Silvia-Tennenbaum-Stipendium
Writer-in-Residence-Programm
Die weltweite Zunahme von antisemitischem Denken und Handeln ist eine zentrale Herausforderung für die liberale Demokratie. Mit dem Silvia-Tennenbaum-Stipendium gibt die Hertie-Stiftung Autorinnen, Kritikern und Künstlerinnen, die sich mit dem Themenkomplex Antisemitismus, Erinnerungskultur und Demokratie beschäftigen, die Möglichkeit, ein neues Projekt umzusetzen. Die Stipendiaten halten sich einen Teil der Zeit in Frankfurt auf und nehmen an internen und öffentlichen Veranstaltungen der Stiftung teil.
Auf einen Blick
Die Stipendiaten 2027
Alexander Estis
Der Schriftsteller Alexander Estis wird das Stipendium nutzen, um sich in einem literarischen Langessay mit aktuellen Phänomenen des Antisemitismus zu beschäftigen.
„Die Bewerbung von Alexander Estis hat die Jury durch ihre außergewöhnliche Verbindung von literarischer Gestaltungskraft, analytischer Schärfe und gesellschaftlicher Relevanz überzeugt. Mit seinem geplanten Essayprojekt wird er einen wichtigen Teil zur hochaktuellen Debatte über neue Erscheinungsformen des Antisemitismus beitragen.“
Prof. Dr. Sascha Spoun, Mitglied der Jury
Sie beschäftigen sich mit Erscheinungsformen des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023, insbesondere in Kultur und Medien. Was kommt in der Debatte in Ihren Augen derzeit zu kurz?
Es fehlt an einem Verständnis der so überaus zahlreichen Erscheinungsformen des Antisemitismus, seiner staunenswerten Wandelbarkeit – bei einem ebenso staunenswert konstanten Kern. Der Antisemitismus ist chamäleonisch, chimärisch, aalglatt entgleitend, selbstverleugnend: Er umfasst oftmals seine eigene, sich selbst legitimierende Antisemitismusdefinition. Und er häutet sich immerfort. Seit dem 7. Oktober 2023 hat er wieder neue Erscheinungsformen entwickelt. Und jedes Mal glauben Menschen: Diesmal ist es anders, diesmal ist es kein Vorurteil, diesmal ist etwas Wahres dran, diesmal haben es die Juden doch nun wirklich zu weit getrieben.
In einem Langessay wollen Sie Analyse, persönliche Erfahrung und Satire miteinander verbinden. Warum ist gerade diese vielstimmige literarische Herangehensweise für das Thema wichtig?
Einerseits ist das vielleicht einfach mein Zugang zu fast allen Phänomenen. Andererseits sorgt vielleicht gerade die besagte Vielgestaltigkeit und Wandelbarkeit des Antisemitismus dafür, dass er rein definitorisch und analytisch, dass er von nur einer Seite, aus einer Perspektive schwer zu greifen ist. Die Literatur kennt Mittel und Wege, der Diffusität des Emotionalen Ausdruck zu verleihen. Und die Satire kann die daraus erwachsende Abstrusität und Monstrosität bloßstellen. Das Klischee wird im Lachen erschüttert. Der Antisemit, besonders der verschwörungstheoretische Typus, hält sich für wahnsinnig ernst, seine Anliegen für moralisch erhaben, dringlich und absolut; nichts trifft den Antisemitismus so sehr wie der Witz.
Über welche Leserschaft würden Sie sich für das Buch freuen?
Über eine Leserschaft, die bereit ist, zuerst zu lachen – und sich dann sofort zu fragen, warum ihr das Lachen im Hals steckenbleibt.
Yari Or
Yari Or ist Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences. Als Tochter eines Holocaust-Überlebenden beschäftigte sie sich für ein Dokumentarfilmprojekt intensiv mit dem Fall Oskar Gröning. Ihre Erfahrungen während dieser Recherche verarbeitet sie nun in einem Roman.
„Yari Or setzt sich am Beispiel Oskar Grönings, des ‚Buchhalters‘ von Auschwitz, mit Ambivalenzen und Paradoxien im Zusammenhang von Geschichte und Erinnerungskultur auseinander. In einem literarischen Memoir reflektiert sie darüber, wie ein Dokumentarfilm, der Ordnung schaffen sollte, sich gegen seine Urheberin kehrt. Die obsessive Beschäftigung mit dem Täter von einst führt die Filmemacherin in die eigene Familiengeschichte, lässt vertraute Kategorien wie Täter und Opfer, Schuld und Unschuld brüchig werden und wirft schließlich die Frage auf, was Gerechtigkeit eigentlich sein kann.“
Prof. Dr. Maximilian Benz, Mitglied der Jury
Sie sind Tochter eines NS-Verfolgten und haben den Prozess gegen Oskar Gröning, den sogenannten Buchhalter von Auschwitz, filmisch begleitet. Was hat Sie dabei besonders überrascht?
