fokussiert.

HERTIE-STIFTUNG: Frau Nobis, inwiefern passen Fußball und Integration in Ihren Augen zusammen?

PROF. DR. NOBIS: Einerseits kann man sagen: Beim Sporttreiben – und das gilt auch für den Fußball – kommen Menschen zusammen, die in der Regel das gleiche Interesse haben und das gleiche Ziel teilen: Sie möchten Fußball spielen und sie möchten, wenn es um Wettkampfsport geht, dabei möglichst erfolgreich sein. Betont werden also vor allem Gemeinsamkeiten. Man kann sich zusammen freuen und mitfiebern, man erlebt auch Niederlagen gemeinsam. So entstehen eine Wir-Gruppe und ein Wir-Gefühl. So entsteht sozialer Zusammenhalt und emotionale Verbundenheit und das ist eine wichtige Facette von Integration.
Andererseits muss man auch sehen: Dort wo es eine Wir-Gruppe gibt, gibt es auch Personen, die nicht dazu gehören. Und in diesem Zusammenhang kann es dann auch darum gehen, nicht nur Prozesse von Integration, sondern auch Prozesse von Ausgrenzung zu betrachten.

Warum wird Fußball nach wie vor eine hohe Integrationsqualität trotz mitunter hoher Gewalt und nationalistischen Tendenzen zugesprochen?

Ganz allgemein gesprochen: Weil Fußball sowohl integrativ als auch ausgrenzend sein kann. Fußball kann nicht nur für Vielfalt in einer Gesellschaft stehen, sondern im Fußball können sich auch Gewalt und Nationalismus entladen. Denn Fußball findet nicht jenseits unserer Gesellschaft statt.

Die Menschen, die Fußball spielen oder die Fans, die ins Stadion gehen, sind eben auch immer Mitglieder unserer Gesellschaft. Aber schauen wir nun konkret auf die deutsche Nationalmannschaft, können wir festhalten: Im Fußball möchte eine Mannschaft bzw. möchten die Fans einer Mannschaft ein Spiel gewinnen. Es kann eine starke Identifikation mit einer Mannschaft entstehen – und zwar vor allem dann, wenn eine Mannschaft erfolgreich ist. Diese Identifikation oder dieses Wir-Gefühl konnte man zum Beispiel während des Sommermärchens 2006 beobachten oder als Deutschland 2014 die Weltmeisterschaft in Brasilien gewonnen hat. Damals war nicht nur die deutsche Nationalmannschaft Sieger des Wettbewerbs, sondern viele Menschen, die gar nicht auf dem Platz standen, haben sich als Weltmeister gefeiert. Es gab also eine starke Identifikation mit der deutschen Nationalmannschaft.

Eine solche Identifikation hat in den letzten Jahren auch mit der multikulturell zusammengesetzten deutschen Mannschaft stattgefunden. Man könnte also meinen, dass der Zuspruch zur deutschen Nationalmannschaft zugleich für eine starke Befürwortung von Vielfalt und Diversität steht. Einiges deutet darauf hin. Allerdings müssen wir uns auch fragen, ob dies auch noch der Fall wäre, wenn der Erfolg von Spielern mit Migrationshintergrund ausbleibt bzw. ob Diversität nur unter bestimmten Umständen befürwortet wird. Karim Benzema meinte dazu: „Wenn ich ein Tor schieße, bin ich Franzose. Aber wenn ich keines mache, bin ich Araber.“

Sind Sie denn der Meinung, dass solch ein mediales Ereignis wie eine Fußball-Weltmeisterschaft etwas Gutes für die Integration tun kann?

Hier muss ich mit einem klaren Jein antworten. Ja, ein solches Ereignis tut in dem Sinne etwas Gutes, als dass die hohe mediale Aufmerksamkeit einen Raum für die Diskussion von Themen wie Integration schafft. Auch kann eine WM mit der Befürwortung von Vielfalt einhergehen. Jedoch müssen wir auch sehen, dass ein solches Ereignis auch nationalistische Einstellungen fördern kann. Der maßgebliche Bezugspunkt bei einer Weltmeisterschaft ist die Nation. Und übrigens kann ein Spieler immer nur einer Nationalmannschaft angehören. Für Mehrfachzugehörigkeiten, über die wir in gesellschaftlichen Diskussionen verhandeln, ist hier kein Raum. Und denken wir doch auch an die Aussage von Herrn Gauland vor zwei Jahren: „Menschen wollen Boateng nicht als Nachbar haben.“ Das hat viel Protest hervorgerufen. Aber eine solche Aussage zeigt eben auch, dass sich hier auch Anlässe und Plattformen bieten, um Abgrenzungen zu anderen Menschengruppen zu manifestieren.

Wo es eine Wir-Gruppe gibt, gibt es auch Personen, die nicht dazu gehören.

Chancengerechtigkeit beim Fußball – gibt es das überhaupt?

Selbstverständlich hat nicht jeder die gleichen Chancen sportlich erfolgreich zu sein, ganz allein schon, wenn man den Fokus auf körperliche Fähigkeiten legt, die eine Person mitbringt. Aber auch der Zugang zum Sport ist nicht für jeden gleich, je nach der Bildungsstufe und sozioökonomischem Hintergrund ist es unterschiedlich wahrscheinlich, ob ein Jugendlicher in einen Verein eintreten wird oder nicht. Im Fußball sind die Zugangsbarrieren aber offensichtlich nicht ganz so hoch wie in anderen Sportarten. Und gerade im Vergleich mit anderen organisierten Freizeitaktivitäten erreichen Sportvereine eben auch eine große Anzahl an Kindern und Jugendlichen, die in anderen Vereinen viel seltener aktiv sind.

Trotzdem müssen wir auch nach Diskriminierung fragen. Man kann zwar einerseits erkennen: Je höher die Liga, desto weniger spielt Diskriminierung eine Rolle, weil es darum geht, wer am besten spielt und nicht darum, wer welche Hautfarbe hat oder wer wo geboren wurde. Andererseits dürfen wir aber nicht übersehen, dass die Spieler, die im professionellen Fußball aktiv sind, eben auch den Weg durch die Amateurvereine gegangen sind. Viele dieser Vereine setzen sich für Chancengleichheit ein, aber es gibt eben auch andere Beispiele.

Generell ist die Forschung über Integration und Fußball ein spannendes und ambivalentes Feld, bei dem man sowohl Potentiale für gelingendes Miteinander als auch Prozesse der Ausgrenzung erforschen kann, ebenso wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Und dennoch dürfen wir nicht übersehen: Vor allem der professionalisierte Sport ist binär codiert: es gibt immer ganz klare Zuordnungen, es gibt im Finale einer WM immer einen Sieger und einen Verlierer. Wenn wir in unserer Gesellschaft über Integration sprechen, ist es aber gerade wichtig, auch über Uneindeutigkeiten und Mehrfachzugehörigkeiten zu verhandeln, deren Akzeptanz für ein gemeinsames Miteinander wichtig ist.

Ich freue mich auf die WM und hoffe immer, dass es in den K.O.-Runden Elfmeterschießen gibt. Auch wenn ich dann letztendlich meistens gar nicht hingucken kann. 


Zur Person

Prof. Dr. Tina Nobis wohnt in Berlin und ist Juniorprofessorin für „Sport, Integration und Migration“ am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung, einer Forschungseinrichtung der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie befasst sich mit den Themen Integration und Migration, Sozialkapital, soziale Ungleichheit, freiwilliges Engagement, Vereine und Verbände und politische Sozialisation.

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