„Debattieren ist eine Schule des Denkens. Die katholische Kirche versucht leider immer wieder, freie Diskurse abzuwiegeln und zu unterbinden“

Presse
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15.01.2019

Der jüngste Theologie-Professor Deutschlands und ehemalige Jugend debattiert-Bundessieger über Debattenkultur in der Institution Kirche; „Viele Menschen sprechen der Kirche die gesunde Urteilskraft ab“

Der Theologe Michael Seewald, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, sieht die Möglichkeit einer freien Debatte in der katholischen Kirche kritisch: „Wie sehr die katholische Kirche zu einer problematischen Sonderwelt geworden ist, zeigt sich ja allein schon daran, dass Menschen mit der Forderung, Frauen die gleichen Rechte einzuräumen wie Männern, bei vielen Bischöfen Entrüstung auslösen“, sagte der 31-Jährige in einem Interview mit der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. „Es wird immer wieder versucht, freie Diskurse abzuwiegeln und zu unterbinden. Dadurch machen manche Kirchenfürsten das Christentum kleiner als es sein könnte.“

Michael Seewald wurde 2004 mit 16 Jahren Bundessieger des Wettbewerbs Jugend debattiert, der jedes Jahr von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung veranstaltet wird, und setzt sich seitdem für eine freie Debattenkultur ein. „Debattieren ist nicht nur eine Fertigkeit, die man sich irgendwie aneignet, sondern eine Schule des Denkens“, so der Theologe. Die großen Kirchen in Deutschland halte er nicht für „debattenscheu“, stellt aber fest: „Beide Konfessionen haben zu jedem Thema irgendetwas Offizielles und Bedeutungsschweres zu sagen, und genau das ist das Problem: Sittliche Urteilskraft wird dem Individuum kaum noch zugetraut, weshalb man ihm eine gütige Leitung durch die heilige Institution angedeihen lässt. Das Ergebnis ist, zumindest auf katholischer Seite, ein Reglungswahn, der mit dem Alltag der meisten Menschen nichts mehr zu tun hat.“

Sinnvolles bleibt ungehört

Vor allem im Bereich der Sexualmoral habe die katholische Kirche „ganz detaillierte Vorstellungen, was wie zu laufen hat – und vor allem: nicht zu laufen hat“, so Prof. Seewald, der 2013 zum Priester geweiht wurde. Der Theologe: „Durch manche aus der Zeit gefallenen Abstrusitäten wird das, wozu das Christentum wirklich etwas Sinnvolles sagen könnte, nämlich zu Fragen der Beziehungsethik, kaum wahrgenommen. Viele Menschen sprechen der Kirche die gesunde Urteilskraft ab. Man kann ihnen das nicht verübeln.“

Spitzen-Forschung im Exzellenzcluster „Religion und Politik“

Prof. Dr. Seewald wurde mit 29 Jahren jüngster Theologie-Professor Deutschlands und zählt heute als Principal Investigator und Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Universität Münster zu den Spitzen-Forschern auf seinem Gebiet. Das neue Forschungsprogramm des Exzellenzclusters, an dem 200 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus mehr als 20 Disziplinen arbeiten, beschäftigt sich mit „Dynamiken von Tradition und Innovation“.

Als 16-jähriger Jugend debattiert-Finalist setzte sich Michael Seewald im Jahr 2004 mit der Frage auseinander, ob die Türkei EU-Mitglied werden solle. „Der Wettbewerb war prägend für mich. Man lernt bei Jugend debattiert Genauigkeit und Selbstsicherheit, aber auch den Umgang mit Kritik und die Fähigkeit, selbst fair zu kritisieren“, so der Professor heute.

Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Seewald lesen Sie hier

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