Debattier-Marathon

Im Interview mit Joshua Steib, Jugend debattiert-Landessieger und Bundesfinalist 2019, über sein Engagement als UN-Jugenddelegierter auf der Klimakonferenz in Glasgow.

„Jugendliche gehören an den Verhandlungstisch, nicht nur auf die Straße“

Mit 16 Jahren gewann Joshua Steib aus Vaterstetten bei München den Jugend debattiert-Landeswettbewerb in Bayern, belegte im Berliner Bundesfinale den 4. Platz. „Die aktuellen Themen, die wir damals bei Jugend debattiert bearbeitet haben, entfachten mein Interesse an Politik und Umweltschutz“, sagt der 18-Jährige heute. Gesagt, getan: Als UN-Jugenddelegierter machte sich Politikstudent Joshua nun auf der Jugendklimakonferenz in Glasgow für den Klimaschutz stark: „Das war ein echter Debattier-Marathon“. Wie sich Joshua Steib vor den Mächtigen der Welt Gehör verschaffte, woran er für die Zukunft arbeitet, und was das alles mit Jugend debattiert zu tun hat, erzählt er in unserem Interview.  

Sie haben als UN-Jugenddelegierter am Jugendklimagipfel in Glasgow teilgenommen. Wie kam es dazu?

Ich hatte mich ein halbes Jahr zuvor bei der UN-Jugendabteilung zur Teilnahme am Klimagipfel beworben. Seit etwa drei Jahren bin ich im Bereich der Klimabildung aktiv und konnte zum Glück einige Essays zu dem Thema vorweisen, nach denen dort gefragt wurde. Ich dachte mir, dieser Klimagipfel ist die perfekte Möglichkeit, all die Ideen, die ich bisher mit anderen Jugendlichen in vielen Seminaren zum Thema Umweltbildung erarbeitet hatte, an Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen heranzutragen. Am Ende gehört natürlich auch viel Glück dazu, aus 8.600 Bewerbungen ausgewählt zu werden. Ich habe mich riesig gefreut, es war ein ganz besonderes Erlebnis. 
 

"Was allerdings ein sehr trauriger Moment war: Unser Global Youth Statement, das wir nur den Ministern und den Staatschefs gegeben hatten, konnte man noch am selben Tag auf der Konferenz in einigen Abfalleimern sehen." 

Wie muss man sich die Stimmung auf einer Klimakonferenz vorstellen?

Ich war ja auf insgesamt vier Konferenzen mit relativ unterschiedlichen Stimmungslagen: Zunächst gab es den Jugendklimagipfel in Mailand, dann die vorbereitende UN-Klimakonferenz in Mailand, wo quasi die Welt-Klimakonferenz vorverhandelt wurde. Dann gab es den zweiten Jugendklimagipfel in Glasgow und schließlich die Welt-Klimakonferenz, auf der es schon sehr getragen und förmlich ablief. Auf den Jugendklimagipfeln war das anders. Da kamen 500 junge Menschen aus aller Welt zusammen, die alle eine große Handlungsbereitschaft haben und voller Energie in die Zukunft schauen, um etwas zu bewegen. Das treibt einen total an. Auf der anderen Seite ist es auch stressig: Beim ersten Jugendklimagipfel mussten wir innerhalb von zweieinhalb Tagen die globale Jugendmeinung erarbeiten. Da spürt man die Verantwortung, einer von zwei Repräsentanten für sein Land zu sein, und dessen Meinung überzeugend an die Entscheidenden weitertragen zu müssen.

Sie haben ein Positionspapier für Glasgow erarbeitet, 500 junge Menschen aus 197 Staaten. Wie muss man sich das praktisch vorstellen?