Als ich anfing zu filmen, erschien mir die Sache klar: Ein SS-Täter war aus irgendeinem Grund in der Vergangenheit nicht vor Gericht gestellt worden, aber jetzt würde es späte Gerechtigkeit geben. Doch je mehr ich recherchierte, desto mehr löste sich diese einfache Gewissheit auf. Ich fand heraus, dass gegen Oskar Gröning bereits viermal ermittelt worden war. Doch die Ermittlungen waren immer wieder eingestellt worden. Ich erlebte dann selbst, wie Ermittlungen gegen noch lebende Täter ins Leere liefen. Mein Bild von Gerechtigkeit begann zu bröckeln. Ich stellte mir mehr und mehr die Frage, ob Gerechtigkeit im Fall des Holocaust überhaupt durch rechtliche Mittel zu erreichen sei – und was bliebe, wenn das nicht der Fall wäre.
Nun wird aus dieser langjährigen Recherche ein literarischer Text. Was kann Literatur sichtbar machen, was dokumentarische oder historische Recherche allein nicht erfassen kann?
Literatur geht tiefer und weiter. Im Fall meines Buchprojektes kann Literatur Komplexität von Erfahrung vermitteln und den Blick auf die Innenperspektive der Erzählerin ermöglichen. Das Buch ist ein Memoir, das heißt, es ist ein Roman, aber er ist autobiografisch. Auf der Handlungsebene erzählt es, wie die Protagonistin als junge Regisseurin diesen Dokumentarfilm macht, wie sie Überlebende, Anwälte und den Täter trifft. Aber es geht eben tiefer und weiter: Es erzählt auch von Träumen, dem körperlichen Schrecken, der in ihrer Familie wie in vermutlich allen Familien von Überlebenden vererbt wurde, von verdrängtem Wissen und was passiert, wenn es auf einmal ans Tageslicht tritt. Und es erzählt immer wieder von dem ernsthaften, manchmal verzweifelten, manchmal komisch-absurden Kampf der Hauptfigur, Gerechtigkeit für das zu finden, was ihrer Familie angetan wurde.
Welche Antworten kann Literatur auf das Ende der Zeitzeugengeneration geben?
Mit dem Ende der Zeitzeugengeneration verschiebt sich die Perspektive auf den Holocaust. Wir befinden uns bereits in der dritten oder gar vierten Generation der Nachfahr:innen. In einer Zeit, in der Erinnerung eigentlich nur noch vermittelt erfahren wird, verschiebt sich damit auch die Rolle von Literatur. Sie muss neue Formen finden, um von einem Ereignis zu erzählen, dessen Folgen nicht mehr erinnert werden können, aber immer noch gegenwärtig sind. Mein Roman versteht sich als Beitrag zu dieser Suche. In ihm tritt an die Stelle der unmittelbaren Erinnerung die Frage, was der Holocaust mit den Nachkommen gemacht hat und noch immer macht. Er erzählt davon, wie seine Nachwirkungen in der Gegenwart fortleben, aber es verschiebt den Fokus weg von einer einfachen Erzählung hin zu der Komplexität, Hybridität und Fluidität von Identitäten der Nachfahr:innen heute.
Die Stipendiaten 2026
Arndt Emmerich
Der Kultursoziologe Dr. Arndt Emmerich, Junior Professor an der University of Hertfordshire in England, wird das Stipendium nutzen, um sich mit den urbanen Begegnungen zwischen Juden und Muslimen in Frankfurt und London zu beschäftigen.
„Seine wissenschaftliche Exzellenz verbindet sich mit der Fähigkeit, komplexe Erkenntnisse in einen breiteren gesellschaftlichen Dialog einzubringen. Besonders beeindruckte seine Haltung, geprägt von Ernsthaftigkeit, Empathie und intellektueller Aufrichtigkeit. Damit verkörpert er in herausragender Weise den Anspruch des Silvia-Tennenbaum-Stipendiums."
Stefanie Kreyenhop, Mitglied der Jury
Warum interessieren Sie sich für das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Europa?
