Tag des Schlaganfalls

Welche Herausforderungen birgt Covid-19 für die Behandlung von Schlaganfällen?

Genauer hinschauen und passgenauer behandeln

Neurologe Prof. Ulf Ziemann vom Hertie-Institut für Hirnforschung, Spezialist für Schlaganfälle, im Interview über die besonderen Herausforderungen von Covid-19.

Der 10. Mai ist der Tag gegen den Schlaganfall in Deutschland, einer bedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankung mit weitreichenden Folgen: Jährlich erleiden zirka 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Dabei kommt es zu einer “schlagartig“ einsetzenden Durchblutungsstörung des Gehirns. Bei der Behandlung zählt jede Sekunde, um die Folgen des Schlaganfalls einzudämmen. Wir haben mit Prof. Dr. Ulf Ziemann vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen darüber gesprochen, wie sich die aktuellen drastischen Maßnahmen rund um das Corona-Virus Covid-19 auf die Behandlung von Schlaganfall-Patienten auswirkt und warum man trotz Corona-Pandemie unbedingt sofort den Notarzt rufen soll, wenn man klassische Anzeichen eines Schlaganfalls verspürt.

Hertie-Stiftung: Professor Ziemann, eine aktuelle Studie aus Wuhan und Fallberichte aus New York lassen vermuten, dass Covid-19-Patienten und Patientinnen ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben –  auch jüngere Kranke. Wie schätzen Sie das ein?

Prof. Dr. Ulf Ziemann: Es lässt sich derzeit noch nicht genau sagen, ob Covid-19 tatsächlich mit einem höheren Schlaganfallrisiko verbunden ist. Dafür reichen die Daten noch nicht aus. An der Studie aus Wuhan haben 214 Patienten und Patientinnen teilgenommen, 88 waren schwer krank. Fünf Schwerkranke haben einen Schlaganfall erlitten. Von den weniger schwer Erkrankten nur einer. Eine Klinik aus New York hat gerade von fünf unter 50-Jährigen Covid-19 Kranken berichtet, die innerhalb von zwei Wochen mit einem Schlaganfall eingeliefert worden sind – eine ungewöhnliche Häufung für diese Klinik. Diese Zahlen und Beobachtungen reichen nicht aus, um tatsächlich schon von einem erhöhten Schlaganfallrisiko zu sprechen. Allerdings sind sie wichtige Hinweise und Befunde, die man ernstnehmen muss und denen man sorgfältig nachgehen muss. Wir lernen bei Covid-19 ständig dazu. Wir müssen einfach noch mehr Daten sammeln.

Gibt es denn gute Gründe für ein erhöhtes Schlaganfallrisiko bei Covid-19?

Ja, die gibt es in der Tat. Sars-CoV-2 verursacht Entzündungen in allen Organen – vermutlich auch auf der Innenseite der Blutgefäße. Eine solche Vaskulitis könnte ein Grund für ein erhöhtes Schlaganfallrisiko sein. Wir wissen von der Epidemie mit Sars-CoV-1 aus dem Jahr 2002 auch, dass Coronaviren eine solche Vaskulitis auslösen können. Hinzu kommt, dass jede Infektion das Blutgerinnungssystem aktiviert und die Gefahr für die Bildung von Blutgerinnseln erhöht. Auch das könnte ein Grund für ein erhöhtes Schlaganfallrisiko bei schwerkranken Covid-19-Patienten und Patientinnen sein.

Viele der schwer erkrankten Covid-19-Patienten und Patientinnen sind älter und anderweitig krank. Könnte das nicht auch ein Grund sein?

Das ist natürlich auch ein wichtiger Punkt. Viele Covid-19-Kranke leiden unter Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Diabetes und anderen chronischen Erkrankungen. Sie haben dadurch zwangsläufig ein höheres Risiko für einen Schlaganfall als Covid-19-Kranke ohne diese Begleiterkrankungen. Aber der Bericht aus New York zeigt, dass offensichtlich auch jüngere Covid-19 Patienten und Patientinnen ohne nennenswerte Vorerkrankungen davon betroffen sein können.

Für wie wichtig halten Sie es, dass Neurologen in die Behandlung von Covid-19-Patienten eingebunden werden?

Das halte ich für außerordentlich wichtig, nicht nur im Hinblick auf das möglicherweise erhöhte Schlaganfallrisiko. Die oben genannte Studie aus Wuhan und weitere Beobachtungen zeigen, dass Sars-CoV-2 auch andere neurologische Symptome verursacht, und zwar oft schon kurz nach der Ansteckung, nicht erst im weiteren Verlauf der Erkrankung. Zu den frühen neurologischen Symptomen gehört zum Beispiel der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, über den schon sehr viel berichtet worden ist und der mittlerweile als früher Hinweis auf eine bestehende Sars-CoV-2-Infektion gewertet wird. Andere neurologische Symptome reichen von Kopfschmerzen über Schwindel, zu Bewusstseinsstörungen und Muskelentzündungen. Es gibt auch Einzelberichte, dass ein Guillain-Barré-Syndrom möglich ist. Das ist eine schwere Nervenentzündung. All das zeigt, wie wichtig es ist, Neurologen in die Behandlung von Covid-19 einzubinden.

Alle Kliniken haben die Zahl der Intensivbetten erhöht, um bei Bedarf mehr schwerkranke Covid-19 Patientinnen und Patienten behandeln zu können. Wie sieht das in Ihrer Klinik aus?

Wir haben am Universitätsklinikum Tübingen die Zahl der Intensivbetten mit Beatmungsoption fast verdoppelt, dabei aber nicht auf unsere Kapazitäten auf der Stroke Unit zurückgegriffen. Andere Kliniken haben das durchaus gemacht. Wir haben uns klar gegen eine Verkleinerung unserer Stroke Unit entschieden, weil wir in Tübingen und Umgebung einen hohen Versorgungsauftrag haben. Wir behandeln auf unserer Stroke Unit circa 1200 Schlaganfälle pro Jahr. Das müssen wir auch während der Corona-Pandemie leisten können. Menschen erleiden ja nach wie vor Schlaganfälle.

Nehmen Sie die klassischen Anzeichen für einen Schlaganfall während der aktuellen Pandemie genauso ernst wie vorher und rufen Sie einen Notarzt

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hat mehrfach daraufhin gewiesen, dass seit Beginn der Coronavirus-Pandemie die Zahl der Schlaganfälle zurückgegangen ist – vor allem leichte.  Wie erklären Sie das?

Dass derzeit weniger Schlaganfälle behandelt werden, kann eigentlich nur bedeuten, dass die Betroffenen beim Auftreten der einschlägigen Symptome keinen Notarzt mehr rufen lassen und nicht in eine Klinik gehen – vermutlich aus Angst vor Ansteckung. Das hat sich auch bei den Kranken aus New York gezeigt. Es ist nicht davon auszugehen – das zeigt ja auch unser Gespräch – dass das Schlaganfallrisiko durch Sars-CoV-2 kleiner wird. Im Gegenteil: Es könnte größer sein. Dass sich die Betroffene nicht mehr in die Klinik trauen, ist vor allem deshalb fatal, weil auf milde Symptome oder kurze, vorrübergehende Attacken von Sprechstörungen, Lähmungen und Gefühlsstörungen oft ein voller Schlaganfall folgt. Wenn die Betroffenen die Warnzeichen kleinreden und ignorieren, laufen sie Gefahr, dass sie am Ende mit dieser vollen Wucht des Schlaganfalls konfrontiert werden, obwohl man dies durch eine frühzeitige Behandlung hätte verhindern können. Das wäre dann wirklich bitter.

Was raten Sie Menschen mit entsprechenden Symptomen?

Meine klare Empfehlung lautet: Nehmen Sie die klassischen Anzeichen für einen Schlaganfall während der aktuellen Pandemie genauso ernst wie vorher und rufen Sie einen Notarzt oder lassen Sie ihn rufen. Die Kliniken sind sicher. Wir haben in den vergangenen Wochen sehr viel Arbeit investiert, um die Bereiche, in denen Covid-19-Patienten und Patientinnen betreut werden, vom normalen Klinikbetrieb strikt zu trennen. In jeder Hinsicht: von den Betten über die Ausrüstung bis zum Personal. 

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten klinischen Forschungsergebnisse seit dem Welttag des Schlaganfalls im vergangenen Jahr?

Wir haben vor allem bei den Schlaganfällen ohne erkennbare Ursache hinzugelernt. Das sind immerhin ein Drittel aller Ereignisse. Wir dachten, dass diese Schlaganfälle eine homogene Gruppe bilden, denen ein Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel zugrunde liegt, dessen Quelle nur nicht bekannt ist. Diese Sicht hat sich als viel zu einfach erwiesen. Diese Gruppe ist viel heterogener als bisher angenommen. Aufgrund dieser Fehleinschätzung sind auch zwei große, internationale Behandlungsstudien vor kurzem gescheitert. Das Konzept vom Gefäßverschluss aus unbekannter Quelle ist damit trotzdem nicht vom Tisch, wir müssen nur viel genauer hinschauen und die Subgruppen in dieser großen Gruppe genauer charakterisieren und dann auch entsprechend passgenauer als bisher behandeln.

Wo sehen Sie die Zukunft bei der Therapie des Schlaganfalls?

In einer differenzierten und maßgeschneiderten Therapie. Ein Beispiel: Bisher wurden Ablagerungen in der Halsschlagader nur dann als ursächlich für einen Schlaganfall betrachtet, wenn sie zu einer signifikanten Einengung der Halsschlagader geführt haben. Eine Studie mit Tübinger Beteiligung, die gerade zur Veröffentlichung eingereicht worden ist, zeigt jetzt allerdings, dass auch von sogenannten instabilen Plaques, die nicht zu einer Einengung der Halsschlagader führen, ein erhebliches Risiko für einen zweiten Schlaganfall ausgeht. Die Behandlung dieser Gruppe muss genau dort ansetzen. In dieser Differenzierung liegt aus meiner Sicht die Zukunft.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das hertie-institut für klinische hirnforschung

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen ist eines der bundesweit größten und modernsten Zentren zur Erforschung neurologischer Erkrankungen. Es wurde 2001 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dem Land Baden-Württemberg, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ihrer medizinischen Fakultät sowie dem Universitätsklinikum Tübingen gegründet und 2004 eröffnet. Die Fördermittel der Hertie-Stiftung betragen mehr als 50 Mio. Euro.

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