Wir waren in vier Arbeitsgruppen eingeteilt, zu denen es nochmal Unterthemen gab. Dann fanden immer wieder Themenveranstaltungen statt, zum Beispiel als Mario Draghi in Mailand gesprochen hat oder auch Greta Thunberg. Anschließend sind wir in unseren Arbeitsgruppen in einen vertieften Diskurs gegangen, um für unser Positionspapier einen Konsens zu finden und so umzusetzen, dass es für alle passt. Der ganze Prozess war entweder möglich in einer moderierten Diskussion oder in entspannten Co-Working-Spaces, in denen wir auf dem Boden gesessen und in kleinen Gruppen diskutiert haben. Am Ende konnten wir ein tolles Positionspapier erarbeitet, das neben einem gerechten Emissionszertifikate-Handel ebenso fordert, das Thema Klimabildung in die nationalen Lehrpläne aufzunehmen.  
 

Meinen Sie, dass die Meinung der Jugend bei der Politik auch wirklich ankommt, und dass sich jemand darum kümmert?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe zum Beispiel auf der Weltklimakonferenz an einer Diskussion teilgenommen, auf der sechs Premier-Minister und ein Präsident aus den skandinavischen Ländern vertreten waren. Die haben sich auf dem World-Leader-Summit wirklich eine Stunde Zeit genommen, um sich mit 20 Jugendlichen auszutauschen. Bei einigen Politikern hat man richtig gemerkt, dass sie mit uns in den Diskurs treten wollen. Was allerdings ein sehr trauriger Moment war: Unser Global Youth Statement, das wir nur den Ministern und den Staatschefs gegeben hatten, konnte man noch am selben Tag auf der Konferenz in einigen Abfalleimern sehen. Die haben sich das wohl nicht mal durchgelesen, sondern die Arbeit und Ideen der Jugend dieser Welt einfach in den Müll geworfen. Das war schon ein sehr krasses und entmutigendes Zeichen. 

Wie gehen Sie mit solchen abwertenden Aktionen um? 

Ich lasse mich da nicht unterkriegen, sondern kämpfe weiter für unsere Stimme. Man sieht einfach den großen Unterschied zwischen den Ländern: Die Skandinavier waren super offen, haben auch offiziell Jugenddelegierte in ihrer Delegation für die Welt-Klimakonferenz, genauso wie die osteuropäischen Staaten oder Länder wie Mexiko. Für Deutschland gilt das leider nicht. Da ist man immer noch der Meinung, dass Jugendliche auf der Straße eine größere Wirkkraft haben als an dem Verhandlungstisch. Offenbar hält uns die deutsche Politik für zu dumm oder sieht kein Potenzial, das ist in anderen Ländern besser. 
 

"Jugend debattiert war für mich der große Einstieg in die Politik, weil mein Interesse für das Thema dort entfacht wurde, vor allem für den Klimaschutz."

Zumal Sie quasi ein Debattier-Profi sind als Jugend debattiert-Landessieger von Bayern 2019 und Vierter im Bundesfinale. Was haben Sie aus der Zeit bei Jugend debattiert mitgenommen? 

Jugend debattiert war für mich der große Einstieg in die Politik, weil mein Interesse für das Thema dort entfacht wurde, vor allem für den Klimaschutz. Damals gab es auf jeder Jugend debattiert-Runde mindestens ein Thema, das einen starken Umweltbezug hatte. Da habe ich erstmals gemerkt, wie spannend diese Inhalte sind, und wie groß unser Klimaproblem ist. Das hat mir die Augen geöffnet und mein Engagement angetrieben. Aber auch die Struktur des Debattierens war wegweisend für mich. Ich beschreibe es immer mit einem 360-Grad-Rundblick, den ich durch Jugend debattiert entwickelt habe: Wenn wir zum Beispiel vor einer Debatte ein Thema bekamen, mussten wir es immer von beiden Seiten beleuchten, weil man ja erst in den letzten Minuten vor der Debatte erfahren hat, ob man Pro oder Contra vertreten sollte. Ich konnte mir also gar nicht erlauben, voreingenommen in das Streitthema hineinzugehen. Bleibe immer offen für alle Seiten. Das ist eine meiner wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus Jugend debattiert mitgenommen habe.