Ich interessiere mich für dieses Verhältnis, da es ein Barometer für die zentralen Herausforderungen postmigrantischer Gesellschaften in Europa ist. In der öffentlichen Debatte werden jüdische und muslimische Gemeinschaften oft als antagonistische Gegensätze dargestellt. Dabei wird die Komplexität und Widerstandsfähigkeit ihrer tatsächlichen Beziehungen ignoriert und die verschiedenen lokalen Solidaritätsgemeinschaften aus gemeinsamen Erfahrungen von struktureller Diskriminierung und Ausgrenzung als Minderheiten in Deutschland außer Acht gelassen.
Mit meiner Forschung möchte ich diese Vereinfachungen durch empirische, ethnografische Fakten über Koexistenz und Solidarität korrigieren. Ich möchte zeigen, dass im Alltag der Stadtviertel, abseits der politischen Schlagzeilen, oft eine vielschichtige und generationenübergreifende Verbundenheit existiert, die für die Stabilität unserer Demokratie von unschätzbarem Wert ist.
Was fanden Sie bei Ihren bisherigen Untersuchungen im Frankfurter Bahnhofsviertel besonders bemerkenswert?
Besonders bemerkenswert fand ich die Resilienz sowie den pragmatischen Ansatz der Nachbarschaftshilfe, die sich über Jahrzehnte hinweg zwischen jüdischen und muslimischen Akteuren entwickelt haben. Meine Forschung hat ergeben, dass diese Beziehungen oft tief in gemeinsamen Erfahrungen der Marginalisierung, der Migration und der Not verwurzelt sind, also im geteilten Status als Minderheit. Diese „urbanen Skripte der Konvivialität” sind viel älter und robuster als die formalen Dialoginitiativen der letzten zwanzig Jahre. Sie beinhalten gegenseitigen Schutz und ökonomische Solidarität und zeigen, dass die Fundamente des Zusammenlebens in lokalen Quartieren nicht in abstrakter Toleranz, sondern in konkreter, über Generationen gewachsener Zusammenarbeit liegen.
Wen möchten Sie mit dem geplanten Sachbuch erreichen?
Mit meinem geplanten Sachbuch möchte ich drei zentrale Gruppen erreichen. Erstens möchte ich Politiker und Stadtplaner erreichen, um ihnen evidenzbasierte Einblicke in die tatsächliche Wirkung von Integrations- und Kulturpolitik zu vermitteln. Zweitens möchte ich Lehrer und Studierende erreichen, um ihnen einen differenzierten ethnografischen Blick auf die Geschichte und Soziologie der Vielfalt in Deutschland zu ermöglichen. Am wichtigsten ist mir die breite Öffentlichkeit, die durch Schlagzeilen oft nur polarisierte Bilder sieht. Das Buch soll als Gegennarrativ dienen, Mut machen und die Macht der alltäglichen Verbundenheit sowie die Fähigkeit der Gesellschaft zur Veränderung von unten nach oben in den Vordergrund stellen.
Dana von Suffrin
Die Schriftstellerin Dr. Dana von Suffrin wird das Stipendium nutzen, um ein Drehbuch über die Lebensgeschichte von Philipp Auerbach zu schreiben, der als Jude den Holocaust überlebte und 1946 in Bayern zum Staatskommissar für rassistisch, religiös und politisch Verfolgte wurde – ein Amt, dass er sehr engagiert ausführte, bis er aufgrund einer antisemitischen Hetzkampagne zu Unrecht verurteilt wurde und sich daraufhin das Leben nahm.
„Die Jury zeigte sich von diesem Beitrag zur Erinnerungskultur begeistert, der einem breiten Publikum Einsicht in ein tragisches Schicksal ermöglicht und an diesem historischen Fall die fatalen Wirkungen von Hassrede und Diffamierung veranschaulicht.“
Prof. Dr. Maximilian Benz, Mitglied der Jury.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit dem Schicksal von Philipp Auerbach zu beschäftigen?
Ich bin Münchnerin und habe immer wieder von Auerbach gehört, auch im Studium, ich bin Historikerin. Ich habe schon zu einigen historischen Themen künstlerisch gearbeitet, zu den Displaced Persons in München habe ich ein Hörspiel geschrieben. Ich bin damals wieder auf Philipp Auerbach und seine Behörde gestoßen. Mich hat seine Lebensgeschichte sehr bewegt, das war ja keine klassische Politikerbiografie. Ich habe dann sehr lange überlegt, wie ich den Stoff fiktionalisieren und trotzdem der historischen Person und ihrem schweren Schicksal gerecht werden könnte.
Was bewegt Sie an der Geschichte und wieso ist sie ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur?
