Die Gewinner der Vorjahre

Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe 2017

Spurwechsel

Seit Anfang 2016 arbeiten die MS-Betroffene, Texterin und Interviewerin Anke Breuer und der Fotograf Markus Paulußen an ihrem Foto-Text-Projekt Spurwechsel. Dabei gelingt es ihnen in ihrer Fotoausstellung, die 1.000 Gesichter der MS in Form von tatsächlichen Gesichtern und Geschichten auf eindrucksvolle Art und Weise darzustellen. Alle Texte und Collagen sind auch auf der Homepage www.spurwechsel-ms.de zu sehen. Mit dem Preisgeld in Höhe von 7.500 Euro soll eine zweite Ausstellung sowie die Ausweitung des Projektes auf das Ausland finanziert werden.

Radfahrlust

Seit 10 Jahren organisiert Klaus Vock, Leiter der Darmstädter Selbsthilfegruppe Radfahrlust und selbst MS-Betroffener, jährlich Radtouren für MS-Erkrankte. Gleichgesinnte schwingen sich in den Sattel von speziellen Liegedreirädern und radeln mehrere Tage durch den Südwesten Deutschlands und sogar in die Nachbarländer. MS-Betroffenen soll über das Radfahren wieder Spaß an Bewegung, fröhlicher Austausch und eine gute Zeit ermöglicht werden. Die Räder werden den Teilnehmern dabei größtenteils kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Preisgeld in Höhe von 7.500 Euro wurde für eine Tour verwendet, die unter dem Motto Freiheit, Teilhabe, Toleranz in und um Berlin stattfand.

Münchenstift

Das Alfons-Hofmann-Haus des Münchenstifts gewährleistet seit 2008 eine Eins-zu-Eins-Betreuung von MS-Betroffenen. Die Pflegeeinrichtung gehört damit zu den wenigen, die speziell für MS-Erkrankte aufgestellt sind. Zahlreiche Ehrenamtliche kümmern sich engagiert um jeden einzelnen Bewohner und unterstützen auch bei Gruppenveranstaltungen wie Lesungen, Festen und anderen Unternehmungen. Daneben bilden sie sich – ebenfalls ehrenamtlich – in den Stift-eigenen Schulungen fort. Ziel ist, den Bewohnern durch gute Pflege und Versorgung, aber auch eine gute psychosoziale Begleitung, ein gutes Leben zu ermöglichen. Vom Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro möchten die Ehrenamtlichen des Münchenstifts einen Pavillon, neue Terrassenmöbel und einen großen Grill für die beliebten Grillabende im Sommer anschaffen und Ausflüge finanzieren.

Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe 2016

NCL-Stiftung
NCL (Neuronale Ceroid Lipofuszinose) ist eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns, die ähnlich wie der Morbus Alzheimer ein schrittweises Absterben von Nervenzellen verursacht. Betroffen sind jedoch Kinder, die oftmals schon im Grundschulalter erkranken und nur selten ihr 30. Lebensjahr erreichen. Denn NCL gehört zu den seltenen und tödlich verlaufenden Erkrankungen, für die es bislang kaum Therapiemethoden und kein Heilmittel gibt. Seit 2002 setzt sich deshalb die NCL-Stiftung für die Erforschung der sogenannten Kinderdemenz ein, hat Forschungskooperationen initiiert sowie Forschungspreise- und Stipendien vergeben.
Ein weiteres großes Ziel der Stiftung ist die Aufklärung über Symptome und Verlauf von NCL. In diesem Zusammenhang wurde das Schulprojekt „NCL macht Schule“ in Hamburg initiiert. Ziel ist, gerade die jüngeren Generationen auf die Problematik von seltenen Erkrankungen aufmerksam zu machen. Das Projekt ist modulartig aufgebaut und kann ergänzend zum Biologieunterricht der gymnasialen Oberstufe eingesetzt werden. Neben theoretischen Grundlagen bekommen die Schülerinnen und Schüler unter anderem Einblicke in die praktische Arbeitsweise eines medizinischen Labors und können Analysemethoden und Diagnostik im Rahmen eines Schülerlabors selbst erproben und durchführen.
Die Jury des Hertie-Engagementpreises würdigt insbesondere das Schulprojekt der NCL-Stiftung, das Theorie und Praxis miteinander verbindet und Schülerinnen und Schüler weiter für das Thema seltener Erkrankungen sensibilisiert. Die Hertie-Stiftung honoriert dieses Engagement mit einem Preisgeld in Höhe von 12.500€ und unterstützt damit die weitere Umsetzung von „NCL macht Schule“.