Was nützt Ihnen dieses Handwerkszeug zum Beispiel in Debatten wie in Glasgow konkret? Spüren Sie dieses Fundament im Austausch mit anderen?

Ja, immer wieder. Jugend debattiert vermittelt einem ja, höflich, aber bestimmt zu debattieren. Das ist auch mein Anspruch an mich selbst, nicht nur in Glasgow. Einer Person wertschätzend gegenüberzutreten, aber nicht herumzudrucksen mit Sätzen wie: „Aber es könnte ja auch sein…“ oder „Manche glauben, dass…“. Es ist wichtig, klar aufzutreten, weil man immer um die Sache ringt und nicht um die Person. Das gibt mir selbst Sicherheit und sorgt zugleich für eine angenehme Atmosphäre während der Debatte, so dass sich alle wohlfühlen können. Was mir immer wieder auffällt: Viele Jugendliche gehen leider extrem emotional an ihre Themen heran, dann ist eine Diskussion oft schwierig. Ruhig und sachlich zu bleiben, das lernt man bei Jugend debattiert. 
 

Viele Regierende beherrschen den Politiker-Sprech perfekt, weichen aus. Was halten Sie von den Fähigkeiten der Politik, in einen erfolgreichen Diskurs mit der Jugend zu treten?

Dieses Ausweichen kenne ich gut. Aber es gibt bei Polit-Diskussionen oft einen großen Unterschied, ob es sich um eine öffentlich geführte Debatte im Beisein der Presse handelt oder um eine abgeschlossene Diskussion in kleiner Runde. Man könnte sagen, dass die Politikerinnen und Politiker in unbeobachteten Momenten wie ausgewechselte Persönlichkeiten sind, und dann tatsächlich ihre Meinung sagen und die Probleme offen darlegen. Weil sie eben wissen, dass sie nicht haftbar für das sind, was sie sagen. Das ist dann das Besondere an Konferenzen wie in Glasgow; man hat dort die Möglichkeit, in einem kleineren Rahmen mit den Entscheidungsträgern zusammenzukommen. Ansonsten vermisse ich mit Blick auf die gesamt-politische Diskussionskultur die Idee, dass man nach einer Debatte ein anderer Mensch sein könnte als vorher, vielleicht sogar ein klügerer. Jugend debattiert lehrt einen, nicht in eine Debatte zu gehen, um sie zu gewinnen, sondern, um etwas dazuzulernen. Das fehlt mir in der Politik immer wieder. 

Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit? 

Mein großes Ziel ist, dass Deutschland eine offizielle Jugenddelegation für die nächste Welt-Klimakonferenz stellt, da haben wir einfach den größten Nachholbedarf. Ich werde mich in den nächsten Monaten dafür stark machen, dass dieses Thema rechtzeitig in den Bundestag geht. Deutschland ist in Bezug auf Jugendpartizipation leider wie ein Staffelläufer, der das Rennen allein läuft. Es gibt so viele Jugendliche, die Lust hätten, an Lösungen mitzuarbeiten. Sie haben eine Riesenmotivation und auch kreative Ideen. Anstatt diese Jugendlichen auf die Tribüne zu verweisen, sollten wir das Rennen gemeinsam starten. 

Welche Hobbies haben Sie außer Politik? Bleibt da noch Zeit?

Ich bin leidenschaftlicher Klavierspieler, habe einen eigenen YouTube-Channel namens Joshiano. Dort arrangiere ich gern Poplieder in verschiedenen Styles. Beim zweiten Jugendklimagipfel in Glasgow durfte ich sogar die Abschlusszeremonie mit einem Medley aus „We are the World“ und „Heal the World“ beenden. Durch die Musik eine so tolle Botschaft vermitteln zu können, hat mir Riesenfreude gemacht. Es war etwas ganz Besonderes für mich.

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung