Tübingen, den 22.09.2026 – Das Hertie-Zentrum für Neurologie (HZN) beging am 22. September 2026 sein 25-jähriges Bestehen mit einem Festakt in der Alten Aula der Universität Tübingen. Zu den Gästen aus Forschung, Medizin und Politik zählten Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir sowie Wissenschaftsministerin Petra Olschowski. Zugleich richtet das HZN seine Arbeit auf die Neuromedizin der kommenden Jahre aus: neurologischen Erkrankungen vorbeugen und sie früher erkennen, Ursachen präziser unterscheiden, Therapien gezielter einsetzen und beeinträchtigte Funktionen technologisch besser unterstützen.
Im Zentrum des Festakts standen die Entwicklung des HZN und seine weitere wissenschaftliche und klinische Ausrichtung: Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen, ordnete das Zentrum in ihrer Begrüßung als prägende Struktur des Tübinger Neurowissenschaftsstandorts ein. Die Perspektiven der Trägerinstitutionen brachten Annette Schavan, Vorstandsvorsitzende der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, Professorin Dr. Sara Y. Brucker, Dekanin der Medizinischen Fakultät, und Professor Dr. Jens Maschmann, Vorstandsvorsitzender und Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Tübingen, in einer gemeinsamen Diskussion ein. Eine wissenschaftliche Expertenrunde mit Forschenden des HZN und einem an Parkinson erkrankten Patienten ergänzte diese institutionelle Perspektive um aktuelle Fragen aus Forschung, Versorgung und der Erfahrung von Betroffenen.
Die Bedeutung des HZN für den Wissenschafts- und Gesundheitsstandort Baden-Württemberg unterstrich Ministerpräsident Cem Özdemir, MdL, anlässlich des Jubiläums: „Diese Einrichtung hat eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Das Hertie-Zentrum für Neurologie ist ein Glücksfall für Tübingen, für unseren Wissenschaftsstandort und für Baden-Württemberg insgesamt. Die einzigartige Verbindung von öffentlicher Hand und privater Stiftung hat hier etwas geschaffen, das weit über unser Land hinausstrahlt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Instituts genießen internationales Renommee. Tübingen steht in der Hirnforschung heute in einer Reihe mit großen Forschungsstandorten wie London und Paris. Darauf können wir stolz sein. Baden-Württemberg ist Wissenschaftsland. Diese Stärke ist über Jahrzehnte gewachsen, weil wir konsequent in Forschung, Innovation und kluge Köpfe investieren. Das Hertie-Zentrum zeigt eindrucksvoll, was daraus entstehen kann. Hier wird Spitzenforschung zu medizinischem Fortschritt. Erkenntnisse aus dem Labor eröffnen neue Möglichkeiten, Krankheiten früher zu erkennen, besser vorzubeugen und wirksamer zu behandeln. Damit solche Durchbrüche möglich sind, braucht Wissenschaft Freiheit und verlässliche Rahmenbedingungen. Seit 25 Jahren steht das Hertie-Institut in besonderer Weise für diese Verbindung aus Exzellenz, Freiheit und Verantwortung. Zu diesem Jubiläum gratuliere ich sehr herzlich.“
Forschung und Versorgung in einer Struktur
Die strukturelle Besonderheit des HZN liegt in der engen Verbindung des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung mit der Neurologischen Universitätsklinik. Das 2001 geschaffene Modell verbindet universitäre Forschung und klinische Versorgung in einer gemeinsamen Struktur; ermöglicht wurde es durch das Zusammenwirken öffentlicher und privater Träger. Ihr gemeinsames Leitprinzip ist die Translation: Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung werden auf ihre Bedeutung für Diagnose und Therapie geprüft; umgekehrt führen Beobachtungen bei Patientinnen und Patienten zu neuen Forschungsfragen.
„Hinter 25 Jahren Hertie-Zentrum stehen vor allem Menschen, die jeden Tag Verantwortung für Patientinnen und Patienten übernehmen“, so Professor Dr. Maschmann. „Gerade bei komplexen neurologischen Erkrankungen ist exzellente Versorgung immer Teamarbeit. Dass am HZN so viele Berufsgruppen und Disziplinen auf höchstem Niveau zusammenwirken, ist eine große Stärke des Zentrums – und dafür gilt allen Mitarbeitenden unser besonderer Dank.“
Neurologie im Wandel
Neurologische Erkrankungen gehören weltweit zu den größten gesundheitlichen Belastungen und sind die führende Ursache für gesundheitliche Beeinträchtigungen und Behinderungen. 2021 waren mehr als drei Milliarden Menschen betroffen. Entsprechend gewinnen Prävention, frühe Erkennung und gezieltere Therapien in Forschung und Versorgung weiter an Bedeutung. Darauf richtet das HZN seine wissenschaftlichen Schwerpunkte der kommenden Jahre aus: Molekulare Präzisionsmedizin für stärker individuell zugeschnittene Behandlungen, Neurotechnologie und Bionische Intelligenz zur technologischen Unterstützung beeinträchtigter Funktionen, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung sowie Prävention und Brain Health zum Erhalt der Gehirngesundheit.
Die wissenschaftliche Weiterentwicklung des HZN stützt sich auf verlässliche institutionelle Strukturen: Als Impulsgeber ist die Gemeinnützige Hertie-Stiftung seit der Gründung ein zentraler Träger des HZN und ein wesentlicher Bestandteil seiner öffentlich-privaten Partnerschaft. Seit 2001 hat sie das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung mit mehr als 70 Millionen Euro gefördert und bildet gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg, der Universität Tübingen, der Medizinischen Fakultät und dem Universitätsklinikum bis heute die institutionelle Grundlage des Zentrums.
Annette Schavan, Vorstandsvorsitzende der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, sagte zum Jubiläum: „Gerade mit Blick auf eine älter werdende Gesellschaft wird die Erforschung neurologischer Erkrankungen weiter an Bedeutung gewinnen. Es kommt deshalb jetzt darauf an, wissenschaftliche Exzellenz weiterzuentwickeln, neue Ansätze schnell in die medizinische Praxis zu bringen und hochqualifizierte Nachwuchstalente für die Neurowissenschaften zu gewinnen. Als Reformmodell hat das Hertie-Zentrum für Neurologie früh neue Wege in der Verbindung von Forschung, klinischer Versorgung und wissenschaftlicher Zusammenarbeit beschritten. Darauf können wir aufbauen: Das Hertie-Zentrum für Neurologie hat dafür in den vergangenen 25 Jahren ein starkes Fundament gelegt und soll auch künftig Impulse für die Medizin von morgen geben.“
Evaluation und strategische Weiterentwicklung
Das HZN und die ihm zugrunde liegenden Strukturen wurden wiederholt extern bewertet. Eine hochrangig besetzte externe Expertenkommission kam 2025 zu dem Ergebnis, dass wesentliche Gründungsziele erreicht seien: Die Forschung an der Schnittstelle von Erkenntnisgewinn und klinischer Anwendung sei innovativ und in einzelnen Bereichen international führend, die klinische Versorgung von hoher Qualität. Zudem habe das HZN entscheidend zur Entwicklung des Standorts Tübingen beigetragen. Auch Nachwuchsförderung und frühe wissenschaftliche Selbstständigkeit wurden positiv bewertet. Bereits 2015 hatte der Wissenschaftsrat die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und das Organisationsmodell des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung gewürdigt und den aufgebauten Strukturen Wirkung über das Zentrum hinaus bescheinigt.
Auf Grundlage der Evaluation von 2025 wird das Zukunftskonzept des HZN derzeit weiterentwickelt. Geplant ist unter anderem eine HZN-Academy, die jungen Talenten früh Eigenständigkeit ermöglichen soll.
„Wissenschaftliche Stärke entsteht dort, wo Forschende immer wieder neue Fragen stellen, unterschiedliche Perspektiven zusammenführen und mit ihrer Arbeit Fortschritte erzielen“, sagte Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen.
„Für uns als Medizinische Fakultät geht es darum, hervorragende Forschung und Patientenversorgung unter Bedingungen zu ermöglichen, die beides dauerhaft tragen“, sagte Dekanin Professorin Dr. Sara Y. Brucker. „Dazu gehören neue Ansätze in Präzisionsmedizin und Prävention ebenso wie die Chance für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, früh eigenständig zu forschen.“
Tübingen als vernetzter Neurowissenschaftsstandort
Heute ist das HZN eng mit dem Tübingen NeuroCampus, dem Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) vernetzt. Über Cyber Valley und Bionic Intelligence Tübingen Stuttgart bestehen zudem Verbindungen zu Künstlicher Intelligenz und Neurotechnologie. Damit verbindet der Standort universitäre Medizin und Grundlagenforschung zunehmend auch mit technologischer Entwicklung.
„Wir können neurologische Erkrankungen zunehmend genauer nach ihren biologischen Ursachen, den beteiligten neuronalen Netzwerken und ihren individuellen Verläufen verstehen“, sagte Professor Dr. Holger Lerche, Vorstandsvorsitzender des HZN. „Jetzt kommt es darauf an, daraus konkrete Fortschritte für Diagnose, Behandlung und Prävention zu entwickeln. Dafür wollen wir klinische Erfahrung, Grundlagenforschung und neue Technologien am HZN enger zusammenbringen.“