Arbeitsplatz mit Computer, Notizen und Lesebrille

Der Essaypreis der Hertie-Stiftung

Die Hertie-Stiftung prämiert gemeinsam mit der Wirtschaftswoche die besten Essays zum Thema: Demokratie und Wirtschaft.

Demokratie und Wirtschaft. Unser Essaypreis

In welchem Verhältnis stehen Demokratie und Wirtschaft? Was verbindet die beiden Sphären, was trennt sie? Wie sieht ein Zusammenspiel aus, das der gesamten Gesellschaft nützt?

1. Platz in der Kategorie "Unveröffentlichter Text"

Kasyoka Salim Mutunga: "Makers of Nations, Three Wise Men, and a Star from the East"

Kasyoka Salim Mutunga ist kenianische Rechtsanwältin und arbeitet als wissenschaftlichee Mitarbeiterin bei Anjarwalla & Khanna (A&K) ALN Kenia, einer der führenden Anwaltskanzleien in Ost- und Zentralafrika. Ihre Arbeit als Forscherin konzentriert sich hauptsächlich auf die Schnittstelle zwischen Rechtsstaatlichkeit und Entwicklung in Kenia und in Afrika.

Zum Essay auf der Website der WirtschaftsWoche 

Hier finden Sie den ausgezeichneten Text in englischer Sprache

Drei Fragen an Kasyoka Salim Mutunga

Welcher Aspekt des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus interessiert Sie am meisten? 

Um die Probleme des Kapitalismus heute wirklich anzugehen, müssen wir auf ein robusteres demokratisches Modell zurückgreifen. Eine Zeit lang wurden Kapitalismus und Demokratie als gleichwertig und daher gleichwertig erstrebenswert dargestellt—was die Frage aufwirft, wer die Oberhand behält, wenn sie in Opposition zueinander stehen. Doch Demokratie, jene Regierung durch das Volk, für das Volk und vom Volke, ist die eigentliche Grundlage, auf die wir uns verständigt haben, um in modernen Gesellschaften zusammenzuleben. Kapitalismus, wenn er in unseren Gesellschaften existiert, tut dies kraft dieser Vereinbarung. Die Zukunft des Kapitalismus, wenn es sie denn geben wird, ist deshalb abhängig vom Votum des Staatsvolkes. 

Wenn Sie nur eine Sache am Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus ändern könnten, was würden Sie tun? 

Die Vorstellung, dass Demokratie nichts mit der Legitimität der Wirtschaft zu tun habe. Natürlich, Demokratie kann wirtschaftliches Wachstum bremsen. Tatsächlich sind demokratische Prozesse zusätzliche und teure Transaktionskosten. Aber wir müssen verstehen, dass es die Demokratie ist, die dem wirtschaftlichen Entwicklungsmodell einer Gesellschaft erst seine Glaubwürdigkeit verleiht. Werden demokratische Prozesse im Namen wirtschaftlicher Ziele pervertiert, schwächt und destabilisiert das unsere Gesellschaften; es verschärft Ungleichheiten und bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Was haben Sie persönlich beim Schreiben des Essays gelernt? 

Wir müssen Wege finden, diese Debatten kulturübergreifend zu verbreitern. Ich war ziemlich überrascht zu sehen, mit welcher Strenge afrikanische Wissenschaftler die Frage des Wirtschaftswachstums und der Demokratie in den Entwicklungsländern angegangen sind. Zwischen ihnen und lateinamerikanischen Wissenschaftlern fanden interessante Gespräche statt. Auch wenn die meiste Literatur über Demokratie in der Regel aus dem Westen stamm, sind die Einsichten und Perspektiven, die andere Kulturen eröffnen bereichernd. Wir sollten sie beachten und Ausschau nach ihnen halten. 

1. Platz in der Kategorie "Veröffentlichter Text"

Adrian Lobe: "Macht der Computer uns zu Kommunisten?"   (erschienen in der Neuen  Zürcher Zeitung)

Adrian Lobe, Jahrgang 1988, ist freier Journalist und Buchautor. Der studierte Politologe schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Neue Zürcher Zeitung und Süddeutsche Zeitung über Technologiethemen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Algorithmen und Künstlicher Intelligenz. 

Den ganzen Text auf der Website der Neuen Zürcher Zeitung lesen

Drei Fragen an Adrian Lobe

Welcher Aspekt des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus interessiert Sie am meisten? 

Ganz konkret: Wettbewerb. Eine Demokratie braucht Wettbewerb (zwischen Parteien) genauso wie die Marktwirtschaft (zwischen Marktteilnehmern). Einen Wettbewerb der Ideen. Auf einer abstrakten Ebene interessiert mich, welche Garantien beide Systeme brauchen, um funktionieren zu können (zum Beispiel Eigentum). 

Wenn Sie nur eine Sache am Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus ändern könnten, was würden Sie tun? 

Monopolbildungen insbesondere in der Digitalwirtschaft stärker in den Fokus nehmen, möglicherweise eine Haftung für Plattformen einführen (auf Twitter und Facebook findet ja ein Großteil der Diskussion und damit Demokratie im Netz statt), personalisierte Wahlwerbung stärker regulieren.  

Was haben Sie persönlich beim Schreiben des Essays gelernt? 

Sehr viel über Technik- bzw. Computergeschichte, über Kybernetik, über die sozialistische Kalkulationsdebatte, über die – fast schon verzweifelten Versuche – der Planer in der Sowjetunion, mit den damals verfügbaren Rechnern die Preisfunktion der Märkte zu simulieren. Und, als kleine Anekdote: Im Rahmen meiner Recherchen habe ich erfahren, dass es bei sowjetischen Videospielen keinen Wettbewerb zwischen Spielern und auch keine High-Score-Kultur wie im Westen gab. Vor diesem Hintergrund ist es eine Ironie der Geschichte, dass das Sozialkreditsystem im kommunistischen China mit einer Gamifizierungslogik des Westens abgestützt wird. 

2. Platz (geteilt) in der Kategorie "Unveröffentlichter Text"

Mathis Richtmann & Max Krahé: "Onwards, but not via Beijing: for a re-embedded liberalism"

Mathis Richtmann ist Geschäftsführer des Dezernat Zukunft. Er hat dort mit einem Team von 33 Wissenschaftler:innen kürzlich eine Sammlung von 14 ambitionierten wirtschaftspolitischen Vorschlägen für Europa publiziert.

Max Krahé ist Gründer des Dezernat Zukunft, eines jungen Think Tanks zu Finanz-, Geld-, und Fiskalpolitik, sowie Inhaber des Chaire SFPI an der königlichen Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste von Belgien. 

Der ganze Text wird demnächst in der Wirtschaftswoche veröffentlicht. Wir verlinken ihn hier, sobald er erschienen ist. 
 

Drei Fragen an Mathis Richtmann und Max Krahé

Welcher Aspekt des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus interessiert Sie am meisten? 

Das Finanzsystem und seine Verwobenheit in und mit Fiskal- und Geldpolitik.

Wenn Sie nur eine Sache am Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus ändern könnten, was würden Sie tun? 

Zentralbankunabhängigkeit abschaffen. Konkret: Zentralbankmandate alle 7-10 Jahre vom Parlament neu autorisieren lassen, sowie die weiterhin bestehende operationelle Unabhängigkeit auch in der Eurozone einfachgesetzlich regeln (wie in England und den USA).

Was haben Sie persönlich beim Schreiben des Essays gelernt? 

Inhaltlich: Dass Inflationsangst weit verbreitet war und ist, und wir daher davon ausgehen können, dass demokratische Fiskal- und Geldpolitik nicht aus dem Ruder laufen wird. Es scheint uns heute also nicht mehr nötig, Inflationsangst in Form von Zentralbankunabhängigkeit (gekoppelt mit einem anti-inflationärem Mandat) in fast unveränderbaren europäischen Verträgen festzuschreiben. Formal: Die vorgegebene Kürze des Essays war ein “creative constraint.” Sie hat uns gezwungen untereinander auszuhandeln, welche Aussagen, Fakten, und Paragraphen essentiell sind, und welche am Ende doch weggelassen werden können. Unsere Lektion: komplexen Themen nähert man sich manchmal am besten durch das Schreiben kurzer Texte.

2. Platz (geteilt) in der Kategorie "Unveröffentlichter Text"

Dr. Andrei Guter-Sandu & Dr. Steffan Murau: "Democratising Eurozone governance? Place ‘off-balance-sheet fiscal agencies’  under the European Parliament’s budget authority"

Dr. Andrei Guter-Sandu ist politischer Ökonom und Postdoctoral Fellow am Centre for Analysis of Risk and Regulation der London School of Economics. Er arbeitet dort an einem vom Economic and Social Research Council (ESRC) finanzierten Projekt über die Governance von sozialen Risiken durch Finanzialisierung und Vermarktlichung.  Seine Forschungsinteressen umfassen das Spannungsverhältnis von Geld und Moral, Zentralbanken, Wege zu einem nachhaltigen und sozialen Finanzsystem sowie New Public Governance.

Dr. Steffen Murau ist politischer Ökonom und Postdoctoral Fellow am Global Development Policy Center der Boston University. Er arbeitet dort an einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Projekt über die Transformation der Eurozonen-Architektur. Seine Forschungsinteressen umfassen Geldtheorie und -geschichte, europäische Währungsintegration, das internationale Währungssystem sowie Schattenbanken.

Der ganze Text wird demnächst in der Wirtschaftswoche veröffentlicht. Wir verlinken ihn hier, sobald er erschienen ist. 

Drei Fragen an Dr. Steffen Murau

Welcher Aspekt des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus interessiert Sie am meisten? 

Steffen: Ich interessiere mich am meisten dafür, wie sich Demokratie und demokratische Werte mit einem privatisierten Kreditgeldsystem vereinbaren lassen. Dies ist vielleicht das zentrale Spannungsfeld zwischen Demokratie und Kapitalismus: Es gibt viele unterschiedliche Definitionen davon, was Kapitalismus ist und womit dieser historisch begonnen hat. Am Überzeugendsten finde ich diejenige, die sich auf private Kreditgeldschöpfung auf systemischer Ebene bezieht. Heutzutage ist das Kreditgeldsystem privatisiert, da die meiste Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken oder sogar Schattenbanken erfolgt. Zudem ist es globalisiert, da Geldschöpfung in großem Umfang 'offshore' stattfindet – z.B. wird geschätzt, dass 12,8 Billionen US-Dollar außerhalb der USA geschöpft werden. Diese Tatsachen unserer Zeit stehen in Konflikt mit vielen Intuitionen, die wir gewöhnlich in Bezug auf Demokratien und deren monetäre Souveränität haben, und verschärfen die Spannungen zwischen Demokratie und Kapitalismus.

Wenn Sie nur eine Sache am Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus ändern könnten, was würden Sie tun? 

Steffen: Ein Hauptaugenmerk meiner Arbeit liegt auf der Eurozone. Ich habe vor Kurzem die erste Version eines makrofinanziellen Modells der Eurozonen-Architektur veröffentlicht, das die Eurozone als Netzwerk von ineinander verschränkten Bilanzen darstellt und die Rolle von Schattenbanken und Offshoredollar-Geldschöpfung darin berücksichtigt. Wenn ich nun etwas im Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus ändern könnte, dann würde ich gerne eine verbesserte Eurozonen-Architektur schaffen, die das Spannungsverhältnis zwischen beiden sinnvoll managed. Dazu gehört für mich, dass das konstruktive Potenzial des Kreditgeldsystems für die Zwecke und Ziele einer demokratischen Gesellschaft genutzt wird, ohne dass das System instabil wird oder zu exzessiver Ungleichheit und Ressourcenausbeutung führt.

Was haben Sie persönlich beim Schreiben des Essays gelernt? 

Steffen: Ich habe ein besseres Verständnis dafür entwickelt, wie das "fiskalische Ökosystem" der Eurozone funktioniert und welche Rolle "bilanzexterne Fiskalagenturen" darin spielen. Wenn wir uns nur auf die Bilanzen der nationalen Haushalte und des EU Haushalts konzentrieren, dann verstellt das den Blick auf entscheidende Entwicklungen des fiskalischen Segments in den letzten Jahren.

Drei Fragen an Dr. Andrei Guter-Sandu

Welcher Aspekt des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus interessiert Sie am meisten? 

Der Aspekt, der mich am meisten interessiert, wenn es um das Verhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus geht, ist die Frage, wie private Märkte organisiert, angestoßen oder manchmal dazu gezwungen werden können, öffentliche Güter zu liefern oder öffentliche politische Ziele zu verfolgen. Ein besonders faszinierendes Thema ist für mich, wie Finanzen für sozial oder ökologisch fortschrittliche Zwecke eingesetzt werden können. In einigen Fällen kann dies "aus der Ferne" geschehen, z.B. wenn demokratisch gewählte Gremien Ziele vorgeben, die private Akteure durch Leistungskennzahlen oder ESG-Kennzahlen erfüllen müssen, oder es kann direkt durch eine hybride Organisation geschehen, z.B. wenn öffentliche und private Akteure über innovative Governance-Vereinbarungen zusammenkommen, in denen öffentliche politische Ziele auf ko-produktive Weise verfolgt werden können. Diese neu entstehenden und sich weiterentwickelnden Vereinbarungen schaffen Möglichkeiten, die sektorübergreifende Solidarität zu stärken und öffentliche Güter auf gerechtere und legitimere Weise bereitzustellen, aber sie sind auch mit Spannungen hinsichtlich der Frage behaftet, wessen Stimme mehr zählt und wer im Falle eines Scheiterns zur Rechenschaft gezogen werden muss.

Wenn Sie nur eine Sache am Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus ändern könnten, was würden Sie tun? 

Ein kostengünstiger und wirkungsvoller Aspekt, der in der Beziehung zwischen Staaten und Märkten geändert werden kann, ist die Verbesserung der Transparenz und Rechenschaftspflicht von öffentlich-privaten Partnerschaften. Neue Praktiken des öffentlichen Managements, bei denen private Akteure zunehmend in die Erbringung öffentlicher Dienstleistungen einbezogen werden und die in den letzten Jahrzehnten zur Routine geworden sind, haben sowohl öffentlichen Einrichtungen als auch privaten Akteuren einen schlechten Ruf eingebracht. Aufgrund von öffentlichkeitswirksamen Fällen von unzureichenden Leistungen zu exorbitanten Kosten wurden öffentliche Einrichtungen als unfähig und verschwenderisch verurteilt, während private Akteure als anrüchig und kriminelle Geschäftemacherei gegeißelt werden. Indem die Interaktion zwischen staatlichen und privaten Akteuren für Dritte lesbar gemacht wird, kann das Vertrauen in öffentliche Behörden wiederbelebt werden, während private Akteure Legitimität als rechtmäßige Überbringer öffentlicher Güter erlangen können. 

Was haben Sie persönlich beim Schreiben des Essays gelernt? 

Der Gegenstand unseres Essays— off-balance sheet fiscal agencies—war ein lehrreiches Thema. Es unterstreicht die einzigartigen Prozesse bei der Entwicklung der Governance in der Eurozone, die einerseits die Kapazität und Reichweite der EU-Politiker über lähmende politische Debatten hinaus erhöhen, sie andererseits aber auch vor demokratischen Eingriffen schützen. Es war interessant, diese neuen Mechanismen kennen zu lernen und über Möglichkeiten nachzudenken, die sich daraus ergebenden neuen technokratischen Kapazitäten mit den demokratischen Imperativen in Einklang zu bringen.

3. Platz in der Kategorie "Unveröffentlichter Text"

Dr. Lisa Suckert: „Zeit gewinnen! Von der Corona-Pandemie über Michael Endes Momo zu den Tücken der kapitalistischen Zeitherrschaft“ 

Dr. Lisa Suckert wurde 2016 an der Universität Bamberg promoviert und arbeitet seitdem als Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Ihre Forschungsinteressen sind Wirtschafts- und Zeitsoziologie, politische Soziologie sowie Nachhaltigkeits- und Kapitalismusforschung. 

Den ganzen Text lesen

Statement Dr. Lisa Suckert zu Kapitalismus und Demokratie sowie dem Essay

Kapitalismus und Demokratie galten lange als sich wechselseitig verstärkende Garanten einer freiheitlichen Gesellschaft. Dort, wo freie Märkte Einzug halten, wird auch der freie Wille der Bevölkerung Gehör finden – so lautete das Versprechen. In den 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion ist allerdings nicht nur offensichtlich geworden, dass Kapitalismus auch in Abwesenheit von Demokratie prächtig gedeihen kann (siehe das Beispiel China), sondern auch, dass der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts vielerorts zur Belastung für etablierte Demokratien wird. Beispielsweise können sich „Global Player“, auch dank globaler Finanzmärkte, zunehmend nationalstaatlicher Regulierung und Besteuerung entziehen. Ebenso steht die steigende Ungleichheit der Einkommen und mehr noch der Vermögen im Widerspruch zum Ideal gleicher politischer Beteiligungschancen. Die mit diesen Entwicklungen einhergehende Frustration macht viele Bürgerinnen und Bürger empfänglich für selbsternannte „Populisten“, die vorgeben, privilegierte Eliten zu entmachten und die Globalisierung „zurückzudrehen“.

Als Wissenschaftlerin interessiert mich vor diesem Hintergrund besonders der Aspekt der Zeitlichkeit und der Zukunftshorizonte. So ist Kapitalismus nicht nur ein Produktionsregime, sondern geht auch mit einer spezifischen Zeitordnung einher. In der kapitalistischen Logik wird Zeit zu einer Ware, die wir gehalten sind, effizient zu nutzen. Immer mehr soll in immer kürzerer Zeit geschafft werden. Die Zukunft wird dazu kalkuliert, prognostiziert oder gleich von Algorithmen bestimmt. In diesem Regime der Beschleunigung fehlt vielen Menschen schlicht die Zeit, sich an zeitaufwändigen demokratischen Prozessen zu beteiligen. Wo die Zukunft wie ein alternativloser, vorherbestimmter Strom aus Erwerbsarbeit, Zahlungsfristen und Preissteigerungen erscheint, fällt es zudem schwer, noch an die Gestaltbarkeit des eigenen Lebens oder gar der gesellschaftlichen Verhältnisse zu glauben.  Langfristig kommt Demokratie jedoch ohne diesen Glauben an eine veränderbare Zukunft nicht aus. 

Es erscheint mir daher von grundsätzlicher Bedeutung zu verstehen, wie reale kapitalistische Strukturen unser Verständnis von Zeit sowie unseren Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflussen. Das kapitalistische Zeitregime steht daher auch im Zentrum meines Essays, der die ökonomischen und sozialen Verwerfungen der Corona-Pandemie aus einer zeitsoziologischen Perspektive betrachtet. Angeregt zu diesem Essay wurde ich jedoch nicht nur durch meine Forschung, sondern vor allem durch meine sieben-jährige Tochter. In der Phase des harten Lockdowns durfte ich mit ihr zusammen Michael Endes „Momo“ lesen, diskutieren und neu entdecken. Wer glaubt, alles über den Kapitalismus und seine vermeintlichen Alternativen zu wissen, dem sei die Lektüre dieses Kinderbuch-Klassikers wärmstens empfohlen. Man muss sich nur die Zeit dafür nehmen.

Der Essaypreis von Hertie-Stiftung und WirtschaftsWoche 

Die Hertie-Stiftung hat gemeinsam mit der WirtschaftsWoche dazu aufgerufen, das Zusammenspiel von Demokratie und Wirtschaft in heutiger Zeit - und für die Zukunft - zu beleuchten und sich den großen Fragen nach freien Märkten, demokratischer Kontrolle, der Digitalisierung und Corona-Krise zu stellen. 

Eine hochkarätige Jury aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Journalismus hat die Texte nach Originalität und Relevanz der Fragestellung und der gezogenen Schlüsse bewertet. Die Gewinnertexte, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden, werden in der WirtschaftsWoche publiziert. Darüber hinaus behält sich die Hertie-Stiftung vor, die prämierten Essays und möglicherweise auch die anderen Beiträge in anderen Formaten zu veröffentlichen.

Der Essaypreis wird in zwei Kategorien verliehen:

  1. Unveröffentlichte Arbeiten, die für den Essaypreis verfasst werden. Der erste Platz wird mit 5.000 €, der zweite Platz mit 3.000 € und der dritte Platz mit 2.000 € Preisgeld prämiert.
  2. Bereits veröffentlichte  Arbeiten, die das Thema „Demokratie und Wirtschaft“ ebenso tiefgründig wie originell angehen. Der Gewinnertext dieser Kategorie wird mit 3.000 € Preisgeld prämiert.

    Demokratie Stärken

    Die Hertie-Stiftung fördert vielfältige Projekte zur Stärkung unserer Demokratie. Eine Übersicht über die Aktivitäten finden Sie auf unserer Website:

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