Erstens ist Auerbach wirklich fast vergessen – das ist an sich schon ein Skandal. Mich persönlich hat sehr imponiert, mit viel Energie, moralischer Entschiedenheit und Hilfsbereitschaft Auerbach seinen Klienten geholfen hat, er hat übrigens auch schon sehr früh andere Opfergruppen wie Sinti und Roma miteinbezogen, das war damals sehr, sehr progressiv. Zweitens erfahren wir auch durch seine Biografie und sein Werk viel über die Lebensrealität der Displaced Persons im Nachkrieg – und umgekehrt natürlich auch über Deutschland in den 1950ern.
Warum reizt Sie der Fernsehfilm als Format für Ihren Stoff?
Ich habe zunächst ein Hörspiel geschrieben, das fast ausschließlich im Landesentschädigungsamt spielt. Auerbach taucht darin kaum auf – ich habe fast nur andere über ihn sprechen lassen, weil ich dachte, so könnte ich symbolisch zeigen, dass er, als der antisemitische Skandal begann und sich die Schlinge um seinen Hals immer enger zuzog, irgendwann gar kein Akteur mehr in diesem ganzen Drama war, sondern nur noch ein Opfer. Für das Drehbuch möchte ich einen anderen Zugang wählen, Auerbach soll hier im Zentrum stehen.
Das Stipendium
Das Silvia-Tennenbaum-Stipendium richtet sich an Autoren, Kritikerinnen und Künstler, deren Praxis auf Schreiben basiert und die sich inhaltlich mit den Themen Antisemitismus, Erinnerungskultur und Demokratie beschäftigen. Europäische Bewerbungen sind willkommen, sehr gute Deutschkenntnisse werden vorausgesetzt.
Im Rahmen des Programms setzen die Stipendiaten ein konkretes Projekt um. Dies kann etwa eine Publikation, eine Ausstellung oder ein Filmdrehbuch sein. Sie nehmen zudem an internen und externen Veranstaltungen der Hertie-Stiftung teil und partizipieren an Austauschformaten mit Frankfurter Initiativen und Organisationen im Themenumfeld.
Innerhalb des sechsmonatigen Stipendiums verbringen die Stipendiaten drei Monate in Frankfurt. Die Zeiträume des Aufenthalts können flexibel gewählt werden.
Die Förderung der Stipendiaten umfasst eine monatliche Zuwendung von 2.000 Euro für sechs Monate sowie einen Mietzuschuss in Höhe von 2.500 Euro für drei Monate Aufenthalt in Frankfurt.
Das Stipendium wird einmal im Jahr vergeben.
Das Leben von Silvia Tennenbaum
Der Film erzählt die außergewöhnliche Lebensgeschichte der am 10. März 1928 geborenen Frankfurter Schriftstellerin Silvia Tennenbaum.
Die Jury
Über den Zuschlag entscheidet eine Jury der Hertie-Stiftung, die die Einsendungen nach den folgenden drei Leitkriterien beurteilt:
- Relevanz
Ist das gewählte Thema bedeutsam für die gesellschaftliche Debatte? Beleuchtet es neue und relevante Perspektiven oder Aspekte? - Originalität
Ist der künstlerische Ansatz originell und kreativ? Passt die angestrebte Umsetzungsform zum Thema? - Strahlkraft
Verspricht das geplante Projekt Wirkung in der öffentlichen Wahrnehmung und Inspiration für andere Autoren und Künstler?
Jury-Mitglieder
Prof. (HSG) Dr. Sascha Spoun
Prof. Dr. Maximilian Benz
Prof. Dr. Sascha Feuchert
Julia Karnahl
Stefanie Kreyenhop
Kontakt
Julia Karnahl
Interviews & Reportagen zum Thema
Weiterlesen.
Das Digital Holocaust Memorial (DHM) ist ein interaktives, digitales Bildungsangebot partizipativer Erinnerungskultur, das von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung über den Fonds zur Antisemitismus-Bekämpfung und Aufklärung gefördert wird. Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, empfiehlt das DHM als wichtigen und zukunftsweisenden Beitrag zur Erinnerungskultur.
Mit dem "Fonds für Antisemitismus-Bekämpfung und Aufklärung" fördert die Hertie-Stiftung über ihr bereits vorhandenes Engagement hinaus zusätzlich Projekte und Initiativen, die sich für die Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus und für jüdisches Leben in Deutschland einsetzen. Durch Unterstützung von Bildungs- und Dialogprojekten wollen wir zur Aufklärung und Stärkung der Gesellschaft und zu Toleranz beitragen.