Theaterpädagogisches Zentrum Sachsen e.V.
Ein Leben mit Demenz konfrontiert Betroffene wie Angehörige mit einer Reihe von Herausforderungen, schmerzlichen Erfahrungen und Einschränkungen – auch eine vollwertige Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben ist für Demenzkranke oftmals nicht mehr möglich. Dem wollten Walter Henckel und Dirk Strobel vom Theaterpädagogischen Zentrum Sachsen e.V. entgegenwirken und haben das Theaterstück „Die Väter“ initiiert und umgesetzt. Das Stück richtet sich speziell an Demenzerkrankte, Angehörige und Senioren in Pflegeeinrichtungen und greift nicht nur thematisch typische Situationen und Probleme auf, sondern ist auch in Art und Weise der Inszenierung auf die kognitiven Möglichkeiten der Zielgruppe abgestimmt. So sind einzelne Szenen nicht länger als 10 Minuten und das Stück wird in den Pflegeeinrichtungen selbst aufgeführt. Rund um Dresden wurde „Die Väter“ in diesem Jahr bereits mehrfach gezeigt, weitere Aufführungen sowie ein Stückwettbewerb sind in Planung.
Die Jury des Hertie-Engagementpreises würdigt die erstmalige Entwicklung und Umsetzung dieser zielgruppenorientierten Theaterform mit einem Preisgeld von 7.500€ und schätzt insbesondere die Zielsetzung des Projekts – nämlich Demenzkranken und ihren Angehörigen sowie Senioren in Pflegeeinrichtungen die Teilhabe an kulturellen Angeboten weiterhin zu ermöglichen.

DPV Regionalgruppe Bad Segeberg & das Projekt „Segeberger Symposien“
Schon zum dritten Mal initiiert Bernd Braun die Segeberger Symposien, die unter dem Motto „Medizin trifft Kunst“ stattfinden. Bernd Braun, seit 2005 an Parkinson erkrankt, weiß, dass die Krankheit ihre Betroffenen nicht nur mit körperlichen Einschränkungen konfrontiert, sondern im Krankheitsverlauf auch psychologische Begleiterscheinungen wie Angst und Depressionen auftreten können. Das Symposium bietet Workshops zu Tanz, Musik, Gesang und Theater an, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst die aktivierende Wirkung von Musik erleben können. Ziel der Workshops ist es, Betroffene nicht nur in physiologischer Hinsicht zu motivieren, sondern auch Raum für gemeinsames Erleben und gegenseitigen Austausch zu bieten.
Die Jury des Hertie-Engagementpreises würdigt insbesondere den kreativen Einsatz, mit dem die Segeberger Symposien initiiert wurden und fördert mit einem Preisgeld von 5.000€ ihren Fortbestand.

Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe 2015

BAER - Mentoring-Projekt für Kinder und Jugendliche mit Multipler Sklerose
Wie bei anderen schweren Krankheiten im Kindesalter empfinden die meisten Kinder mit juveniler MS die Diagnose regelrecht als Verlust ihrer Kindheit. Besonders, da die MS zu den vergleichsweise seltenen Erkrankungen zählt, tausend verschiedene Gesichter hat und dadurch besonders schwer zu diagnostizieren ist. Despina Sivitanides-Middelmann, selbst als Jugendliche an MS erkrankt und mit dem Spießrutenlauf vertraut, setzt sich als Erwachsene heute mit dem Projekt BAER für diese Kinder ein. BAER steht für Barrierefreiheit, Alltagsunterstützung, Erlebnisreichtum und Respekt – vier Säulen eines ehrenamtlichen Projekts, mit denen Kinder und Jugendliche auf ihrem schwierigen Krankheitsweg von Mentoren unterstützt werden. Aufklärung von Fragen zur chronischen Erkrankung, Begleitung bei administrativen Vorgängen und alltägliches wie „Pieks-Hilfen“ sollen für die Betroffenen langfristig den Weg in die Selbständigkeit bereiten. Projektträger bei der Ausbildung der Mentoren ist die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft in NRW (zum Projekt).
Die Jury des Hertie-Engagementpreises würdigt bei dem Projekt die Kreativität und den persönlichen Einsatz von Frau Sivitanides-Middelmann, die u.a. auch mit der Aktion Lesend helfen des Esch Verlags kooperiert und die prominente Comedy-Größe Annette Frier als Fürsprecherin gewann. Die Hertie-Stiftung honoriert dieses vorbildliche Engagement mit einem Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro.

Demenz-Servicezentrum NRW für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte der AWO
Menschen mit Demenzerkrankungen verlieren ihr Kurzzeitgedächtnis und ihre Erinnerungen beschränken sich zunehmen auf Kindheit und Jugend. Bei Zuwanderern bedeutet dies oft sowohl den Verlust der Zweitsprache als auch Erinnerungen an die neue Kultur – eine Herausforderung für Angehörige und Pflegepersonal. Das Demenz-Servicezentrum NRW für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (www.demenz-service-migration.de) stellt bedarfsgerechte Unterstützungsangebote für Betroffene bereit. So gibt es muttersprachliche Beratungen in Russisch und Türkisch (die statistisch größten Zuwanderergruppen in der Altersklasse), Austausch mit Fachkräften aus diesen Herkunftsländern, Entwicklung kultursensibler Materialien wie Karten mit Sprichwörtern und vieles mehr. Ein aktuelles Großprojekt war der Dreh des Dokumentarfilms „Uns bleibt die Liebe“ von und für Demenzerkrankte (in Kooperation mit Medienprojekt Wuppertal e.V.). Der Film in russischer Sprache mit deutschen Untertiteln portraitiert den Lebensalltag in den Familien, klärt auf und sensibilisiert für das Thema, dass in unserer Migrationsgesellschaft künftig zunehmend aktueller wird.
Die Jury des Hertie-Engagementpreises würdigte besonders den innovativen Ansatz eines Dokumentarfilms von und für Demenzerkrankte mit Zuwanderungsgeschichte und den Modellcharakter für weitere Initiativen dieser Art. Die Hertie-Stiftung honoriert dieses vorbildliche Engagement mit einem Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro.

Berufskolleg Stadtmitte in Mühlheim an der Ruhr in Zusammenarbeit mit der Alzheimer Gesellschaft Mühlheim e.V.
Am Berufskolleg Mühlheim gibt es einen Bildungszweig für das Sozial- und Gesundheitswesen. Während ihrer Ausbildung erfahren die Teilnehmer viel über Demenz, ein Krankheitsbild, um das künftige Alten- oder Krankenpfleger nicht herumkommen. Auf Initiative zweier Jugendlicher (Sarah Lohkamp und Lucca Thannheimer) hat sich im Jahr 2014 eine ganze Schülergruppe gefunden, die das Erlernte in der Praxis erproben wollte, aber weit über den Schulalltag hinaus Motivation zeigte. Die engagierten jungen Leute fragten bei der Alzheimer Gesellschaft in Mühlheim nach Teilnahmemöglichkeiten und brachten sich bald nicht nur aktiv in vorhandene Programme ein, sondern entwickelten mit großem Einsatz eigene konzeptionelle Ideen. Die Schüler beteiligten sich an der Betreuung Demenzkranker, unterstützten bei Vorträgen und im Austausch mit Angehörigen und erstellten kreativ Broschüren und Trainingspläne. Darüber hinaus warben sie Spenden ein, von denen sie Laptop, Kamera und Beamer anschafften, um ihre Erfahrungen zu dokumentieren und andere Schulklassen zum Mitmachen zu motivieren.

Die Jury des Hertie-Engagementpreises würdigte besonders den Mut der jungen Menschen, sich so intensiv und ohne Berührungsängste mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen – für 17-jährige längst nicht selbstverständlich. Die Initiative hat Modellcharakter für weitere Projekte dieser Art überall in Deutschland. Die Hertie-Stiftung honoriert dieses vorbildliche Engagement mit einem Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro.