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Prof. Dr. Brücker, Foto: Wolfram Murr
Interview mit Prof. Dr. Herbert Brücker, März 2024

Wir müssen echte Chancengleichheit erreichen.

Prof. Dr. Herbert Brücker ist im Direktorium des von der Hertie-Stiftung gegründeten BIM – Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität und leitet dort die Abteilung für Ökonomie.
Demokratie stärken

Ist die Integration in Deutschland gescheitert? 

Knapp 30 % unserer aktuellen Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Wie Befragungen zeigen, teilt die überwiegende Mehrheit die Grundsätze von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, auch der Trennung von staatlichen und religiösen Angelegenheiten. Die Bedrohung unserer Demokratie durch Migrantinnen und Migranten ist gegenwärtig sicherlich geringer als die desintegrativen, antidemokratischen und rassistischen Tendenzen, die man in Teilen der Mehrheitsgesellschaft beobachten kann. Es wurden in der Vergangenheit bei der Integration in Wirtschaft, das Bildungssystem und die Gesellschaft eindeutig Fehler gemacht und es sind noch immer viele Probleme zu lösen. Aber wir haben gerade in den vergangenen 20 Jahren auch viel dazugelernt und erreicht. 

Ist unser Land auf dem Weg der Islamisierung? 

 Gerade einmal 7 bis 8 % unserer Bevölkerung kommen aus muslimisch geprägten Ländern – und das sind bei Weitem nicht immer Muslime. Der Großteil der eingewanderten Menschen ist konfessionslos, christlich-orthodox oder katholisch. Das gilt auch für die Einwanderung im letzten Jahrzehnt. Ein fundamentalistischer Islam lässt sich nur bei kleinen Minderheiten beobachten. Unsere Immigration ist heute zudem so divers, dass eigentlich keine bestimmte Gruppe je dominant werden kann. 

Was ist mit dem „neuen Antisemitismus“? 

 Der ist ein nicht wirklich neues und vor allem ein gesamtgesellschaftliches Problem, das in letzter Zeit nur sichtbarer, teilweise auch ausgeprägter geworden ist. Antisemitismus oder die Tendenz dazu zieht sich leider durch fast alle gesellschaftlichen Gruppen und Schichten. Es gibt ohne Zweifel gegenwärtig auch einen israelbezogenen Antisemitismus unter Migrantinnen und Migranten aus dem arabischen Raum. Aber gerade die deutsche Bevölkerung hat wenig Grund zu Hochmut. Wir müssen uns diesem Problem in seinen unterschiedlichen Spielarten stellen, miteinander reden, die Ursachen ergründen und darüber aufklären. 

BIM

Das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung ist ein Interdisziplinäres Zentrum an der Humboldt-Universität zu Berlin mit acht     Abteilungen. Ziel des Instituts ist es, neue Perspektiven auf die Integration moderner Gesellschaften als „Migrationsgesellschaften“ zu eröffnen.

Website des BIM

Was müssen wir tun, damit Migration und Integration noch besser funktionieren? 

Am wichtigsten wäre es derzeit wohl, in der Gesamtbevölkerung eine höhere Akzeptanz und eine positivere Sichtweise zu fördern. Da haben sich zum Teil Haltungen und Stimmungen breit gemacht, durch die sich migrantische Mitbürgerinnen und Mitbürger alles andere als angenommen fühlen. Das weiß man aus Befragungen derer, die hier leben, aber auch unter denjenigen, die unser Land wieder verlassen haben. Und wir müssen echte Chancengleichheit erreichen. Angefangen von unserem noch immer hoch selektiven Bildungssystem – da hinken wir anderen OECD-Ländern hinterher – über die Arbeitswelt bis hin zur Wohnungssuche. Für alle zugewanderten Menschen sollten wir noch mehr Angebote zur Überwindung von Hürden aller Art schaffen, damit möglichst alle, die einen positiven Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten möchten, das auch tun können. 

INFO  Das Interview führte *fehlt* für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung  

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